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Inhalt

(Einführung)

Kapitel 1

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Kapitel 2

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

Teil 7

Kapitel 3

Teil 1

Teil 2

Kapitel 4

Kapitel 5

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Kapitel 6

Teil 1

Teil 2

Teil 3

DIE VERRÜCKTEN STEHEN IN DER SONNE - ein Roman (Kapitel sechs, Teil drei)

Außer, daß da jemand anders öffnete. Und mir sagte, Claudia sei seit drei Tagen tot und werde morgen früh begraben. Ich kannte ihn nicht, aber er hatte sie gefunden: ein Typ in meinem Alter, mit Locken bis auf die Schultern und vor den Augen, wenig Interesse im Gesicht, wenigstens an mir. Ich wollte was wissen, aber die Frage fiel mir nicht ein: wie, wann.

Aber er redete schon, auf dem Weg in die Gemeinschaftsküche der WG, in die er offenbar erst vor kurzem eingezogen war, weil er nach den Tassen für den Kaffee alle Schränke und Kommoden durchsuchen mußte, ehe er sie da fand, wo er zuerst nachgesehen hatte.

Es war nicht schön: sie hatte sich offenbar zuerst betrunken, war dann vor dem Haus gesessen, weinend und nicht fähig, irgendwohin zu gehen. Er hatte sie nach oben gebracht, ins Bett gelegt, ihr nur die Jacke ausgezogen und das Licht ausgemacht. Vier Stunden später klingelte sein Wecker, und als er die Badtür öffnete, hing sie innen an der Klinke, im Sitzen, nur ein paar Zentimeter über dem Boden, aber weit genug zum Ersticken, und schwamm in einer quadratischen Fläche aus Blut, die das ganze Bad überzog, von der Wanne bis zur Wand, von der Tür bis zur Wand. Der Arzt hatte wenig gesagt, nach ihren Eltern gefragt, von denen er nichts wußte, die Polizisten waren auch bald wieder gegangen, und er hatte das Blut weggewischt, danach Eimer und Lumpen in die Mülltonne geworfen. Dann hatte ihr Vater angerufen, wie ein Verwalter, ihn angewiesen, nichts zu verändern, aber die Möbel gehörten sowieso nicht ihr; er hatte sie gestern in den Keller getragen, weil der Vermieter einen Studenten gefunden hatte, der zum Abitur genug Geld für einen Besuch bei Ikea bekommen hatte und das alte Zeug nicht wollte.

Da war noch ein Brief, sagte er, fing wieder an zu wühlen, diesmal in der Tischschublade, aber das verstehe ich auch nicht.

Was, ich, und dann versuchte ich, den Zettel zu lesen, den er mir hinlegte, aber auf dem war vor dem Zerknüllen jedes einzelne Wort so oft durchgestrichen worden, daß ich nur noch das erste entziffern konnte: »Ich«

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Und schließlich ist da noch ein Bild. Es will mir eine Geschichte erzählen, die windige Leere in meinem Kopf mit einer Mischung aus zäher Sehnsucht und weicher Erinnerung füllen. Aber ich will sie nicht hören, nicht erfahren, will sie nicht verstehen müssen, sondern die Leere behalten, als Hülle aus Papier am Fenster sitzen und Blicke auswerfen, die nichts fangen.

Und es ist nur ein Bild, ein Polaroid: ein Fensterbrett, auf dem leere Gläser vor einem ewig blauen Himmel trocknen. Und ich denke: Die Verrückten stehen in der Sonne. Der Schatten ist hinten, auf der anderen Seite, hier.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer