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Inhalt

(Einführung)

Kapitel 1

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Kapitel 2

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

Teil 7

Kapitel 3

Teil 1

Teil 2

Kapitel 4

Kapitel 5

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Kapitel 6

Teil 1

Teil 2

Teil 3

DIE VERRÜCKTEN STEHEN IN DER SONNE - ein Roman (Kapitel fünf, Teil zwei)

Track sitzt mit verquollenen Augen am Tisch, lächelt nicht. Mir fällt ein, daß er selten lächelt, und wenn, dann wirkt es gewollt: ich werde jetzt lächeln, um diese Wirkung zu erreichen. David sitzt ihm gegenüber, fragt mich, was war denn, Claudia oder was. So ähnlich, ich. Will dem Gespräch aus dem Weg gehen, weil ich keine Geschichte bereit habe. Track scheint das Interesse an allem verloren zu haben. Schlürft an seiner Kaffeetasse und sieht nirgendwohin.

Cag schon angerufen, frage ich. Nein, sagt David, wieso. Wegen einer Filmrolle, wir sollen uns vorstellen, ich, und er, wow, was denn für eine Rolle, davon weiß ich ja noch gar nichts. Von Wally, sage ich und erwähne den Namen des Regisseurs. Die alte Koksleiche, lacht David, aber ohne das gespielte Bedauern, das in Marcos Stimme mitgeschwungen hat. Er scheint sich wirklich zu freuen.

Ich wähle Cags Nummer, höre mir das Tuten zehn Mal an, stelle mir vor, daß sein Telefon synchron dazu klingelt. Dann lege ich auf. Wo ist der Kerl, sage ich vor mich hin. Nach einer Tasse Kaffee versuche ich es noch mal. Wieder zehn Töne, dann ein kurzes Knacken, gefolgt von polternden Geräuschen, die, durch die elektrische Übertragung verzerrt, übersteuert und unzulänglich klingen. Schließlich meldet sich Lulu, was gibt's denn. Wo ist Cag, frage ich ohne Einleitung. Hä, antwortet er, und ich muß lautlos lachen, mit kurzen Atemstößen durch die Nase. Wo ist Cag, ich noch mal, und er, wer soll denn das sein, aber ich spüre schon, daß er mich verarscht und sage, deine Topfpflanze, in die ich mich neulich so verliebt habe.

Aaah so, kommt aus der Leitung zurück, Moment. Es knackt und klappert wieder, ich höre undeutlich so was wie Stöhnen und Gemurmel, dann ist Cag dran. Was soll das, er, und ich, es ist elf vorbei, wie wär's, wenn wir uns mal um unsere Karriere kümmern. Er sagt äh, was in ein Räuspern mündet, das lawinenartig anwächst; ich halte den grollenden Hörer ein paar Handbreit vom Ohr weg und werfe Track einen gutmeinenden Blick zu, aber der sieht durch mich hindurch. Wir könnten das auch auf morgen verschieben, höre ich Cags Stimme. Wieso, ich, und er, was soll's, ein Tag früher oder später. Dann fahre ich allein, sage ich, er, dann fährst du allein; legt auf.

Hast du eine Ahnung, wo das Theaterfestival ist, frage ich den Tisch. David zuckt mit den Schultern, Track sagt, im Olympiapark. Ich sehe ihn schweigend an, stelle mir vor, daß Cag neben ihm sitzt; denke, ihr liebt euch wohl alle, ihr habt wohl das Wir-lieben-uns-alle-Syndrom.

Der Olympiapark ist größer und unübersichtlicher, als ich gedacht habe. Als ich mir vorgestellt hätte. Ab und zu halte ich vor einem Plakatständer und schaue ein Plakat an, auf dem Theaterfestival steht. Frage mehrere Leute, erhalte Antworten wie, sorry no German, oder Dat wat. Frage mich schließlich, was für einen Sinn ein Theaterfestival haben soll, wenn es niemand findet.

Dann fahre ich einfach quer über eine Wiese, einen Hügel hinab, und da steht ein Zelt, ein kleines Zirkuszelt. Neben dem überdachten Seiteneingang herrscht so was wie idyllische Vorbereitung; Leute hocken auf Bänken in Klamotten, die kein Mensch je tragen würde, um damit auf einer Bank zu sitzen. Ich fahre einfach hin und sehe eine Zeitlang zu, wie sich verschiedene scheinbar zusammenhanglose Aktivitäten wie Fäden ineinander verschlingen. Dabei verändern sich Gesichter unmerklich; während Kaffeebecher geleert, weggetragen und wieder gefüllt werden, verstärkt sich die Maskierung der Leute; ein Vorgang, der mich fasziniert, weil ich weder das Ergebnis noch den Vorgang selbst im einzelnen bemerke und bewußt erlebe. Außerhalb, denke ich.

Mojo, ruft Wally und kommt auf mich zu, wie immer mit zwei riesigen Kämmen im Haar und einer Bürste in der Hand. Sie lächelt, als hätte ich mich zu ihrer Zufriedenheit entwickelt. Mir fällt keine Frage ein, deren Antwort in mir mehr als verlegenes Desinteresse hervorrufen könnte. Das ist Maja, und das Mojo, sagt sie, bewegt ihre Hand hin und her, und ich sage Hallo zu einer breit grinsenden Schrulle, die ich aus einem frühen Film des Regisseurs als hysterische Nudel mit extremen Textschwierigkeiten in Erinnerung habe. Grüß dich, sagt sie und ist mir plötzlich sympathisch. Magst einen Kaffee, fragt Wally, und schon halte ich den Becher in der Hand. Gestern wieder gesandelt, zwinkert sie mich verschwörerisch an. Ich muß grinsen; sofort blickt sie sorgenvoll und schüttelt den Kopf. Ihr und euer Leben, der Rainer hat auch immer gedacht, das geht so weiter.

Ich gebe Maja den Umschlag mit zwei Fotos von mir, Wally nimmt ihn ihr aus der Hand und zieht die Bilder raus, sagt, hübsch ist er schon, gell. Maja grinst, ich, das Foto ist schon ein bißchen älter, und Wally, das sieht man. Sie macht eine vielsagende Bewegung mit der Hand an ihr Kinn, deutet eine Vergrößerung an und bläst die Backen auf. Aber das wird schon, sagt sie dann. Jemand ruft nach ihr, und sie, also bis Dienstag; ich, hinten drauf ist meine Nummer; aber ich weiß nicht, ob sie das noch gehört hat. Maja sagt Ciao, lächelt mich an; ich erwarte einen Hofknicks, aber sie dreht sich um und geht Wally hinterher ins Zelt.

Befreit, als hätte ich einen lange aufgeschobenen Zahnarztbesuch hinter mir, radle ich nach Hause. Es ist vier Uhr, als ich da bin, von Track oder David keine Spur. Der Himmel wird dunstig: als rührte jemand ganz langsam immer mehr Milch in tiefblauen Tee; dann tauchen graue Bäuche auf, verraten die Wolken; ich warte irgendwie einfach, Musik läuft, ich nehme sie nur wahr, wenn eine Platte zu Ende ist und ich sie umdrehen oder wechseln muß. Immer wieder bleibt mein Blick am Telefon hängen, aber ich weiß nicht, worauf ich warte.

Dann kommt das Bedürfnis, etwas zu waschen, ich suche wahllos Klamotten zusammen, aus den Ecken, vom Boden, von Stuhllehnen; trage sie zur Waschmaschine, stopfe alles rein, reiße alles wieder raus, suche Etiketten, gebe es wieder auf: schalte einfach auf vierzig Grad; als die Maschine zischend anfängt, Wasser in sich reinzupumpen, fällt mir ein, daß ich das Waschpulver vergessen habe.

Um viertel nach sieben ruft Julia an, als es nachtfinster ist und wie aus Kübeln regnet; Tropfen so groß wie Rinderaugen, stelle ich mir vor, die am Fenster platzen und scheinbar zähflüssig herunterfließen, den Ausblick verschwimmen lassen wie im Vollrausch; wie man sich einen Vollrausch vorstellt, wenn man nüchtern ist. Was tust du, fragt sie statt Wie war's, was mich erleichtert, weil ich Wie war's nicht ertragen könnte, keine Antwort wüßte.

Ich wasche, ich, und sie, was gibt's dabei zu lachen. Ich hab das Waschpulver vergessen; jetzt lacht sie auch, ich lache mit; zwei Menschen lachen mit einem dünnen, langen Kabel dazwischen: in von sintflutartigem Regen voneinander unerreichbar getrennten Wohnungen. Was sagst du dazu, fragt sie, meint den Regen. Scheiße, ich, und sie, allerdings. Ein Abend zu Hause, das tut uns vielleicht ganz gut, beschließt sie, als beurteilte sie den Geschmack einer nicht besonders gelungenen Speise. Kann sein, ich, und sie, doch doch. Morgen, frage ich. Sie macht m-hm, ich stelle mir vor, wie sie nickt. Morgen, denke ich.

Später klingelt wieder das Telefon; ich sehe kurz vom Fernseher weg, erwische meinen Blick dabei im Spiegel: als hätte ich noch nie ein Telefon gehört oder gesehen und frage mich, was es wohl sein könnte. Claudia, denke ich, beschließe nicht hinzugehen. Es klingelt weiter, viermal, fünf, sechs. Ich versuche mich wieder auf den Film zu konzentrieren, aber jetzt sehe ich nicht mehr Butch Cassidy, sondern Paul Newman, und das Telefon klingelt zum achten Mal. Hey, wieso gehst du nicht ran, fragt Julia, gespielt schmollend. Dachte, es wäre jemand anders, ich, und sie, Claudia. Genau, ich. Ich will nicht allein sein, sagt sie.

Es regnet den ganzen Sonntag. Ich sitze am Tisch, stehe auf, betrachte mein Bücherregal, finde nicht die richtige Beziehung zu meiner Haltung: das Kinn in der Hand, den Ellenbogen in der anderen Hand. Schalte den Fernseher an und wieder aus. Julia ist gleich nach dem Frühstück zu ihren Eltern gefahren, ich habe sie zur S-Bahn begleitet, sehe ihr Gesicht vor mir, wie sie mich durch das Fenster betrachtet hat: nachdenklich, besorgt; vielleicht will ich das so sehen, vielleicht hat sie mich nur einfach angesehen, vielleicht denke ich irgendwas.

David schläft bis nachmittags. Es könnte auch sechs Uhr morgens sein, sagt er dann nach einem Blick nach draußen. Ich antworte nicht, nicke nur vor mich hin; er fragt, schlecht drauf. Vielleicht, ich, und er, kein Wunder; geht sich waschen. Ruft aus dem Bad, he, du hast noch die Wäsche in der Maschine. Muß eh noch mal waschen, rufe ich zurück, will nichts weiter erklären, weil mir die Erklärung viel zu anstrengend erscheint und er durch das Brausen des Wasserhahns wahrscheinlich sowieso nichts versteht.

Ich sitze wieder am Tisch, als er zurückkommt und Musik auflegt: The tide is high but I'm holding on; sagt, lach doch mal; tatsächlich muß ich grinsen. Ich wundere mich mal wieder über seine Wirkung, wie macht er das.

Das Telefon; er dreht leiser, ich sage Ja, eine blecherne Stimme nennt ihren Namen: der Regisseur. Hab die Fotos bekommen, er, und ich, aha, so. Er macht ständig äh, als wollte er Geräuschpausen unbedingt vermeiden, weil sonst die Verbindung abbricht oder ich was anderes sagen könnte. Gefällt mir äh gut äh äh, sagt er. Ich weiß keine Antwort, sage schließlich, schön, treffe auf ein äh und höre schän. Er, können wir uns mal sehen, ich, wann, wo. Morgen nachmittag im Venezia. Leopoldstraße. Na klar, ich, und er, deine äh Stimme klingt auch gut äh, neunzig Prozent, äh würde ich mal sagen.

Ich denke, ich muß schreien, also schreie ich, heiei und huhu, David versteht nichts, lacht trotzdem. Der Regisseur, erkläre ich; wie sieht's aus, er, und ich, neunzig Prozent. Na also, ruft er, klopft mir auf die Schulter und strahlt mit weit offenem Mund, was willst du denn. Ja ja, sage ich, plötzlich entspannt, ja ja.

weiter: Teil drei


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