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Inhalt

(Einführung)

Kapitel 1

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Kapitel 2

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

Teil 7

Kapitel 3

Teil 1

Teil 2

Kapitel 4

Kapitel 5

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Kapitel 6

Teil 1

Teil 2

Teil 3

DIE VERRÜCKTEN STEHEN IN DER SONNE - ein Roman (Kapitel zwei, Teil sechs)

Leise und sanft schwemmt es mich aus dem Schlaf; ich tauche immer wieder kurz ein in den weichen, milchigen Zustand, dann wird meine Aufmerksamkeit erneut von einem kleinen Klappern oder Glucksen wie aus der Ferne geweckt. Dabei erkenne ich jedesmal ein neues Bruchstück meiner Umgebung, die sich so langsam zu einem fremden, aber verständlichen Bild zusammensetzt: als entstünde aus winzigen Puzzle-Teilen, seltsam geformt und undefinierbar bedruckt, durch die Verbindung mit einem Mal ein Haus, ein Baum oder ein Gesicht.

So wie das Gesicht neben mir, das mich jetzt anstrahlt und Guten Morgen sagt, gleich aus dem Bett schlüpft und als oberster Teil eines nackten, schlanken Körpers durchs Zimmer schwebt. Dieser Körper hat vor ein paar Stunden mir gehört, und dieser Satz erschreckt mich und erfüllt mich mit einem eigenartigen Stolz, noch ehe ich ihn Wort für Wort richtig zu Ende gedacht habe.

Sie sieht meinen Blick und lacht, schüttelt den Kopf, nein nein, es ist schon halb neun. Wieso, denke ich. Ach ja, Marco, die Proben, all die Gesichter und Dinge müssen sich in meinem Kopf, in der neuen Realität erst wieder Raum schaffen, Zugang. Dusch du zuerst, sagt sie und verschwindet in Dominiks Zimmer. Ich werfe einen kurzen Blick rein, er sitzt auf dem Boden und zerlegt ein farbiges Plastikteil. Dann stehe ich unter der Dusche und lasse mir eiskaltes Wasser über den Nacken den Rücken hinunterlaufen. Sehe an mir herab und spanne alle möglichen Muskeln an: fühle mich unglaublich stark um ein schweres Zentrum gebaut. Wir sehen uns heute abend, sagt sie mit einem angedeuteten Fragezeichen am Schluß, küßt mich flüchtig, immer noch nackt, ich schlüpfe durch den Türspalt, renne die Treppe hinunter, durch die offene Tür ins Leben.

Du siehst ja aus wie ein Lottogewinner, wirft mir Cag entgegen, als ich ins Auto steige. Der blödsinnige Satz bläst mir für einen Moment das Lächeln aus dem Gesicht. Und du wie der Geldbriefträger, gebe ich zurück. Track riecht mir einen Joint nach hinten, aber ich gebe ihn gleich an Cag weiter. Der murmelt irgendwas von Deedees offensichtlich endlich doch noch geglückter Gesundheitsapostelmission; ich sehe aus dem Fenster in die Sonnenstrahlen und wünsche mir, draußen zu sein und stillzustehen.

Der Tag vergeht so langsam, als wäre er gelähmt; immer wieder tauchen wir in Situationen zurück, die schon da waren; die Wiederholungen gehen mir wahnsinnig auf die Nerven; Meria blökt immer wieder, du bist nicht bei der Sache Mojo, bricht eine Szene ab und läßt uns von vorne anfangen. Um das Gleiche wieder zu tun: bis zur Hälfte, abbrechen und von vorne anfangen. Irgendwann springt Maximilian plötzlich aus seiner hingegossenen Schlaffheit auf, packt Cag und mich an den Schultern, zieht uns in leicht veränderte Positionen, sagt So, nimmt Deedee, der unter der unangekündigten Berührung anfängt zu zucken und stolpern; Maximilian gibt nicht nach, bringt auch ihn in eine andere Stellung, läßt ihn schließlich verwirrt stehen und fällt wieder in seinen Stuhl. Die Augen, sagt er, und die Arme, Herrgott. Die Mitte, sagt Meria und klatscht in die Hände, und bitte, und jetzt läuft die Szene bis zum Ende; nicht viel besser, wie ich finde, aber mir gefällt die Art, wie Maximilian Autorität aus sich herausplatzen hat lassen.

Mittags hocken Track, Cag, Maximilian und ich in einem Imbißladen an der Straßenecke, schlucken Schnitzel mit Pommes Frites und werfen Zehnpfennigstücke in einen Spielautomaten, der vor sich hin rattert und macht. Kein einfacher Tag heute, sagt Cag etwa in Maximilians Richtung. Der knautscht mit einer Hand in seinem stoppeligen Wulstgesicht rum und raucht Pall Mall ohne Filter. Brummt unter Aufbietung eines gigantischen Mienenspiels etwas vage Bejahendes. Track schaufelt Pommes in sich rein und hat dabei einen Blick auf, als könnte er nur mit viel Mühe und tausend Kartoffelstäbchen viele viele Wörter zurückhalten, die unbedingt schnell gesagt werden wollen.

Ihr raucht zuviel, sagt Maximilian. Haschisch meine ich, fügt er hinzu, nachdem er unsere Gesichter eine Zeitlang fragend starren hat lassen. Wieso, sagt Track, aber Maximilian zuckt nur mit den Schultern. Ihr seid nicht präsent, kommt dann nach langem Schweigen. Ich denke mir meinen Teil darüber, wie ich es schaffe, auch ohne Haschisch nicht präsent zu sein.

Als wir vom Essen zurückkommen, ist Meria eben dabei, Deedee in der Gegend herumzustellen und seine Bewegungen irgendwie zu ordnen. Bricht den Versuch aber in unserer Gegenwart sofort ab und sagt anyway. Wir haben noch drei Tage bis zum Wochenende, wirft sie in die Runde, am Montag drehen wir. Es klingt wie: Es könnte schon zu spät sein, also wacht endlich auf.

Dann stehen wir auf der Straße, und jeder wartet wohl auf einen Satz wie, was machen wir heute, was läuft, wer weiß was, aber da ihn keiner sagt, verschwinden wir in verschiedene Richtungen: Deedee und Track in Marcos Bus, Cag irgendwohin und ich entgegengesetzt auch irgendwohin; ertappe mich dabei, wie ich Wege vortäusche und schließlich doch vor Julias Tür lande. Sie ist beim Kochen, wir essen Nudeln mit Tomatensoße, was Dominik dazu nützt, eine unglaubliche Sauerei auf Tisch, Boden und seinen Klamotten zu veranstalten. Dabei erzähle ich von der Probe, von Cag und Maximilian, und Julia meint, Cag ist im Grunde ein Kind und Maximilian irgendwie auch.

Als Dominik im Bett ist, widmen wir uns der Abendplanung; Julia möchte ins Moonlight Mile, weil sie da noch nie war. Und weil es noch so warm draußen ist und man im Hof sitzen kann. Ich habe ein unsicheres Gefühl bei dem Gedanken, Lulu, Cag oder sonstwen dort zu treffen, sage ihr das auch, aber sie, das ist doch spannend; ihre Euphorie reißt mich mit, und dann sitzen wir wirklich im Moonlight Mile und erzählen und hören zu, schwimmen in einem dunklen See von ineinander verflochtenen Stimmen, Lachen und Gläserklirren, bis ich durch die Glasscheibe im Cafe Cags Blick auffange.

Er und Track stehen dann an unserem Tisch, na ihr Beiden, was gibt's Schönes; sie sehen sich immer wieder grinsend an und sprechen zwar zu uns, aber für sich gleichzeitig über uns. Sitzen uns dann gegenüber, Cag sieht Julia in die Augen, schnauft dann plötzlich tief durch und läßt seinen Kopf langsam auf und ab nicken, die Lippen zusammengepreßt. Steht auf und sagt, wir gehen dann mal, und Track geht mit ihm, wie ein verschworener Komplize mit seinem Boß.

Hast du gesehen, sagt Julia, jetzt lernen die beiden was. Ich fühle, daß sie recht hat, aber ich weiß nicht, was sie meint.

Als wir später in ihrem Bett liegen, sagt sie, merkst du jetzt, daß du keinen Grund hast, dich selbst zurückzusetzen, schließlich liegst du in meinem Ehebett und nicht Track oder Cag oder sonstwer. Was sie sagt, macht mich stolz; ich lasse meine Hände unter ihre Decke rutschen und streichle ihren Bauch, nicht vorsichtig, sondern fest und genau. Schließlich zieht sie mich an sich und sagt, das ist so spannend, das ist so toll. Und wieder liege ich auf ihr, in ihr; sag mir wenn du kommst, flüstert sie mir ins Ohr, und wir fallen in eine bewußtlose Raserei von Bewegungen und Geräuschen, bei der jeder den anderen vergißt, nur das eigene Ziel sieht, sie liegt unter mir, auf mir, neben mir, dann ist mein Kopf zwischen ihren Schenkeln, und sie stöhnt laut, während ich ihre bittere Süße in meinen Mund sauge. Als ich sie von hinten nehme, stütze ich mich mit beiden Händen auf ihren Arsch, als wollte ich ihn, sie, mich nach unten drücken, eine Verbindung herstellen, eintauchen, als wollte ich den Planeten Erde selbst ficken; vielleicht ist es das, was ich will. Aber ich spüre, daß ich mich überholt habe. Streß dich nicht, sagt sie, und wir fallen auseinander, streicheln unsere Gesichter und lassen die Blicke tief durch die Augen sinken, ins warme Innere, das in diesem Moment uns beiden gehört.

Ich werde Manuel von dir erzählen müssen, sagt sie. Es gibt Dinge, die unwichtig sind, aber diese Nacht ist wichtig. Ich nicke, ohne an Widerspruch oder Konsequenzen auch nur kurz zu denken. Was sie tut, muß richtig sein.

Dominik weckt uns um sieben Uhr, als er mit einem lauten Jauchzen etwas ins Zimmer wirft. Ein bunter Kunststoffwürfel mit kleinen Teilen darin rollt rasselnd über den Parkettboden; als Dominik aufblickt und uns sieht, verschwindet sofort die Fröhlichkeit aus seinem Gesicht und weicht einer unsicheren Verschämtheit. Komm nur her, ruft Julia, hebt ihn ins Bett und sagt, das ist doch der Mojo, den kennst du doch, und er lacht wieder, zieht an meiner Nase, befreit sich aus ihren Händen, rutscht vom Bett, hebt seinen Würfel wieder auf und wirft ihn mit einem quiekenden Schrei durchs Zimmer.

Es klingelt an der Tür, für einen Moment sind wir alle drei wie gelähmt, ich sehe Julia an, die kurz beruhigend die Augen schließt, vorsichtig in den Gang zur Tür schleicht. Es ist Manuels Schwester, flüstert sie, psst, nimmt Dominik mit sich und schließt die Schlafzimmertür. Ich höre undeutliche Stimmen, offenbar will die Schwester nur das Telefon benützen, weil ihres kaputt ist. Nach einigen bleiernen Minuten fällt die Wohnungstür ins Schloß, und Julia tritt wieder ins Zimmer, im Bademantel. Sie wollte nur telefonieren, sagt sie mit einer Stimme, aus der ich deutlich heraushöre, in Wirklichkeit wollte sie natürlich spionieren.

Ich sehe sie an, ohne meinen Blick zu bemerken, ohne etwas zu denken. Wir verstehen uns blind, sie läßt den Bademantel fallen, zieht die Decke von mir und setzt sich auf mich, und für eine Viertelstunde vergessen wir die Welt. Morgen kommt Manuel zurück, sagt sie dann. Ja, ich darauf; mehr fällt mir nicht ein.

weiter: Teil sieben


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