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Inhalt

(Einführung)

Kapitel 1

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Kapitel 2

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

Teil 7

Kapitel 3

Teil 1

Teil 2

Kapitel 4

Kapitel 5

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Kapitel 6

Teil 1

Teil 2

Teil 3

DIE VERRÜCKTEN STEHEN IN DER SONNE - ein Roman (Kapitel drei, Teil zwei)

Ich erwache mit dem Kopf auf ihrem Bauch; es ist dunkel und still im Zimmer, und ich weiß nicht, ob ich Minuten, Stunden oder eine ganze Nacht und den folgenden Tag geschlafen habe. In meiner Kehle kratzt trockener Durst; ich versuche mich vorsichtig von ihr zu lösen, aber unsere Haut ist wie zusammengeklebt, und sie brummt leise, was ist. Durst, flüstere ich, und sie, ich auch, und wie. Wir schütten zwei Flaschen Mineralwasser in uns hinein und liegen dann nebeneinander und sehen durch das Dachfenster in den Nachthimmel.

Ich liebe dich, höre ich mich sagen, als wollte ich den Satz ausprobieren, von allen Seiten betrachten; sie wartet lange, ehe sie antwortet, steigere dich lieber nicht rein. Zu spät, denke ich. Das ist jetzt was anderes, sagt sie, jetzt kann ich auch niemandem mehr etwas erzählen. Ich schweige und weiß, daß sie Manuel meint. Das Wichtigste ist, jemanden zu lieben, sagt sie. Ich sehe zur Uhr, sie fragt, wann mußt du aufstehen, ich, um neun, dann sagen wir nichts mehr.

Es ist zwanzig nach neun, ich entwickle eine ziemliche Hektik bei dem Versuch, mich gleichzeitig anzuziehen, Kaffee zu kochen und das alles so leise wie möglich zu tun. Dann klingelt Marco, und ich kniee am Bett neben der schlafenden Julia, küsse sie auf die Stirn und finde die Situation so peinlich klischeehaft, daß ich schnell verschwinde, ehe sie aufwacht.

Der Bus ist leer bis auf Marco und mich. Die anderen hatten schon eine Szene oder sind gerade dabei, während ich laut Drehbuch mit Rosa vor der Tür stehe und nicht mehr schlafen und nicht mehr denken kann, weil alles in meinem Kopf rosa ist, und jetzt kann ich wieder grinsen über den Quatsch. Marco sieht mich unsicher an, grinst und fragt, gut geschlafen. Ja, sage ich: entschlossen, ab jetzt nichts mehr nach außen, irgendwohin dringen zu lassen, was nicht von uns beiden freigegeben ist. Wir plaudern über irgendwas auf dem Weg, und als ich am Set in Cags Grinsen falle, ziehe ich ihn am Arm hinter den Bühnenvorhang, wo ein paar Kisten im Halbdunkel stehen.

Nur eines, sage ich, das Thema Julia ist tot, und er, was soll das. Es ist kein Thema, ich, und er, das heißt wohl, daß es nicht gut ist, wenn es ein Thema ist. Genau, setze ich den Schlußpunkt der Aufführung, ehe wir uns noch länger mit peinlichen Abwandlungen des Wortes im Kreis drehen.

Ich bemerke Cags verändertes Gesicht, als er mir nur Minuten später zwangsläufig wieder über den Weg läuft. Während Meria uns inszeniert, Deedee mehr offen zu mir, Kelly, deine Stirn glänzt, Mojo, mach die Augen auf, findet mitten unter uns so was wie eine Verschwörung im Kleinformat statt: von Cags Mund in Tracks Ohr, von Tracks Mund zurück in Cags Ohr, und dann hat Track auch ein anderes Gesicht. Bei ihm ist die Wirkung anders: er scheint einen Anstrich von kühler Härte und Geschäftlichkeit aufzulegen, während Cags Gesicht abwechselnd mißtrauisch oder arrogant wirkt. Vielleicht ist die Veränderung auch nur für meine Augen sichtbar; ich beziehe sie auf etwas, was ich schon länger hätte wissen können. Vielleicht war ein großer Teil unserer scheinbaren Verbundenheit doch nur eine Folge des ständigen Zusammenseins, der gemeinsamen unbeholfenen Versuche, Dinge zu tun und gleichzeitig zu erlernen, von denen wir keine Ahnung hatten, haben.

Am tollsten bekommt mal wieder Deedee alles mit. Redest du nicht mehr mit Cag, fragt er in der Mittagspause, als wir uns ausnahmsweise mal wieder gegenüber sitzen. Wieso, ich, und er, es sieht halt so aus. Ist es wegen Kelly, fügt er verständnisvoll, geradezu überlaufend vor Verständnis, hinzu, ohne eine Antwort zu wollen. Fast muß ich lachen, schüttle aber nur den Kopf, klopfe ihm im Aufstehen auf die Schulter und sage, ach Deedee, das Leben ist schwieriger, als du glaubst. Glaubst du, sagt er grinsend und will dabei weise aussehen.

Julia hat noch zwei Drehtage mit uns. Am ersten findet eine Szene mit ihr, uns allen und vielen Nebendarstellern statt, alle auf der Bühne nach Mojos großer Abschlußprüfung, die natürlich im Chaos enden mußte. Dabei fallen mir überdeutlich die Blicke auf, die von einem bösartigen Doppelkopf aus Cag und Track in Julias Richtung stechen, während alles durcheinanderhampelt. Allerdings fällt mir auch auf, wie wenig Meria dagegen einzuwenden hat, daß ich einen Teil der Szene um- und Julias Bewegungen ganz auf mich zu arrangiere. Es scheint ihr zu gefallen, vielleicht hat sie auch längst gemerkt, was zwischen uns läuft. Meria ist nicht so blöd, wie man gelegentlich denken könnte.

Am zweiten Tag ist dann die Schlußszene der Folge dran. Die Band murkst mit dem Computerfreak an ihrem programmierten Hit rum, worauf die Bodybuilder und ein Plattenboß in den Raum purzeln und ein großes Durcheinander beginnt, das sich in Wohlgefallen und allgemeinen Abgang auflöst. In diesen Abgang fällt Rosa, auf der Suche nach ihrem Mojo; der Abspann läuft über unseren Hollywood-Kuß.

Bei den Stellproben fällt mir schon wieder das Verhalten von Cag und Track auf, die irgendwas versuchen, was mir erstmal nicht ganz klar ist. Als wir dann drehen, rempeln sie nacheinander Julia erst an, um sie dann in die Mitte zu nehmen und halbwegs wieder aus dem Raum zu zerren. Sie, ganz in ihrer Rosa-Rolle, ignoriert die imitierten Fickgeräusche, die sie mit den Lippen machen, reißt sich möglichst unauffällig los, ohne Julia zu werden. Alles für die Kamera wohl kaum sichtbar, für meine Augen mehr als deutlich.

Den Kuß müssen wir zweimal wiederholen, weil mein Arm dabei irgendwie immer die Tendenz hat, Julia/Rosas Gesicht zu verdecken. Jeder im Raum muß spüren, daß das kein Filmkuß ist, denke ich; aber keiner sagt was, nur Cag und Track tauschen am Rand des Sets auffällig laut und mit Wassermelonengrinsen Ellbogenstöße und Bemerkungen aus.

Dann ist die Folge im Kasten, und wir haben einen Tag drehfrei. Beim Abschminken sitze ich neben Julia, wir grinsen in eine Handkamera, die vor der Kabine vorbeigetragen wird. Endlich habe ich das Geld zusammen für London, freut sich Julia. London, ich, und sie, ja, ich fliege morgen schon, mit Babs. Schade, sage ich leise, und sie antwortet so lieb und aufmunternd, wie das in der Öffentlichkeit geht, denk dir nichts, ich komme ja wieder.

weiter: Kapitel vier


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