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Inhalt

(Einführung)

Kapitel 1

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Kapitel 2

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

Teil 7

Kapitel 3

Teil 1

Teil 2

Kapitel 4

Kapitel 5

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Kapitel 6

Teil 1

Teil 2

Teil 3

DIE VERRÜCKTEN STEHEN IN DER SONNE - ein Roman

DREI

Der gigantische Haufen Menschen, die durcheinander wuseln und irgendwelche vernetzten Tätigkeiten ineinander verschlingen, ist ungewohnt und macht mich sofort so nervös, daß ich automatisch nach einem Kasten Bier Ausschau halte. Im Mittelpunkt der chaotischen Aktivitäten schwimmt Meria herum, die mit diesem, jenem und wieder diesem kurze Sätze wechselt, immer mal in die Hände klatscht und von ihrer eigenen Aktivität so gefesselt ist, daß sie wirkt wie berauscht. Darsteller in die Maske, ruft Dorothea mit ihrer schneidenden Stimme, die alles andere so übertönt, als wäre es ein einheitlicher Geräuschebrei, aus dem sie völlig herausfällt.

Ich schlendere zu Wallys Wohnwagen, der überfüllt ist mit lärmenden Gestalten: Track grölt sein Lachen quer durch die Leute, Cag fuchtelt stehend mit der Kaffeetasse herum, sogar Deedees Aufmerksamkeit richtet sich mal nicht auf sein Bauchzentrum oder das aufgeschlagene Drehbuch, das vor ihm liegt. Und mittendrin sitzt Kelly, an deren Haaren Wally gerade herumbastelt, sitzt grinsend da und genießt den Aufzug, den alle wegen ihr oder ihrer Rückkehr in den Schoß der großen Familie veranstalten. Guten Morgen, rufe ich fröhlich in den Wagen, versuche, Kellys Blick nicht direkt aufzufangen, aber als ich versuchsweise kurz ihre Augen streife, sieht sie mich nur freundlich an, als hätte sie alles vergessen. Auch gut, denke ich, dann werde ich mal auf Löschen schalten. Wally sieht die Bierflasche in meiner Hand und schüttelt mit erhobenem Zeigefinger den Kopf. Aber was denn, Wally, sage ich, ich wollte dir doch nur was zu trinken bringen. Jetzt muß sie lachen, ich stelle das Bier weg und lasse es weggestellt.

Die Durchlaufprobe geht sehr schnell, locker und fröhlich, als wären alle glücklich darüber, endlich wieder etwas mit sichtbarem Resultat tun zu können. Dann stehen wir im Set, unter dem heißen Licht, das die Schminke wie Butter vom Gesicht laufen läßt, so daß uns Lina alle paar Minuten mit einem kleinen, runden Schaumstoffteil neu beschmieren und pudern muß. Sie zwinkert mir dabei immer wieder verschwörerisch zu, fragt einmal leise, wie geht es dir; ich sage, sehr gut, sie, bereust du es, ich, nein, natürlich nicht. Wieso sollte ich.

Die Handlung ist länger und komplizierter als die meisten Szenen der ersten Staffel, die nur daraus bestanden, daß wir wie aneinandergefesselt kurze Wege durchschritten und abwechselnd sprachen wie Tick, Trick und Track: Onkel Donald - dürfen wir ins - Sommerlager fahren? Wir spüren, daß Meria versucht hat, die Bücher zu verbessern, was wir zum Teil auf unsere Kritik zurückführen und mit einer Mischung aus Stolz und neuer Verbundenheit mit der Arbeit zur Kenntnis nehmen.

Das Mittagessen besteht wie immer aus den leicht pampigen Produkten einer teuren Großküche, die Marco in wuchtigen Blechkesseln in einen Nebenraum schleppt. Da hocken dann alle auf Holzbänken und plappern durcheinander, als hätten sie den ganzen Vormittag alle Wörter und Geschichten in sich aufgespart, um nun den Stöpsel zu ziehen und alles auf einmal raussprudeln zu lassen. Meria und Deedee sind die einzigen, die etwas anderes zu essen bekommen, weil sie kein Fleisch zu sich nehmen; was natürlich wieder einer der Fälle ist, in denen Deedee treuherzig dem Beispiel seiner großen Mami folgt. Dorothea scheint niemals etwas zu essen, sie spaziert statt dessen ständig zwischen den Leuten rum, macht Bemerkungen, verteilt Zettel, stellt Fragen und notiert die Antworten in ein großes, in abgegriffenes Leder gebundenes Buch. Du trinkst kein Bier, Mojo, das ist schön, sagt sie im Vorbeigehen zu mir; ich denke, wenn noch ein paar Leute mich darauf hinweisen, wie schön das ist, hole ich mir zwei Bier auf einmal und trinke sie demonstrativ schnell hintereinander aus.

Nach dem Essen haben wir Pause, während irgendwelche kleinen Szenen mit Nebendarstellern gedreht werden. Wir hocken in der tiefhängenden Sonne vor Wallys Wagen, und Kelly erzählt von den Dreharbeiten mit dem neurotischen Stotter-Regisseur. Ihren Geschichten entnehme ich, daß der Typ sie wohl wirklich nur deshalb für seinen Film haben wollte, um an ihren Arsch zu kommen. Ob ihm das gelungen ist, läßt sie mit einem stummen Grinsen offen. Erzählt statt dessen von einzelnen Szenen des Films, der in zwei Wochen ins Kino kommen soll: irgendwelches Getue mit Popstars, die momentan in den Hitparaden sind und um die man deswegen eine reichlich platte und turbulente Story konstruiert hat. Kelly spielt eine Reporterin, die irgendwas auf der Spur ist und auf der Suche danach all diesen Leuten über den Weg läuft, die dabei publikumswirksam ins Bild kommen, ohne etwas zu bedeuten, ihre Gegenspieler sind die Mitglieder einer komplett blöden Punk-Imitations-Band, die der Regisseur wohl auch irgendwie persönlich kennt und deshalb durchs Geschehen hampeln läßt, bis sich am Schluß alles in völliges Chaos und ein Happy End mit allen Darstellern auflöst. Sie erzählt, als wäre der Film so was wie ihr Karrierestart, aber ich lese in Cags Gesicht, daß ich nicht der einzige bin, der das Gegenteil vermutet.

Hadrian kommt vorbei mit seinem gewaltig fröhlichen Gesicht und vielen Ausrufen wie Hey guys, how are you. Er scheint sich wirklich zu freuen, uns zu sehen, erzählt von seinem Urlaub in New York: daß er sich bei einem Tanz-Theater beworben hat, wo er nach der Serie arbeiten will. Dann müssen wir wieder aufs Set, eine kurze Szene mit ein paar anderen Darstellern, die beim zweiten Versuch klappt. Es bleibt noch mein kurzer Auftritt, die anderen sind fertig.

Ich muß dabei auch nicht viel tun, nur nachdenklich dasitzen, eine Gitarre halten, einen Akkord anschlagen, aufstehen und mit einer Spraydose ein paar Noten an die Wand sprühen. Meria ist zufrieden, wir wiederholen das Ganze, weil ein Fussel in der Kamera war, dann putzt uns Wally die Schminke vom Gesicht, und Dorothea verteilt Drehpläne. Ich lese mit einem seltsamen Gefühl im Bauch, daß schon morgen meine erste Szene mit Julia dran ist.

Der Drehort ist fantastisch riesig und unübersichtlich, so was wie ein ehemaliges Hallenbad mit tausenden von Neben- und Seitenräumen, alles vollgestopft mit einem Overkill an Dekoration: ein psychedelisches Klavierzimmer mit Waldpanorama an den Pappwänden, ein Computerraum mit etlichen Bildschirmen, Flipperkästen und Keyboards, eine mit rotem Samt als Hintergrund verhängte Bühne, eine Übungskammer mit nichts als Interieur als einem Barhocker mit Lehne und einem riesigen Ventilator. Überall dazwischen ist der Raum mit Jongleuren, Kulissen und chaotischem Geraffel vollgestellt. Wir wackeln dazwischen herum, als hätte uns der Raum angesteckt: ziellos, in plötzliche Fröhlichkeiten explodierend, schreiend plaudernd und alle mit irgendwas geladen, was bei mir natürlich Nervosität ist, Angst und Freude zugleich bei dem Gedanken an die Szenen mit Julia.

Ein Stück oberhalb des ehemaligen Schwimmbeckens ist eine Kammer mit großen Fenstern, von wo aus wohl irgendwann mal Bademeister und Lebensretter das Treiben im Pool beobachtet haben. Da sitzen wir und lassen uns von Wally und Lina schminken, fönen oder was gerade ansteht. Kelly kriegt mal wieder eine neue Frisur, wie in jeder Folge. Marco sprudelt mit zwei großen Blechkoffern und den Nebendarstellern in den Saal: zwei Bodybuildern, einem Tänzer und Julia. Mein Blick erwischt sie wie eine Nadel, quer durch den Raum bleibt er an ihr hängen, und da ich sowieso gerade nur rumhocke und nichts zu tun oder mit mir tun zu lassen habe, laufe ich raus und zu ihr.

Hallo, sagen wir beide leicht versetzt ineinander, etwas wie Verlegenheit steht für einen Moment zwischen uns, dann wird sie von Marco zu Meria geführt, und ich tapse wie blind hinterher. Meria drückt ihr strahlend den Oberarm, und Dorothea gibt ihr einen Drehplan und erklärt noch mal alles, was draufsteht, während ich ungeduldig danebenstehe und warte, daß man sie losläßt.

Ich habe Manuel von dir erzählt, sagt sie dann, als wir irgendwo abseits sitzen und ich auf eine Gelegenheit warte, sie zu küssen oder sonstwie die Realität unserer Nächte wiederherzustellen. Und, ich, und sie, er findet es okay. Das sagt sie so, als ginge es um einen kleinen Nebenjob oder einen Ausflug und nicht darum, daß ich mit seiner Frau im Bett war. Cag weiß es auch, ich, und sie, Cag, wieso Cag. Plötzlich zerbricht die Situation, ich spüre, wie sie alles von innen verschließt: ihren Blick, ihre Gefühle, mit einem Mal ist alles weg.

Du hast Cag von uns erzählt, stellt sie mit schmerzend bitterer Stimme fest. Sie könnte auch sagen, du hast uns verraten. Ich weiß, daß ich ins dünne Eis eingebrochen bin, versuche meinen Fuß zurückzuziehen. Ist das so schlimm, frage ich ebenso eindringlich wie vorsichtig, aber sie schüttelt nur langsam den Kopf, mit blicklosen Augen, murmelt, dann ist mal wieder alles kaputt; ich erschrecke über die Mischung aus Zorn, Haß und Enttäuschung. Will irgendwas tun, schnell irgendwas tun, aber sie steht schon auf und geht an mir vorbei, sagt nichts mehr und sieht mich auch nicht mehr an.

Ich bemühe mich, mir nichts anmerken zu lassen, viele Muskeln in meinem Gesicht arbeiten an einem gewöhnlichen Ausdruck, aus einem Schamgefühl heraus, von dem ich nicht weiß, ob es aus meinem Handeln oder dessen Konsequenzen entstanden ist. Aber offenbar will mir sowieso niemand was anmerken, nur ein paar erstaunte Blicke von Cag und Track, als Julia im Schminkraum neben mir sitzt und mich keines Blickes würdigt, dabei mit aufgedrehter Freundlichkeit auf Wallys Fragen antwortet, über ihre Haare, ihr Kind: als wäre ich nicht anwesend, als wäre überhaupt niemand anwesend außer Wally, die nichts mit jener Sache zu tun hat, die es nicht gibt, die es nie gegeben hat. Ich warte auf einen zufälligen Moment, wenn wir alleine irgendwo sind, lasse sie nicht aus den Augen und folge ihr überall hin; was keinem auffällt, wir könnten ja auch unsere Szene besprechen oder proben.

Die geht dann erstaunlich schnell vorbei, wie ein Traum, aus dem man zu spät erwacht. Rosa, stehe ich vor ihr und suche ihren Blick, aber ihre Augen sind von einem öligen Schleier aus Unrealität überzogen, ihr Gesicht eine Maske, wir gleiten durch einen Ablauf, der nur unsere Körper angeht; nicht mal die: nur ihre Funktion für die Kamera. Sie sagt ihren Satz, und ich, ich kann nicht mehr schlafen, ich kann nicht mehr denken, alles in meinem Kopf ist rosa. Selbst in das blödsinnigste Geschwafel versuche ich noch so etwas wie eine Bitte um Verzeihung zu legen, weil hier unser einziger möglicher Berührungspunkt ist: in blödsinnigem Geschwafel. Der Kuß ist gestrichen, kommt erst in der Schlußszene, und darüber bin ich froh und erleichtert. Die Vorstellung: sie jetzt küssen zu müssen, ihre papierenen Lippen, konditioniert von Vorschriften über einen Bewegungsablauf, der jede Bewegung zur Karikatur entstellt und ihre reale Wiederholung unmöglich werden läßt; sie jetzt so zu küssen, es wäre ein ungerechter Triumph, dem sie sich fügen müßte, ich und die Regie gegen sie; sie jetzt zu küssen, wo ich mir nichts sehnlicher wünsche als eben das, es wäre unerträglich.

Dann ist Drehschluß, wir steigen in Marcos Bus, und ich setze mich wie zufällig vorne neben Julia. Hinten tobt das übliche Wie-zerstören-wir-diesen-Abend-Geschwätz und Au ja und Wow das machen wir, ich sage gar nichts, wünsche mir, alle würden schweigen und meine Stimmung übernehmen, oder doch nicht, aber sie entlassen aus dem kollektiven Leben in meine Einsamkeit; sehe ab und zu vorsichtig nach links; einmal erwidert sie kurz meinen Blick, und ich versuche mir einzureden, daß da etwas ist, was durch diesen Scheiß nicht zerstört werden kann; versuche mir einzureden, daß ich mir das nicht nur einzureden versuche. Deedee steigt aus, dann steigen Kelly, Cag und Track aus; Cag fragt, ob ich mitkomme, ich weiß nicht, ob er jetzt meint oder später, weil ich dem Gespräch nicht gefolgt bin; versuche, etwas Distanz zwischen ihm und mir zu schaffen, zu demonstrieren; sage, ich glaube nicht, als wäre ein Urteil gefallen, das mich aus dem weiteren Ablauf ausschließt; er, laß uns mal telefonieren.

Er grinst und wirft die Schiebetür zu, hat nichts bemerkt, denke ich, und gleichzeitig glaube ich zu wissen, daß er alles bemerkt hat und die Sache genießt. Marco erzählt Julia irgendwas über die Band, als wäre es bei Strafe verboten, das Schweigen gerinnen zu lassen, bis es so fest dasteht, daß es nicht mehr entfernt werden kann, fragt, was macht ihr noch, und ich, wir könnten zu mir gehen und Wein trinken. Ein kurzer Blick von ihr, noch weit entfernt, aber unsicher. Marco sieht auf die Uhr, meint, wieso nicht. Und sie leise, ja, wieso nicht.

David ist nicht zu Hause, was mir jetzt ganz angenehm ist: die Tragödie ohne Zuschauer. Wir sitzen am Tisch, und es spült mich in eine seltsame Rolle als Unterhalter, ich werfe Fotos und irgendwelches Zeug auf den Tisch, als wollte ich mit absoluter Offenheit den Verrat überbieten und vergessen machen; als wollte ich sagen, ist doch gar nicht so bedeutend, was ich Cag erzählt habe, dir erzähle ich doch viel mehr, alles. Marco ist debei nur Statist, aber je mehr Wein wir trinken, desto mehr wächst er in die Situation, fragt, redet, irgendwann lachen wir tatsächlich alle drei, und mir ist, als wäre ich mit einem Schlag zehn Kilogramm leichter.

Als wir drei Flaschen Wein geleert haben, beschließen wir, noch wohin zu gehen. Ins Grüne Eck, schlage ich vor, Marco, das kenne ich nicht, und Julia, ich auch nicht, also fahren wir hin. Das Grüne Eck ist wie immer rappelvoll, weil der Raum schon so konzipiert ist, daß er immer überfüllt wirken muß. Wir sitzen an einem Tischchen auf der winzigen Bühne, wo am Wochenende von bärtigen Männern ohne Alter akustischer Blues gespielt wird; ihre handzettelgroßen Plakate, auf buntes Papier fotokopiert, hängen durcheinander an der Tür und des Wänden des Windfangs und erinnern an Einladungen kirchlicher Jugendgruppen aus einer Zeit, die unendlich lange her ist. Unsere Unterhaltung, durch den Wein sowieso träge und ohne Inhalt, verliert in dem chaotischen Gestrüpp aus Kneipenlärm ihre Konturen, zerfranst und zerfasert: Wir streiten, nur noch mit Wörtern, über irgendwas, Musik, Show, Konzepte, stellen dann ermüdet fest, daß wir eh dasselbe meinen und lachen darüber und über uns, und ich lache so, als sprengte ich damit eine zu eng gewordene Haut.

Als es sehr spät ist und das Geschrei der wenigen noch anwesenden Leute um so lauter durch die Kneipe hallt, als konzentrierte sich in ihm die Pflicht zur Äußerung, fühle ich mich schwer und wie innerlich mit Pelz überzogen; fasse einen Gedanken und wiederhole ihn wörtlich immer wieder im Kopf, um ihn real zu machen, wie eine Beschwörung: Ich werde diese Nacht mit Julia verbringen oder sterben.

Marco fährt zuerst zu mir; glotzt erstaunt, als, ich stehe schon draußen mit der Autotür in der Hand, Julia schnell sagt, ich steige auch gleich aus, auf die Straße hüpft, Ciao ruft und die Tür zuwirft. Wir winken Marco zu und schicken ihn damit weg, dann stehe ich neben ihr und weiß nicht, was ich denken und tun soll. Aber sie ist schon an der Tür; ich sperre auf, und wir laufen rauf, sie vor mir her.

Wir trinken noch mehr Wein, und ich will irgendwas erzählen, was mir nicht in der richtigen Ordnung über die Lippen kommt, tanze um das Thema herum, bis sie endlich sagt, das war Scheiße von dir, mit Cag. Jetzt habe ich Gelegenheit, endlich Reue zu zeigen, oder zu spielen. Ich weiß, ich, und sie, das war nicht gut, hoffentlich lernst du was daraus für später.

Wieder die Angst, sie könnte nur hier sitzen und mit mir darüber reden, um die ganze Sache ordentlich zu Ende zu bringen; also gebe ich in allen Punkten nach, sehe sie nur noch ergeben an, will nichts davon erklären. Versuche statt dessen, sie in andere Dinge hineinzuziehen, erzähle ihr unsere ersten Begegnungen aus meiner Sicht, erzähle von meinem Tagebuch; sie wird neugierig, ich gebe es ihr zu lesen, füge hinzu, daß sie die erste ist, die es liest; was gar nicht wahr ist, weil Claudia früher auch schon Teile davon gelesen hat, vielleicht in einer ähnlichen Situation von Verzweiflung und Unterwerfung.

Sie blättert in der Kladde, ihr Blick bleibt immer wieder kurz auf einer Seite hängen, flieht weiter, bis sie schließlich bei uns angelangt ist, sich zurücklehnt und liest. Ich beobachte ihre Augen, den Wechsel der Mienen in ihrem Gesicht, als erwartete ich einen Kommentar, ein literarisches Urteil. Sie lacht nicht, sieht nachdenklich aus, nicht bedrohlich nachdenklich, eher gewogen: sie scheint zu überlegen, ob meine Formulierungen ganz richtig sind.

Na ja, sagt sie dann und legt das Buch auf den Tisch. Na ja, sage ich auch, und sie, ich bin wahnsinnig müde. Streckt die Arme in die Luft und gähnt erschöpft. Du kannst hier schlafen, ich, und sie sieht mich an, und ich warte angespannt auf den Moment, wenn sie entweder grinsen oder Nein sagen wird. Du hast es eigentlich nicht verdient, sie, und ich, eigentlich nicht, ich weiß. Ich muß dich noch bestrafen, jetzt hat ihr Gesicht endlich wieder das offene, fröhliche Lachen, als fiele in einem Augenblick alles von ihr ab, was uns belastet hat. Laß es so bleiben, denke ich. Ich muß dich bestrafen, wiederholt sie, während sie in Richtung Bett schlurft, sich drauffallen läßt und Arme und Beine von sich streckt, mit geschlossenen Augen. Ich weiß nur noch nicht, wie. Du kannst mir einen Finger abbeißen, ich, und sie, au ja, das werde ich tun. Sie nimmt meine linke Hand und beißt auf den Nagel des kleinen Fingers, beißt sehr fest, der Schmerz sticht wie eine lange Nadel den Arm entlang in meine Brust; ich ziehe die Hand nicht zurück, warte, bis sie aufhört.

Dann zieht sie mich auf sich, wir befreien uns aus unseren Klamotten und gleiten wie automatisch ineinander: als hätten unsere Körper darauf gewartet, daß Verstand und Vernunft sich endlich aus ihrem seltsamen Gespinst befreien, um das zu tun, was wesentlich ist. Es geht zu schnell, und ich sage ihr das, als ich in ihr schweißnasses Gesicht sehe. Ich bin nicht gekommen, sagt sie, das ist egal.

Das ist es nicht, ich, und dann rutsche ich an ihr hinab, bis ich zwischen ihren Beinen bin, schließe die Augen und versinke mit Lippen und Zunge in einen Ozean von weicher Wärme. Spüre, wie sie sich windet, wie ihr Bauch, auf dem meine Hände liegen, von immer schnelleren Zuckungen geschüttelt wird, bis sie sich wieder entspannt und tief ein- und ausatmet, ehe das Zittern von neuem beginnt; bis sie schließlich schreit, Nein, und dann Ja, ja. Sie zerfällt, zerfließt, weich und schwer, und mein Rücken fühlt sich an, als liefen Millionen Ameisen hinunter und hinauf, als sich ihr Geschmack leicht verändert, intensiver wird, ehe wir wie befreit von allem, auch uns selbst, sehr schnell in den Schlaf sinken wie in tiefes, dunkles Wasser; immer tiefer, in die kühleren Regionen: wo uns eine vielgestaltige, weiche Flora von Träumen umwächst.

weiter: Teil zwei


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