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Inhalt

(Einführung)

Kapitel 1

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Kapitel 2

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

Teil 7

Kapitel 3

Teil 1

Teil 2

Kapitel 4

Kapitel 5

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Kapitel 6

Teil 1

Teil 2

Teil 3

DIE VERRÜCKTEN STEHEN IN DER SONNE - ein Roman (Kapitel fünf, Teil drei)

Wie ein verletzter, müder Sieger bricht die Sonne durch die Nachhut der Wolken, als ich am Montagmorgen aus dem Fenster sehe. Schwere Tropfen hängen an der Dachkante, fallen ab und zu runter, sammeln sich neu, die Luft ist kühl, feucht und schwer oder leicht, irgendwie vorhanden. Ich hänge mich so weit raus, wie ich kann, und atme zweimal tief ein, dann wird mir schwindlig.

Ich mußte bei meinen Eltern bleiben, wegen dem Regen, sagt Julia am Telefon. Ich sage, neunzig Prozent, und sie, hui. Ich treffe ihn um drei, ich, und sie, das freut mich so, das glaubst du nicht. Wir verabreden uns im Moonlight Mile, um acht. Mann, sagt David, bevor ich gehe, du machst das. Ich habe soviel Kaffee in mir, daß meine Bewegungen alle zu hastig geraten und in Schweißausbrüchen enden.

Auf der Straße überfällt mich die Hitze, ich denke, auch noch zuviel angezogen; stelle mir vor, wie ich dem Regisseur gegenübersitzen werde: mit blassem, verschwitztem Gesicht, zuckenden Augen und feuchten, fettigen Haarsträhnen; ein schwachsinniger Hochstapler. Auf der Fahrt durch die Stadt arbeite ich an meinem Gesicht, versuche an Sachen zu denken, die einen coolen, gelassenen und interessanten Ausdruck bewirken könnten.

Aber ich bin unsicher, und wie. Mehrere Male durchfährt mich der Impuls, einfach woanders hinzufahren, mir danach eine gute Ausrede zu überlegen, Oma krank, Reifen platt, irrtümlich verhaftet; aber ich weiß, daß ich damit die Nervosität nicht loswürde, im Gegenteil, sie würde sich von verpaßtem Termin zu verpaßtem Termin derartig steigern, daß ich schließlich ganz flüchten müßte.

Je näher ich dem Treffpunkt komme, desto mehr verwirren sich meine Bewegungen bei dem Versuch, sie zu ordnen. Ich stelle mein Fahrrad zwei Straßen vom Venezia entfernt an eine Hausecke, will es einschließen, dabei fällt mir zuerst der Schlüssel aus der Hand, ich hebe ihn wieder auf, lege die Kette um den Sattel und sperre das Schloß ab; bin schon im Begriff wegzugehen, als mir auffällt, daß ich völligen Mist gemacht habe. Amüsiert wiederhole ich den Vorgang, diesmal korrekt, fühle mich schon gelöster: weil ich, wenn mir nichts anderes zu sagen einfällt, zumindest eine Geschichte erzählen kann.

Ich weiß nicht, wie der Regisseur aussieht, also setze ich mich allein an einen Tisch; lese auf einer Digital-Temperatur-Zeit-Anzeige auf der anderen Straßenseite, daß es erst viertel vor drei ist, natürlich. Trotzdem ist mir, als würde ich beobachtet: als streifte der Regisseur, für meine Augen unsichtbar, durch die Menschenmassen auf dem Gehsteig und achte dabei auf jede meiner Bewegungen, jeden Gesichtszug, mein gesamtes Verhalten. Ich suche den Blick, mal hinter mir, dann wieder irgendwo zwischen den Leuten; denke, du machst dich verrückt; konzentriere meine Aufmerksamkeit auf die Getränkekarte, obwohl ich sowieso weiß, daß ich ein Bier bestellen werde.

Ich trinke langsam, aber die Zeit vergeht noch langsamer. Die Intervalle, in denen die Digital-Anzeige von Zeit auf Temperatur und zurück schaltet, erscheinen mir immer gedehnter, ich spüre, wie allmählich alles stehenbleibt, völlig ohne Ablauf verharrt; ich sitze mittendrin und muß für die Umgebung ein groteskes Zeitrafferbild abgeben.

Mojo, fragt eine Stimme neben mir und reißt mich zurück in die Welt. Ja, sage ich, und augenblicklich verheddert sich die Situation. Ich glotze den Regisseur an, will aufstehen, er setzt sich, streckt mir die Hand hin, ich greife wie automatisch im selben Moment nach meinem Bierglas und lenke die Bewegung gerade noch um.

Wir schütteln die Hände, in meinem Kopf ist kein einziges Wort, obwohl mein Mund Anstalten macht, irgendeinen Ton zu formen. Der Regisseur sieht mich von der Seite an, bestellt mit gehobener Hand einen Eiskaffee und sieht mich wieder an. Mein Gesicht muß entsetzlich aussehen: keiner der Ausdrücke, die ich auf der Fahrt geübt habe, funktioniert auch nur als Ansatz, lächeln, ernsthaft, freundlich, verwegen, professionell, alles entgleitet in Fratzen und ruft Schmerzen in jeweils verschiedenen kleinen Gesichtsmuskeln hervor.

Du bist äh irgendwie dicker als auf dem Foto, sagt er. Das schlägt wie eine Faust in mein Gehirn. Ehe ich erwähnen kann, daß die Bilder schon älter sind, fängt er an, mit näselnder Blechstimme die Story zu erzählen. Das Mädel kommt also in die Stadt, zum ersten Mal, in den Ferien, stürzt mächtig rum, ehe sie schließlich diesen Musiker kennenlernt. Er sieht mich an, ich nicke, schnell genug, um mein Interesse zu zeigen, bedächtig genug für ein Bild mitdenkender Aufmerksamkeit, und für einen ganz kurzen Moment habe ich das Gefühl einer maßlosen Überlegenheit: weil ich weiß, daß diese erbärmliche Geschichte, wie alle solchen erbärmlichen Geschichten, billige Jugendträume des Regisseurs wiedergibt. Er wäre selbst gerne dieser Musiker gewesen, oder wer auch immer. Ich bin Musiker, denke ich, obwohl das auch nichts ist.

Das Mädel lernt also den Musiker kennen, und na ja, sie äh verliebt sich in ihn äh, er will sie nicht, sie äh schleppt andere Jungs ab äh, äh um's ihm zu zeigen. Schließlich will er sie doch, da will sie aber nicht mehr, Ende also romantische Sehnsucht, wenn ich weiß, was er meint.

Das offensichtlich koksgesteuerte Cool-Gehabe des Regisseurs beginnt mir wahnsinnig auf die Nerven zu gehen. Ich bestelle mein zweites Bier, warte regelrecht darauf, daß er irgendwas sagt wie, da wirst du noch dicker von. Nicht davon wirst du, sondern da wirst du von. Er sagt aber nichts, wir sitzen einige Zeit schweigend da; ich denke, er erwartet irgendwas von mir, jubelnde Begeisterung über die abgedroschene Miststory, aber das kann ich nicht.

Was meinst du, er, und ich, nicht schlecht, die Geschichte. Er sieht an mir vorbei, als wäre das gar keine Erwähnung wert. Gibt's das Mädel schon, frage ich, und er, denke schon, hab schon paar Sachen mit ihr gemacht: Liebes Ding, sehr jung, aber gut. Wieder Schweigen. Ich raffe mich auf und sage, ich würde die Rolle gerne spielen. Vielleicht das Falscheste, was ich sagen kann: ein Satz aus schlecht zusammengenageltem Holz. Ich will jetzt aber in erster Linie nur eines: hier weg und irgend jemandem erzählen, was für ein blöder Sack der Kerl ist.

Er erlöst mich. Na ja äh, ich denke, wir werden äh auf jeden Fall voneinander hören, er, und ich, klar. Er steht auf, sieht auf die Uhr, fettes Gold mit vielen Rädern, schwarze Haare außenrum, und läßt neben mir stehen, war schön äh, dich kennenzulernen. Was soll ich sagen, ich dich auch, oder war auch schön, dich und so weiter, die Sätze schrauben sich quer in meinen Mund, keiner kommt raus. Da ist er aber auch schon weg, verschwunden zwischen den flanierenden Freizeitpuppen, die ich jetzt auf einmal alle hasse.

Als ich mein Rad wieder aufschließe und feststelle, daß es erst halb vier ist, bekomme ich einen solchen Lachkrampf, daß mich Passanten anglotzen, besorgt oder kopfschüttelnd. Ich lache und kann nicht aufhören zu lachen.

Dann bin ich zu Hause und sitze da, und alles normalisiert sich wieder. Wally ruft an, was hat er jetzt gesagt. Nicht viel, ich, und sie, laß dir nicht alles aus der Nase ziehen. Ich bin ihm wohl zu dick, ich, und sie, ach was, das ist doch kein Problem, schadet dir nicht, mal weniger zu trinken. Ich denke, daß sie recht hat, daß ich das aber nicht hören will. Dann Julia. Ein Typ hat mich mit dem Motorrad mitgenommen, sie, und ich, mit Dominik auf dem Motorrad. Was denkst du denn, sie, er ist bei meinen Eltern geblieben. Du willst ihn wohl ganz loswerden, sage ich scherzhaft. Du spinnst wohl, fährt sie hoch. Ich will nur noch eine Woche Ruhe haben, bis Manuel wiederkommt.

Ich bemerke, daß ich gar nicht mehr an Manuel gedacht, ihn völlig vergessen habe. Träumer, sage ich laut zu mir selbst. Wer, sie, und ich, ich bin ein Träumer, ich war dabei, Manuel zu vergessen. Das tust du besser nicht, sagt sie.

Abends sitzen wir im Moonlight Mile, ich erzähle Julia von dem Regisseur. Eine Solarium-Leiche, ich, und sie, was soll's, du findest was Besseres, wenn's wirklich nichts wird. Ich trinke zu schnell, sie tröstet mich, was soll das werden, wenn du wegen jedem solchen Kerl den Kopf hängenläßt. Du hast recht, lalle ich, aber mein Kopf will jetzt hängen.

Dann steht ein Typ an unserem Tisch, mit einem Motorradhelm am Arm. Hallo, er, und sie stellt ihn vor: das ist der, der mich heimgefahren hat; ich vergesse seinen Namen sofort wieder. Er sieht sehr gut aus, aber ziemlich dumm: groß, muskulös, mit breiten, federnden Beinen steht er da und streckt mir die Hand hin. Sein Gesicht ist dunkelbraun, das Grinsen wirkt wie geschnitzt, die wellige Frisur auch. Ein geschnitzter Holzkopf, denke ich, während er sich an den Tisch setzt, als müßte er gleich wieder weg. Dann legt er doch Helm und Schlüsselbund aus der Hand und sagt irgendwas zu Julia; sieht ihr Gesicht an, während sie antwortet, mit stechenden Blicken, deren Ziele ich sofort erkenne: ihre Augen, ihr Mund, immer abwechselnd. Was sie reden, bekomme ich nicht mit. Er steht auf, gibt mir noch mal die Hand, ich nicke kurz, dann ist er weg.

Julia erwähnt ihn mit keinem Wort mehr. Vielleicht fahre ich mit Babs nach Italien, sagt sie. Ich, wann, und sie, übernächste Woche. Manuel wird sauer sein, sage ich; sie schweigt. Ihr Blick kann zwei Bedeutungen haben: das zu sagen steht dir nicht zu; oder: da hast du wahrscheinlich recht. Aber irgendwie wünsche ich ihr die Reise, vielleicht weil sie zwischen sie und Manuel gerät. Ich finde es schön, daß du dich erholen kannst, ich, und sie, du bist so lieb. Ich verbringe natürlich die Nacht bei ihr, und es ist, als müßten wir alles, was uns durch die Reise an Gelegenheiten und Varianten verlorengeht, im voraus nachholen.

Auf dem Drehplan steht Drehort: Keller Schloß Hochrain, und irgendwie stelle ich mir ein Schloß vor, ohne ein genaues Bild hinzukriegen. Um so größer ist die Enttäuschung, als wir nach der schier endlosen Fahrt endlich da sind, der Bus über eine holprige Auffahrt in den Hof rumpelt. Ach so, sagt Cag nach einem Blick auf das Gebäude. Eine Art Bauernhof, vielleicht ein bißchen größer, als Schloß nur dadurch kenntlich, daß über dem niedrigen Nebengebäude ein Schild aus Plastik-Kupferimitat das Wort Schloßgasthof verkündet. Es ist ziemlich heiß, obwohl die Sonne in einem Meer aus weißem Dunst fast nicht sichtbar ist. Wir stehen im Hof rum und tauschen mit den Beleuchtern blöde Bemerkungen aus, über die wir abwechselnd lachen, nicht fröhlich, eher nervös.

Aus einer hölzernen Tür kommt Meria ans Licht, verengt sofort die Augen zu schmalen Schlitzen und hält die Hand vors Gesicht. Das gibt uns eine Ahnung von dem, was uns im Keller erwartet. Sie sagt irgendwas mit Hallo Kinder, na, streichelt Deedee den Bauch und sieht uns nacheinander intensiv an, als wollte sie herausbekommen, ob wir noch dieselben sind.

Im Maskenwagen lese ich das Drehbuch, während Wally mal wieder eine neue Technik ausprobiert, mein Doppelkinn wegzuschminken. Sie erwähnt nichts von dem Regisseur, das ist mir ganz recht. Dann stolpern wir über eine schmale, steile Treppe aus schmierigem Stein in den Keller. Der hat seinen Namen verdient. Es riecht so muffig, als faulten ganze Völker von Mäusen und sonstigem Getier vor sich hin. Der Drehort selbst ist ein kleiner Nebenraum, esoterisch dekoriert mit Stoffen, auf die Symbole gemalt sind, buntem Trüblicht und einem mystischen Stein auf dem Boden, der aussieht wie eine riesige mittelalterliche Dechiffrierscheibe. Der so aussieht, als könnte er zumindest etwas bedeuten. Das ist Deedees Folge, oder die von Meria und ihrem Wunsch-Deedee, dem Karma-Affen; und ich beschließe, die Geschichte nicht zu mögen.

Die Szenen sind wie immer sehr kurz, in den meisten spielt außer Deedee keiner von uns mit. Statt dessen bevölkern buntbemalte Fetzengestalten den Raum, laut Drehbuch heißen sie Stadtindianer; ihre Anführerin hat durch einen Zaubertrick die Anlage der Band verschwinden lassen, damit ihr urtumsgeistumwobener Haufen auch mal Musik machen kann; und natürlich muß sich Deedee in die Frau verlieben und in ein Chaos von Magie und Verwirrung geraten. Das klappt auch einigermaßen, denn wenn unser alter Deedee etwas beherrscht, dann ist das ein verwirrter Blick. Die Dialoge sind rudimentär kurz und dermaßen mythisch verluddelt, daß mir der größte Teil der Handlung absolut entgeht.

Zum Mittagessen hocken wir mit den Stadtindianern in der Schloßgaststätte, was zur einer eiligen Flucht befremdeter Ausflügler führt. Einige der Indianer scheinen tatsächlich was von der Philosophie der Geschichte verinnerlicht zu haben, reißen bedeutungsschwangere Gesichter und reden fast unhörbar leise brummelnd geheimnisvolles Zeug.

Der Tag will nicht enden, und ich weiß nichts mit mir anzufangen. Warte auf die letzte Szene, in der ich auch mal wieder vorkomme, es dauert und dauert. Irgendwann rufe ich Julia an, klinge wohl nicht sehr erheiternd; frage sie, was sie macht. Sie geht mit dem Motorradtypen auf ein Konzert. Ich schweige, sie kichert ein bißchen und sagt dann, du bist doch nicht eifersüchtig. Ich weiß nicht, ich, und sie, das gewöhn dir mal ganz schnell ab. Mir fällt auf, daß sie mir immer öfter Verhaltensregeln gibt: was ich nicht denken fühlen sagen darf, was doch, um so zu sein, wie ich für sie sein soll, als wäre ich eine Figur, die sie erfunden hat. Ich empfinde dabei nichts Bestimmtes, nur daß sie wohl recht hat und ich mich daran halten sollte.

Irgendwie mache ich mir Sorgen, sage ich, und sie, so so. Ach was, ich, und sie, kann schon sein, daß er mit mir ins Bett steigen will. Darüber brauchst du dir aber keine Sorgen machen. Mach dir welche, wenn er nicht will. Sie lacht wieder, und jetzt muß ich auch lachen. Als ich einhänge, denke ich, ich liebe sie. Vielleicht weil sie so ist.

Wie war's, frage ich als erstes, als ich sie morgens anrufe. Sie scheint die Frage nicht zu mögen, sagt nichts darauf. Dreht ihr heute wieder in dem Schloß, fragt sie, und ich, ja, aber ich bin nachmittags wieder da, wir könnten zum Baden gehen. Au ja, sie, und ich, ich hole dich ab.

Sie steht irgendwie heiter verlegen neben dem Bett, auf das ich mich gerade setzen wollte. Eine Latte ist durchgebrochen. Wir waren sehr stürmisch, sagt sie und beläßt es bei dieser Erklärung. Ich zwinge mir ein kantiges Lächeln auf, spüre, wie es an den Muskeln um meinen Mund zieht und zerrt, aber auf keinen Fall will ich eifersüchtig wirken.

weiter: Teil vier


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