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Inhalt

(Einführung)

Kapitel 1

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Kapitel 2

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

Teil 7

Kapitel 3

Teil 1

Teil 2

Kapitel 4

Kapitel 5

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Kapitel 6

Teil 1

Teil 2

Teil 3

DIE VERRÜCKTEN STEHEN IN DER SONNE - ein Roman (Kapitel fünf, Teil vier)

Dann sehe ich sie drei Tage nicht. Wir drehen bis abends, Meria schreibt pausenlos Szenen um, verfällt in einen wahren Rausch von Mystik und versteckter Bedeutung. Deedee glotzt verwirrt, Cag lächelt müde und zieht die Augenbrauen hoch, Track lauscht aufmerksam, zeigt keine Reaktion, Kelly steht mit verschränkten Armen und ironischem Grinsen da, und ich stehe irgendwo dazwischen und weiß nicht, wo ich bin. Nachts falle ich sofort ins Bett, vergrabe mein Gesicht im Kissen und versuche, mit einem Rest von Julias Geruch den Kellermuff aus meinem Kopf zu vertreiben. Und stelle mir dann vor, wie sie drei Tage lang jeden Augenblick mit dem Motorradtypen verbringt, sich auf alle Arten von ihm ficken läßt. Am meisten weh tut die Vorstellung, wie sie ihn küßt, lange und fordernd küßt. Das hat sie schon mit vielen getan, denke ich, es ist nichts. Und falls doch, schließlich gehört sie nicht mir, sondern sich selbst. Das ist es vielleicht. Möglicherweise mag ich nicht, daß sie so sehr sich selbst gehört, weil ich einen großen Teil von mir ihr geschenkt habe. Und dafür eine Gegenleistung erwarte, deren Ausbleiben mich nervös und wütend macht. Betrogen? Tatsächlich läßt mich der Gedanke kalt, daß er sie benützt, sich an ihr erregt, sie vögelt, ihren Arsch in den Händen hält und gierig draufstarrt, auf die Stelle, wo er in sie eindringt wie eine zweite Wirbelsäule; diese Vorstellung macht mich kaum eifersüchtig. Eher stolz. Oder geil. Irgendwas. Aber daß er sie nicht verdient hat, daß sie nicht mir gehört und daß sie ihn benützt, um sich zu befriedigen, dabei alles öffnet, was keinen was angeht: das brennt und sticht in mir wie eine Entzündung, ein Krebs oder so was.

Am Samstag warte ich den ganzen Vormittag ab, verwickle mich in ein Netz aus Unsinn; sie ruft nicht an, da hast du's. Wenn sie jetzt nicht anruft; aber ich weiß nicht, was dann passieren soll. Doch, natürlich: ich werde sie anrufen. Wie ich sie immer anrufe. Überhaupt besteht diese Beziehung zum größten Teil daraus, daß ich etwas mache, und sie nimmt es an und hat ihren Spaß daran, oder sie läßt es unbeachtet liegen. Ich bin ungerecht, das weiß ich. Und teuflisch zornig, nicht auf den Motorradtypen, sondern auf sie. Oder auf mich, auf uns beide, meine Dummheit, meine Eifersucht, meine Naivität, irgendwas.

Also rufe ich sie an, und sie ist ganz normal, lieb wie immer. Schon wach, fragt sie, und ich, schon einige Zeit. Ich kann die Anspannung nicht so schnell aus meiner Stimme löschen, das Beben anhalten, sie merkt, daß etwas nicht stimmt. Du klingst so seltsam, sie, und ich, ach was, du bist nur meine Stimme nicht mehr gewöhnt, weil wir uns so lange nicht gesehen haben. So lange, sagt sie, ohne Punkt oder Fragezeichen. Na ja, ich; ich spüre, wie mir das Gespräch davonläuft, oder anders: wie es mich überfährt; ich versuche auszuweichen und verknote mich in Sätzen, die ich sofort bereue.

Laß uns irgendwas machen, sage ich, und sie, na klar, heute ist schließlich dein letzter Tag. Mein letzter Tag, ich, und sie lacht, dein letzter Tag als Ersatzvater. Heute abend kommt Manuel. Ich weiß nicht, was mit mir los ist, daß ich alles falsch verstehe, in jedem Satz nach Beweisen für irgendwas suche. Wir könnten Kaffee trinken, schlage ich vor, nicht besonders überzeugt von der Genialität dieser Idee. Aber mit Kuchen, sagt sie, bei mir.

Als wir an dem kleinen Tisch auf ihrem Balkon sitzen, funktioniert erst mal auch noch nichts richtig. Die Wörter gehen ins Leere, die Bewegungen sind fremdartig deutlich, dabei nutzlos und irgendwie falsch. Wir reden über nichts, während Dominik seelenruhig und ohne die geringste Aufmerksamkeit für uns kleine Steinchen in der Gießkanne versenkt; mit einem Gesicht, als führte er ein bedeutendes Experiment durch.

Es dauert eine ganze Weile, bis mir bewußt wird, wozu ich eigentlich hergekommen sein müßte: um mit Julia ins Bett zu gehen. Als der Gedanke dann in meinem Kopf steht wie eine grüne Zeile auf einem dieser Computerbildschirme, fällt etwas von mir ab, ich muß lächeln. Was ist los, fragt sie, und ich, ich bin ein Idiot.

Ich mag nicht, wenn du so ein Zeug redest, sagt sie, es macht mich unsicher, wenn ich nicht weiß, was du meinst. Außerdem habe ich nicht viel für Idioten übrig. Aber für mich, ich, und sie, das weißt du. Wir könnten auch zusammen wegfahren, sage ich einfach so. Nach den Dreharbeiten. Ich war seit über einem Jahr nicht weg. Und zuletzt, fragt sie. In Italien, erzähle ich. Mit Claudia in Monterosso, Cinqueterre, einem kleinen steilen Dorf am Meer, wo kein Auto hinkommt, außenrum nur Berge und das Meer, und alles ganz altmodisch, wie im Mittelalter.

Die Erinnerung reißt etwas in mir auf, nicht angenehm, nicht unangenehm: ein Gefühl, wie man es empfindet, wenn man nach vielen Jahren ein altes Foto genau ansieht und zum ersten Mal bemerkt, wie sich die Gesichter auf dem Bild seither verändert haben. Und die Details im Hintergrund, die man noch nie gesehen hat, weil man sie damals für selbstverständliche Zutaten einer unveränderlich ewigen Realität hielt.

Ist es schön dort, fragt Julia, und jetzt ist ihr Blick wieder da, vielleicht weil ich ihn erst jetzt wieder wahrnehmen kann. Wahnsinnig schön, ich, und sie, dann fahren wir da hin. Steht auf, nimmt mich an der Hand und führt mich ins Schlafzimmer. Dominiks Blick folgt uns kurz, dann wendet er sich wieder seinen Steinchen zu.

Diesmal schlafen wir schweigend miteinander, mit einer Art zärtlicher Vorsicht, ruhig und aufmerksam; wenn sie spürt, daß ich kurz vor dem Höhepunkt bin, läßt sie mich kurz los, nimmt mich dann wieder, schließt die Augen. Ich betrachte ihr Gesicht, wie sie da auf mir sitzt. Als wäre sie allein, denke ich, aber das ist der letzte solche Gedanke, dann läßt sie sich gehen, und ich achte auf nichts mehr, was sich außerhalb ihres Bauches abspielt. Wir bewegen uns erst langsamer, dann gar nicht mehr, und ich spüre, wie alles in mir sich sammelt und in sie dringen will: als rissen meine Muskeln, Sehnen und Adern um sich zu einem Fluß zu sammeln, der von ihr aufgesaugt wird, nur eine leere, erschöpfte Hülle zurücklassend.

Später sind wir im Moonlight Mile. Reden immer noch kaum, weil es nicht nötig ist. Lulu taucht auf, setzt sich zu uns. Lange nicht gesehen, sagt er. Ich frage, ob Cag schon was von dem Regisseur gehört hat. Keine Ahnung, weiß gar nicht, ob er ihn überhaupt getroffen hat, sagt er. War's nichts mit dir. Ich grinse; bin wohl zu fett geworden, und er, na klar, wie ein Brauereiroß. Wir lachen, alle drei, nur Julia wirkt nicht ganz überzeugt.

Was macht Cag überhaupt, fragt sie, und Lulu, dies und das. Sollten mal wieder auf einem Fest erscheinen, sonst vergißt man uns, ich, und Lulu grinst quer über das Gesicht. Klar, Mann. Wir stoßen unsere Gläser zusammen und trinken, holen dann das nächste Bier, erzählen immer dümmere Geschichten, schmieden Pläne, geben hochtrabende Urteile über alles mögliche ab, lachen durcheinander und trinken noch mehr Bier, bis plötzlich Manuel am Tisch steht.

Na, sagt er, wie geht's so. Seine Stimme ist freundlich, trotzdem werde ich sofort nervös, wage nicht, ihn direkt anzusehen, weil ich fürchte, mein Lächeln oder irgendwas in meinem Gesicht könnte Geschichten erzählen. Ich bin kein guter Schauspieler, und das Argument, daß ich ihm schließlich nichts wegnehme, ist keine tragfähige Grundlage für eine überzeugende Rolle.

Julia scheint sich wirklich zu freuen. Er setzt sich neben sie, und sie hat nur noch Aufmerksamkeit für ihn; er erzählt von der Tournee, nicht zusammenhängend, sondern in einzelnen, lustigen Episoden; die Chormädels im Herrenklo in einem Dorf im Schwarzwald, der schwule Bassist und seine Reihum-Anmachen in der Band, ein Auftritt in Berlin vor zehn Leuten, obwohl vorher zweihundert Tickets verschenkt worden sind, wie der Sänger ins Licht starrt, um die leere Halle mit den leeren Gesichtern nicht zu sehen, bis er so geblendet ist, daß er aus Versehen ins Leere tritt und von der Bühne fällt, die begeisterte evangelische Landjugend im Ruhrgebiet, wie irgendwo im Zonenrandgebiet das Benzin ausgeht und zwei Leute fünf Kilometer zur Raststätte laufen müssen, die ständigen Streitereien mit Mischpult-Clowns, die bisher höchstens mit der Lichtorgel beim Faschingsball zu tun hatten, der groß angekündigte Reporter, der sich als Praktikant bei einer Lokalzeitung entpuppt und keine Fragen weiß, die Rückkehr nach München, wo einem der beiden Gitarristen inzwischen die Wohnung gekündigt und ausgeräumt worden ist. Es fasziniert mich, wie harmonisch ihr Gespräch abläuft: sie stellt kurze Fragen, er redet. Nicht so wie ich, denke ich: er will ihr wirklich etwas mitteilen, was mit seiner Rolle bei ihr nichts zu tun hat. Dabei sehen sie sich ohne Unterbrechung in die Augen, sie neugierig, er eifrig, beide ohne eine Spur von Mißtrauen oder etwas ähnlichem.

Manuel holt sich was zu trinken; ich flüstere Julia ins Ohr, du freust dich. Natürlich, sagt sie, er ist mein Mann. Ich bin diesmal wirklich nicht eifersüchtig; weil ich aber Angst habe, so zu wirken, wirke ich wahrscheinlich so, als wollte ich die Eifersucht überspielen. Der Gedanke ist entsetzlich kompliziert, und ich bin ziemlich betrunken. Manuel trinkt Wein, und bald sind wir alle mehr als angeheitert. Lulu geht, wir bleiben zu dritt. Jetzt beginnt die Geschichte sich von mir zu lösen und an mir vorbeizulaufen. Ich weiß, daß ich nicht mehr viel Aufmerksamkeit erwarten kann, aber mit mir selbst kann ich auch nichts anfangen. Stehe auf und verabschiede mich, wobei mein Stuhl umfällt; das Gelache löst die Spannung. Julia sagt nichts, lächelt mich nur an und schließt kurz beide Augen: das wird schon, scheint sie zu sagen. Ich wiederhole ihre Bewegung, verabschiede mich von Manuel und gehe; steige auf mein Rad und fahre nach Hause.

David sitzt vor dem Fernseher. Du bist zu Hause, sagen wir fast gleichzeitig. Und wie, ich, und er erklärt mir kurz den Film, dann glotzen wir schweigend auf den Bildschirm.

Der Fernseher rauscht und flimmert, als mich das Telefon weckt. David ist neben mir zusammengesunken, schläft mit offenem Mund in Hundestellung. Ich hebe ab und höre Julias Stimme, klein und dünn: wie von weit her.

Was ist los, ich, und sie, es gibt Ärger.

Sofort bin ich wach und nüchtern, die Situation rieselt wie Schnee um mich herum zu Boden und wird fest, bildet weiche und bedrohliche Konturen. Wie, frage ich. Und sie, ich hab Manuel von Italien erzählt. Von dem Plan, mit mir zu fahren, denke ich, aber sie sagt: daß ich mit Babs nach Italien will. Was sagt er, ich, und sie, er ist wütend. Als er bemerkt hat, daß ich zum Telefon gehe, hat er die Tür zugeknallt. Scheiße.

Mir fällt nichts ein, jeder mögliche Satz erscheint mir blöd und daneben. Scheiße, wiederholt sie. Was glaubst du, frage ich. Ich weiß nicht, sagt sie. Ich will, daß du fährst, ich, und sie nach einer Pause, ich bringe das in Ordnung; danke. Wofür, frage ich, und sie, du weißt schon.

Ich wage nicht, sie anzurufen; warte, bis sie sich meldet, und das tut sie nachmittags. Alles okay, frage ich, und sie, alles okay, er ist vielleicht immer noch sauer, aber das ist mir egal. Denkt er, du willst mit mir, fange ich an. Ach wo, nein, sie, ich vertraue ihm und er mir. Um so schlimmer, daß ich ihn anlügen muß. Du mußt ihn nicht anlügen, ich, und sie, verschweigen ist auch lügen. Vielleicht, sage ich. Aber ich erzähle ihm nichts von dir, sagt sie, als wollte sie mich beruhigen. Wäre das so schlimm, ich, und sie, ich weiß nicht, vielleicht ist es ihm egal, vielleicht bringt er dich um.

Ich bin vorsichtig. Rufe sie nur an, wenn ich einigermaßen sicher weiß, daß er nicht da ist; wenn er mit Marco und der Band probt. Die Italienreise nimmt konkrete Formen an. Wir fahren nach Venedig, erzählt Julia. Ein wenig bin ich neidisch, aber nicht auf sie, sondern auf Babs. Wir fahren auch noch, sagt sie, das wirst du schon sehen.

weiter: Kapitel sechs


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