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Inhalt

(Einführung)

Kapitel 1

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Kapitel 2

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

Teil 7

Kapitel 3

Teil 1

Teil 2

Kapitel 4

Kapitel 5

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Kapitel 6

Teil 1

Teil 2

Teil 3

DIE VERRÜCKTEN STEHEN IN DER SONNE - ein Roman (Kapitel zwei, Teil sieben)

Der letzte Tag der Proben. Alles geht jetzt sehr glatt und schnell, als würden sich die Spannungen und Verkrampfungen allein des Datums wegen lösen. Jeder lächelt jeden an, Cag sagt, ich weiß ein fest heute abend, und ich, na klar, wird mal wieder Zeit.

Dorothea erscheint kurz vor Schluß und verteilt Drehpläne für Montag. Ich bin nur am Nachmittag dran, erst mit den anderen, dann kurz allein. Du machst dich immer besser, sagt Dorothea, auch sie lächelt mich kurz an, und ich denke, ich mag alle, die hier sind.

Zu Hause rufe ich Julia an, frage sie, was sie macht. Manuel will zu einem Gruft-Fest bei Marco, sie, und ich, du klingst nicht nach großer Lust. Ich ruf vielleicht später noch mal an, sagt sie. Kaum habe ich aufgelegt, klingelt es, und Cag ist dran. Das Fest ist am Westkreuz, er, und ich, etwa auch eine Totengräberparty. Na klar, er lachend, bei einem Millionär im Penthouse. Wau, ich, und er gibt mir die Adresse und den Namen, wo ich läuten soll. Wie kommst du überhaupt an einen Millionär, will ich wissen, er erzählt was von Lina, Wallys italienischer Assistentin, die schon seit der ersten Staffel offensichtlich scharf auf Track oder wahlweise jeden von uns ist, die kennt den Mann genauer. Vielleicht braucht er ein paar hoffnungsvolle Nachwuchs-Stars als Dekoration, ich, und er, na klar, dann wollen wir mal für Dekoration sorgen.

Dann stehe ich vor dem riesigen Turm von einem Hochhaus und fühle mich sehr zweierlei bei dem Gedanken, irgendwelche Leute zu treffen, deren Welt mir völlig fremd ist. Aber mein Finger denkt für mich und drückt auf den Klingelknopf.

Die Wohnung sieht aus wie das gemeinsame Lager verschiedener Möbel-, Teppich- und Antiquitätenhändler: viele Zimmer, vollgestopft mit Gemöbel in den grausamsten Stilmischungen, überall kleine Tischchen und Regale mit Statuetten, Uhren, Figuren, Klimbim; afrikanische Schamanenmasken neben einer böhmischen Kuckucksuhr, indische Teekannen und Wasserpfeifen in gehässiger Eintracht mit verschieden bedruckten Bierkrügen in einer Vitrine, dazwischen ein Haufen von Leuten mit offensichtlich extremen Schwierigkeiten, ihr Leben und sich selbst zu definieren. Ich fühle schlagartig, daß ich hier völlig fremd bin, weiche Gesprächen über Zehntausend-Mark-Lautsprecherboxen und neuartige Frisurtechniken aus und finde endlich Lina, die mich auf den Mund küßt und fragt, wie geht's dir; mit einer Stimme, als könnte sie sich nichts Aufregenderes als meine Antwort vorstellen. Was soll ich darauf sagen; hoffentlich geht es vielen so gut, ist das Geistreichste, was mir einfällt.

Das ist Heinz, stellt sie mich einem Dicken vor, dessen Bauchpelz samt Nabel träge aus einem halboffenen chinesischen Seidenhemd fällt. Na, wie geht's, fragt der schon wieder, und ich, prima. Dort ist das Buffet, flüstert mir Lina ins Ohr, in einem Tonfall, als ginge es ums nackte Nichtverhungern. Ich lade mir einen Teller mit klebrigem Kaviar, dillverschneiten Lachsbrötchen und plaumengroßen, lichtgefüllten Weintrauben voll und setze mich neben Lina, einem aus taubenblauem Samtanzug und öltriefender Kräuselmatte bestehenden Kerl gegenüber.

Na, wie gehd's, piepst er mich an, mit soviel von dem schrecklichsten aller fränkischen Dialekte, wie man in dreieinhalb Wörtern unterkriegen kann, und diesmal antworte ich gar nicht mehr, hebe nur eine Augenbraue und wiege kauend den Kopf ein bißchen hin und her. Und was machst du so, er, und ich, ich bin Straßenkehrer, aber zur Zeit arbeitslos. Er lächelt verlegen, weiß nicht, ob er mich für schelmisch oder aggressiv halten soll. Das ist Mojo, erklärt ihm Lina, er spielt in der Serie mit, von der ich dir erzählt habe. Ach, er ohne jedes Interesse, wie indaressand; Charly ist Hair-Stylist, sagt sie zu mir, aber vor allem ein Meister im Cocktail-Mixen.

Jetzt leuchten seine Augen auf. Soll ech oich amal was mixen, fragt er gar nicht, sondern steht gleich auf und federt an eine der vielen kleinen Bars. Kommt dann mit zwei Gläsern zurück, deren Inhalt vor allem aus changierenden Farben besteht. Des Rezebt kann ech nadürlich net verrade, fällt er vollends aus seinem imitierten Deutsch und sieht uns an: wie ein notdürftig als Weihnachtsmann verkleideter Papi seine desinteressierten Kinder beim Auspacken überflüssiger Geschenke. Ich trinke einen großen Schluck, das Zeug schmeckt vor allem pappsüß und sehr stark. Des hat's in sech, net, er, und ich begleite sein heftiges Nicken synchron mit gleicher Heftigkeit.

Ich kenne ein Cocktail-Rezept von meiner Tante aus Peru, das haut dich um, sage ich dann und trinke das Glas leer, bis auf einen klebrigen Rest, der sich nicht von seinen Wänden lösen will. Ach, er, und ich, ja ja. Laß dich nicht so überreden, drängt mich Lina fröhlich, mach schon. Ich verdecke die Bar mit dem Rücken, während ich Schnaps aller Sorten, Bier, Wein, Ketchup und Apfelsaft zusammenrühre, eine Zitronenscheibe auf den Glasrand stecke, und stelle das grünlichbräunlich schäumende Zeug vor den Typen auf den Tisch.

Hui, des siehd aus, ruft er mit einer Begeisterung, durch die deutlich die Angst vor einer schwerwiegenden Vergiftung zu hören ist. Als Lina nach dem Glas greift, nimmt er es doch selbst in die Hand und trinkt vorsichtig. Verzieht anerkennend das Gesicht und macht Dutzende Male m-hm, m-hm, m-hm. Dann trinkt er das ganze Gebräu leer und sagt mit weit offenem Mund aaaaah. Aus dem Augenwinkel sehe ich Cag und Track lachend ins Zimmer kommen. Hier ist ja was los, ruft Track, geschwollen vor Aufregung. Ja, frage ich, wo denn. Unser alter Zyniker, klopft mir Cag auf die Schulter, wo gibt's denn was zu trinken.

Als wir genug Kaviar verschlungen haben, um eine ganze Schule von Fischen in unseren Bäuchen zu züchten, widmen wir uns nur noch dem alten schottischen Whiskey, und ich fühle mich zusehends wohler. Du strahlst so, sagt Cag, geht's dir gut. Ich nicke. Julia, er, und ich, ja ja. Ich weiß, wie das ist, läßt er neben seinen Teller fallen, hab auch paarmal was mit ihr gehabt, ist schon eine tolle Frau.

Wie ein Messer sticht Eifersucht und die Wut über seinen blasierten Tonfall in mein Hirn und meinen Bauch. Trotzdem behalte ich mein Grinsen bei, wenn auch jetzt viele Muskeln an meinem Mund in andere Richtungen ziehen.

So so, ich, und er, ja ja. Bin gleich wieder da, fügt er dann hinzu und verschwindet nach draußen. Ich beobachte Track, wie er mit dem fränkischen Heini über das Filmgeschäft diskutiert: eifrig und erregt redet er auf den Kerl ein, der ganz offensichtlich keine Ahnung hat und Track nur immer kurz zunickt, um sich ansonsten verzweifelt nach einer Rettung umzusehen.

Cag kommt zurück und flüstert mir ins Ohr, ich mußte kurz mit Lina bumsen. Dann läßt er sich mit hahaha wieder in den Sessel fallen und schenkt sein Glas wieder voll. Lina sitzt jetzt auf meiner Armlehne, schaut mich aus halbgeschlossenen Augen glasig von der Seite an. Dann kommt ihr Arm, ich spüre ihren Atem in den Haaren, sie beißt in mein Ohrläppchen. Wir haben nichts zu rauchen, stellt Cag fest, als verkündete er die Nachricht von einer Erdbebenkatastrophe in unmittelbarer Nähe. Dafür genügend Whiskey, ich, und er, das ist wahr. Trotzdem bekommt er irgendwann seine typische Aufbruchsstimmung und sagt irgendeinen Satz mit vielen Ähs zu Track. Ich bin inzwischen zu besoffen, um was mitzukriegen. Die beiden verschwinden, ich bleibe mit Lina zurück. Überhaupt sind mittlerweile nur noch sehr vereinzelte Leute da. Ich frage Lina, wie spät es ist. Zwei Uhr, sie, und ich, au weia, meine S-Bahn.

Du kannst hier bleiben, ich bleibe auch hier, sagt sie, Heinz ist sehr nett. Der hat unterdessen nur noch geblümte Seidenshorts an und hüpft durch die Wohnung wie ein Hahn über seinen angestammten Misthaufen, wenn der Traktor kommt. Lina zieht mich in ein anderes Zimmer, in dem nichts steht außer einem Bett und vielen Palmen. Sie sieht mich an, als wollte sie mir die wichtigste und komplizierteste Geschichte der Welt mit einem Blick erklären. Dann fängt sie an, sich langsam auszuziehen, greift dazwischen immer wieder nach einem meiner Hemd- und Hosenknöpfe, bis wir schließlich beide nackt dastehen. Sie fühlt sie gut und teuer an, riecht auch gut, denke ich, und in dem Moment platzt die Tür auf und Heinz steht im Zimmer. Unterbricht sein grölendes Lachen und schreit mit furchtbar künstlicher Traurigkeit, ach geh, sondert euch doch nicht so ab.

Ich habe keinen Bock auf Gruppensex, Heinz, sagt Lina sehr freundlich, aber er reagiert gar nicht. Sondert euch doch nicht so ab, wiederholt er immer wieder, bis ihn endlich irgend jemand an der Hand aus dem Zimmer zieht. Lina macht die Tür zu und schließt ab. Du willst mich also einsperren, frage ich, und sie, natürlich, sonst läufst du mir vielleicht weg. Zieht mich aufs Bett und fängt sofort an, soviele Dinge mit mir zu tun, daß ich einige Zeit brauche, um meinen Platz in dem Spiel zu finden und eigene Varianten dazuzufügen.

Ich erwache sehr abrupt, als Lina die Tür zur Terrasse öffnet und hinaussieht. Es fühlt sich an wie etwa zehn Uhr vormittags; sie steht in der offenen Tür mit nichts an als einem hellrosa Bodystocking aus Seide, sieht aus, als wollte sie den Tag einatmen, der die ersten heißen Sonnenstrahlen ins Zimmer sprüht.

Dann sitzen wir auf der Terrasse, die sich etwa vier Meter breit um das ganze Penthouse zieht, an einem Tisch aus dunklem Bambus mit Marmorplatte, Lina, Heinz und ich. Heinz schenkt uns Champagner ein, auf dem Tisch stehen Gläser mit verschiedenfarbigen Marmeladen, ein Korb mit kleinen Laugensemmeln und ein silberner Teller mit je einer Scheibe von so ziemlich allen Wurst- und Käsesorten, die es gibt. Wir reden fast nicht; Lina sitzt neben mir, zu mir gewandt, das nähere Bein auf die vordere Stuhlkante gestützt, so daß ich an dem bißchen Seide vorbei deutlich das sehe, was ich die ganze Nacht benützt habe. Der Gedanke, sie benützt und doch nicht ausgenützt zu haben, macht mich heiter und irgendwie auf perverse Art zufrieden.

Ich esse eine Semmel, nur mit Butter, sage dann, ich muß gehen. Bleib noch, sagt sie und nimmt meine Hand, legt sie in die Nähe der zwei Druckknöpfe zwischen ihren Beinen, die alles so leicht erscheinen lassen. Es war sehr schön, sage ich, und sie lächelt fast wie glücklich, stößt mit ihrem Glas ganz kurz ping an meines, und ich stehe auf, hebe für Heinz einen Finger und gehe, fahre mit dem Lift nach unten, laufe zur S-Bahn; möchte am liebsten beide Arme in die Luft werfen und Juhu oder irgend so was schreien.

Den Nachmittag verbringe ich mit David im Biergarten. Wir sitzen eigentlich nur da, trinken langsam, sehen mit zusammengekniffenen Augen in den leuchtenden Himmel und erzählen uns belanglose kleine Geschichten, die uns die Abwesenheit jeglicher Probleme spüren lassen. Das Leben ist der Wahnsinn, sagt David, und ich, und wir sind auch der Wahnsinn, was tun wir eigentlich. Wir leben, er, und ich, das ist möglich.

Den ganzen Sonntag sitze ich am offenen Fenster, wie durch eine durchsichtige Blase mit der warmen, ruhigen Luft draußen verbunden, höre ab und zu ein Auto irgendwo aufheulen und Kinder schreien, alles weit in der Ferne; während ich in den Drehbüchern blättere und immer wieder die Szenen mit Julia lese, mir den Ablauf vorzustellen versuche: unsere Berührungen, genau einstudiert und trotzdem völlig aus dem Zusammenhang fallend, weil sie für uns neben der Handlung der Geschichte noch eine zweite, geheime und private Bedeutung haben.

weiter: Kapitel drei


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