hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
Inhalt

(Einführung)

Kapitel 1

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Kapitel 2

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

Teil 7

Kapitel 3

Teil 1

Teil 2

Kapitel 4

Kapitel 5

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Kapitel 6

Teil 1

Teil 2

Teil 3

DIE VERRÜCKTEN STEHEN IN DER SONNE - ein Roman

SECHS

Dann sind wir tatsächlich in Italien; in demselben kleinen Ort, wo ich mit Claudia war. Wo ich mich wundere, wie wenig sich verändert hat: als hinge ihr Schatten noch über jenem Café-Stuhl, als könnte jeden Moment aus jenem Fenster im ersten Stock ihre Stimme schweben. Aber es ist erst ein Jahr her, sage ich mir. Das Gefühl bleibt.

Einiges ist anders geworden, sehr schnell und doch unbemerkt. Zumindest ist mir die Veränderung nicht aufgefallen. Ich liege am Strand, sehe aufs Meer und zu Julia, die aus dem Wasser kommt wie aus einem Traum, sich über mich beugt und ihr Handtuch nimmt, sich abtrocknet. Ich sehe ihren Körper: ihre schlanken Beine, die kleinen Brüste, die, wie sie sagt, Dominik leergesaugt hat.

Zwei Tage vor unserer Abreise hat Manuel sie geschlagen. Sie sind beide betrunken gewesen, und sie hat nicht verstanden, was er da tut. Warum er so wütend war, scheinbar ohne Anlaß. Ich habe ihr gesagt, daß er wohl eifersüchtig war, aber sie hat sofort widersprochen. Manuel ist nicht eifersüchtig; er kann es nicht sein, weil er ihr vertraut.

Ich war einen Abend mit Manuel weg; habe zugesehen, wie er sich systematisch betrunken hat, um dann eine besoffene und schrecklich ausgeleierte Frau förmlich anzufallen und mit ihr zu verschwinden, ohne mich noch zu bemerken. Die Geschichte habe ich Julia erzählt, als sie am nächsten Abend bei mir war, wie mittlerweile an all den Abenden, an denen Manuel nicht zu Hause war. Was immer häufiger vorkam. Sie hat ein bißchen gelacht und, als ich nicht mitlachte, gesagt, dann gehe ich heute auch nicht heim.

Wie gesagt, ich habe die Veränderung nicht mitbekommen, jetzt wird alles um so deutlicher.

Als Julia mit Babs in Italien war, habe ich auch Claudia getroffen, und es gab einen dieser entsetzlichen Auftritte, die man selbst dann nicht erträgt, wenn man sich einredet, daß sie nötig sind. Sie schrie und heulte, ich schrie und heulte; dann versuchten wir miteinander zu reden, wußten aber keinen Weg; redeten gegeneinander, getrieben nur von einer Absicht: den anderen vollkommen zu vernichten. Es ging um nichts und damit um alles: um das Leben an sich, unser Leben, oder ihr Leben und mein Leben. Es wird etwas passieren, hat sie gesagt. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus, wollte gehen. Wo gehst du hin, fragte sie, und ich, ich gehe. Ich gehe. Bitte zieh nicht aus, sie, und ich, du wirfst mich doch raus. Aus deiner Wohnung, aus deinem Leben. Bitte zieh nicht aus, wiederholte sie, blind und taub vor Tränen und Schmerz. Ich bin gegangen. Nicht zum ersten Mal. Seit ich sie kenne, haben wir Türen hinter einander oder uns selbst zugeschlagen. Vom ersten Abend an, als wir völlig besoffen in meiner Wohnung landeten, neben und auf dem Bett, und ich sie solange mit irgendwas vollredete, bis sie sich auszog, ins Bett legte und sagte, also los. Was natürlich Scheiße war, weil ich nun dasaß, impotent wie ein Joghurt ohne Becher, und ihr einreden mußte, daß es gerade das angeblich nicht war, was ich eigentlich wollte. Da war sie aber schon wieder angezogen und weg. Später war es meistens ich, der schreiend und polternd ihr Treppenhaus runterlief, drei Stunden in ihrem Bett gewartet und Wein getrunken, während sie in irgendwelchen Löchern mit ihrem Ex- oder Nochfreund diskutierlallen mußte, um dann reinzuschwanken und zu schreien, he, was soll das, der Wein ist teuer und von meinem Vater. Oder irgendwas ähnlich Blödes. Jedesmal bin ich rausgerannt, als hätte ich nur auf sie gewartet, um diesen Wutauftritt hinlegen zu können, wortlos meistens, weil sich in dem glühenden Sturm in meinem Kopf kein Satz formen wollte. Und sie stand da: schwankend, den Kopf nach vorne gestreckt, als müßte sie näher ran an die Wirklichkeit, um sie wenigstens ein bißchen erkennen zu können. Wenn ich sie so sah, hätte ich explodieren können von der Mischung aus Mitleid und Zorn, die in mir tobte. Jedesmal überwog der Zorn, das Mitleid kam, wenn ich allein auf meinem Bett saß und außer einem dumpfen, halligen Echo von unserem Lärm nichts mehr hörte und deshalb sofort bei ihr anrief, um ihr alles mögliche von Leidtun zu erzählen, bis der Zorn von ihrer kalten Stimme aus dem Plastikteil wieder so angefacht war, daß es Zeit wurde, den Hörer in die Ecke oder das Telefon aus dem Fenster zu schmeißen. Oder am nächsten Tag, wenn ich nüchtern genug war, um mich selbst nicht mehr zu verstehen. Aber diesmal hatte ich das Gefühl, jetzt bin ich gegangen: wollte nicht mehr schon im Runterlaufen eigentlich sofort wieder umkehren oder am liebsten von ihr zurückgeholt werden.

Dann hat sie angerufen, am nächsten Tag. Es wird etwas passieren, und ich, was zum Teufel wird denn schon passieren.

Einen Abend habe ich mit Julia und Manuel verbracht. Es war eigenartig, dazusitzen und irgendwie zwischen ihnen zu sitzen. Wir lachten und redeten, um keine Pause machen zu müssen und dabei zu bemerken, wer wir sind und was wir tun. Manuel entdeckte unter den Massen von Leuten in dem leuchtend weißen Cafe eine Frau, die mal schrecklich in ihn verliebt war; Julia meinte, die machen wir jetzt fertig. Sie mag gerne Sahnelikör, erinnerte sich Manuel, und Julia, so sieht sie auch aus. Manuel ging zum Tresen, ein Glas Sahnelikör in der Hand verschwand er dann aufs Klo, masturbierte dort in die cremige Flüssigkeit. Ich stellte das Glas vor die Frau und sagte, das ist von Manuel, der sitzt da hinten, aber sieh nicht auffällig hin, seine Frau ist dabei.

Dann beobachteten wir, wie sie mit rotem Gesicht verstohlen immer wieder kurz in unsere Richtung lächeln wollte. Wir sahen sie alle drei dermaßen direkt an, daß sie sich jedesmal sofort wieder abwenden mußte. Sie trank das Zeug in einem Zug, und wir brachen zusammen vor Lachen, grölten und schlugen mit den Händen auf den Tisch, bis uns die Tränen kamen.

Hast du keinen Hunger, fragt Julia, ich öffne die Augen und stelle erstaunt fest, daß sie neben mir liegt. Ein bißchen, ich, und sie, eine Portion Pasta wäre angesagt. Ich stochere in meinem Salat rum, bin froh, daß ich mich dem Zusammenfalten der großen Blätter widmen muß und damit ein Gespräch weitgehend vermeiden kann. Julia wickelt ihre Nudeln auf die Gabel und mag das Gleiche denken. Wir trinken Wein, in sehr kleinen Schlucken, weil es dafür eigentlich noch zu heiß ist. Wie spät mag es sein, frage ich mich, ärgere mich, daß ich absichtlich keine Uhr mitgenommen habe.

Wir wohnen sogar in derselben Pension, in der ich letztes Jahr eine Woche mit Claudia verbracht habe; der alte Wirt, der den ganzen Tag hinter seinem kleinen Empfangstresen steht oder sitzt, scheint sich für einen kurzen Moment an mich zu erinnern, aber das bilde ich mir wohl nur ein. Er sieht uns an, murmelt buon giorno und kaut ständig auf etwas herum, was sich anhört wie Sand oder zerbröselnde Zähne.

Einmal haben wir hier miteinander geschlafen, dabei schien ich zum ersten Mal die Initiative zu übernehmen und stellte beschämt fest, daß Julia danach wenn nicht enttäuscht, dann doch zumindest nicht begeistert wirkte. Es blieb bei dem einen Mal am ersten Abend, die folgenden drei Tage bis heute haben wir uns nicht einmal geküßt. Ich könnte nicht sagen wieso, sie spricht das Thema nicht an, also lasse ich es auch. Vielleicht wartet sie, daß ich etwas sage. Ich weiß aber, daß ihre Antwort wäre, die Spannung ist weg, und das will ich nicht hören. Vielleicht, weil ich das auch spüre.

Nach der Szene in dem Cafe, mit der Frau und dem Sahnelikör, fingen wir ernsthaft an zu trinken. Wir zogen durch mehrere Kneipen, die immer weniger feste Raumform annahmen, landeten später in einer kleinen Nachtbar, wo wir uns mit schwarzem Kräuterlikör förmlich zuschütteten. Ich bin dann mittags in meinem Bett aufgewacht, mein Kopf lag in Kotze; ich lebe also nur deshalb noch, weil ich immer auf der Seite schlafe, habe ich gedacht, und dieser Gedanke, oder sein Echo, traf mich wie ein Faustschlag, als ich nachmittags wieder nüchtern wurde.

Ich kroch aus dem Bett, kämpfte in der Badewanne gegen die weichen Tiefen der Ohnmacht, in die ich so gerne gefallen wäre, kiptte nach und nach eine halbe Flasche Shampoo auf meinen Kopf, goß Rasierwasser hinterher, aber den widerlichen Geruch von Magensäure bekam ich den ganzen Tag nicht aus den Haaren, drehte immer den Kopf weg, wenn mich jemand von rechts anredete, was wohl seltsam gewirkt hat. Eine Erklärung für den Gestank oder meinen scheinbar steifen Nacken zu formulieren wäre mir aber zu peinlich gewesen.

Dann kam das Abschlußfest der Serie, zwei Tage später, und wir waren wieder so betrunken, daß wir Manuel einfach vergaßen. Spätestens als die Beleuchter und Kabelträger ihren Amateurfilm über die Dreharbeiten vorführten und wir uns sahen, nebeneinander in der Maske, beim Essen: ständig zusammen; unsere Blicke, die zufälligen Berührungen, die eingespielte, mühelose Art, wie wir miteinander umgingen, da wurde uns klar, daß jeder alles wissen mußte.

Wir haben das Fest zu zweit verlassen, sind zu mir gefahren und gleich hinter der Tür übereinander hergefallen; haben auf dem Bett neben dem Teppich gefickt, wie wahnsinnig; wollten mit allen Mitteln feststellen, ob es das wirklich war: dieser Irrsinn, diese unglaubliche Spannung. Daß es das war, weiß ich jetzt, wo es nicht mehr ist, irgendwie.

Wir sind wieder am Strand; jetzt komme ich aus dem Wasser, lecke mir Salz von den Lippen und sehe Julia, die, fünf Meter von mir entfernt, von Typen umringt ist. Die sitzen um sie rum, während sie da liegt und so tut, als bemerkte sie nichts; sie muß die Augen geschlossen haben. Unwillkürlich bleibe ich stehen und betrachte die Szene, die ohne mich weitergeht; fühle keine Verbundenheit, fühle gar nichts: sehe nur zu. Die Typen unterhalten sich, ich stelle mir vor, wie schwer es Julia fällt, sich schlafend zu stellen.

Wollen wir ein bißchen schwimmen, rufe ich ihr zu, und da tritt der Rahmen wieder hinter mich zurück, die Situation öffnet sich und nimmt mich auf; sie richtet sich auf, schützt mit der Hand ihre Augen vor den Strahlen der stählernen Sonne, ruft zurück, später. Ignoriert die Typen, aber die haben jetzt was bemerkt, stehen einer nach dem anderen auf und gehen weg, lachend; tauschen kleine Schläge mit Fäusten auf Schultern aus und verschwinden dann, sind weg. Ich stelle mir vor, daß die Szene gar nicht passiert ist: es bleibt nichts zurück, keine Wirkung.

Du darfst das nicht tun, sagt sie, als ich wieder bei unserem Platz bin und mich im Stehen abtrockne. Was, ich, und sie, du mußt schon ein bißchen auf mich aufpassen. Sie sagt das nicht scherzhaft, um so weniger verstehe ich, was sie meint. Ich will es überhaupt nicht verstehen; der Gedanke der Verantwortung für sie steht da irgendwo, und ich mag ihn nicht.

weiter: Teil zwei


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer | pdf