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Inhalt

(Einführung)

Kapitel 1

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Kapitel 2

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

Teil 7

Kapitel 3

Teil 1

Teil 2

Kapitel 4

Kapitel 5

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Kapitel 6

Teil 1

Teil 2

Teil 3

DIE VERRÜCKTEN STEHEN IN DER SONNE - ein Roman (Kapitel sechs, Teil zwei)

Zwei oder drei Tage nachdem ich die Auseinandersetzung mit Claudia durch mein Weggehen beendet habe, traf ich sie wieder, in unserer alten Stammkneipe. Wir waren beide wie elektrisch geladen, mit kalter Elektrizität, die sich entlud, so oft wir uns ansahen oder sarkastische Bemerkungen übereinander machten, für Zuhörer gedacht, die mehr imaginär waren als wirklich da saßen. Die Leute am Tisch verfolgten unsere Sticheleien, manchmal belustigt, dann wieder peinlich berührt, wenn wir plötzlich explodierten. Sie folgte mir in meine Wohnung, mit zwei Metern Abstand. Wir waren beide sehr betrunken, und irgendwie kippte unsere Stimmung um. Vielleicht waren wir müde vom Streiten, vielleicht hatte sich unsere Wut so weit vorgewagt, daß sie keine Grundlage, keinen Boden mehr hatte. Jedenfalls war der Haß, oder was ich dafür hielt, weg wie Nebel, ertrank in Tränen, und jetzt weinten wir gemeinsam, nicht mehr jeder für sich oder gegen den anderen.

Dann haben wir miteinander geschlafen. Das war so ganz anders als mit Julia: kein Vorgang, den ich als Ablauf von Handlungen beschreiben könnte, keine chronologische Folge von Stellungen; ich kann in meiner Erinnerung nicht einmal einen genauen Anfang feststellen.

Es blieb auch dabei. Am nächsten Tag stieg ich mit Julia in den Zug nach Italien.

Woran denkst du eigentlich die ganze Zeit, fragt mich Julia. Ich, frage ich, völlig blödsinnig, überrascht. Natürlich du, wer denn sonst. Du wirkst so abwesend die ganze Zeit. Ich weiß nicht, lüge ich, vielleicht denke ich daran, was jetzt kommen soll. Wie kommen, sie, und ich, die Serie ist fertig, ich habe keinen Job und weiß auch nicht, was passieren wird. Ich will nicht, daß weiterhin alles nur einfach so mit mir passiert, verstehst du, sage ich.

Ich auch nicht, sagt sie, wir müssen das in die Hand nehmen. Was in die Hand nehmen, ich, und sie, unsere Karriere. Das Wort kommt so schräg von der Seite auf mich zu, daß ich nicht weiß, ob es ernst gemeint oder ein Scherz ist. Karriere, ich, und sie, nenn es wie du willst. Na ja, sage ich, und damit ist das Gespräch wieder beendet. Ich denke, daß ich eigentlich ganz etwas anderes gemeint habe, was ich aber nicht erklären kann oder will.

Als wir abends, nach einem weiteren Essen, in unser Zimmer kommen, habe ich das Gefühl, daß etwas zu Ende geht. Wie automatisch, ohne Wörter, schließe ich das Fenster, worauf sie das Licht anschaltet. Wir ziehen uns aus, ich putze mir die Zähne und frage mich, ob sie mir zusieht und was sie denkt. Dann steht sie am Waschbecken, und jetzt beobachte ich sie, ohne Nähe, wie man einen nackten Körper ansieht, der im Zimmer steht und eine Tätigkeit durchführt. Ohne die Anwesenheit eines zweiten Menschen zu bemerken, der schweigt in Verwunderung über den Körper, der nicht sein eigener ist und ihn doch erinnert, was das Leben umgrenzt: die Gestalt, die Haut, die Reichweite der Bewegungen.

Ihre Beine sind schlank, denke ich, und ihr Arsch ist für meinen Geschmack eigentlich zu mager. Ich wiederhole in Gedanken das Wort: mager, sehe die Wirbelknochen, die an ihrem Rücken hervortreten wie ein symbolischer Abzählreim des Lebens, wenn sie sich über das Becken beugt. Höre, wie sie mit dem Schaum ihren Mund spült, ihn mit einem platschenden Geräusch ausspuckt und mit Wasser nachspült.

Nichts. Ich kenne das Geräusch, aber es ist, als hörte ich es zum ersten Mal. Auch als sähe ich ihren Körper zum ersten Mal. Sie hält sich mit einer Hand die langen blonden Haare über den Kopf, wischt mit der anderen, feuchten Hand über ihren Nacken. Ich spüre eine wachsende Angst vor dem Moment, wenn sie sich umdreht. Lege mich ins Bett, nehme mein Buch vom Nachttisch und starre auf die Seiten, nehme nur Muster von Buchstaben wahr.

Dann wache ich auf und weiß nicht, wo ich bin. Setze mich im Bett auf und suche mit den Augen etwas in der Dunkelheit, die aussieht wie unendlich. Irgend etwas ist sehr weit entfernt; etwas, das mir fehlt, aber ich weiß nicht, was es ist. Ende, denke ich. Ende. Das Wort wirkt, als löste sich eine Fessel, die mich am ganzen Körper eingeschnürt hat. Ich sage es laut, Ende. Mein Gesicht verkrampft sich, all diese winzigen Muskeln spannen sich nacheinander an, bis mir die Tränen förmlich aus den Augen rollen und tropfen und ich nicht mehr zurück kann in das System vergangener Verrichtungen.

Ende, sage ich noch mal, halte mir dann die geballten Fäuste vor das Gesicht und sehe sie an: meine Hände.

Ich werde nicht zurückkommen. Weil ich noch nie da war.

Ich bin auf dem Weg zum Bahnhof. Habe nicht daran gedacht und trotzdem gewußt, daß ich fahren werde.

Ich werde auf den Klingelknopf drücken, sie wird die Tür öffnen, einen Spalt nur; ich bin da, werde ich sagen. Sie wird die Tür zuwerfen, mit aller Kraft, und ich werde mein Gesicht so weit vorstrecken, daß ich die Tür draufbekomme.

Dann werde ich noch einmal klingeln. -----------------------

weiter: Teil drei

 


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