hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
Inhalt

(Einführung)

Kapitel 1

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Kapitel 2

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

Teil 7

Kapitel 3

Teil 1

Teil 2

Kapitel 4

Kapitel 5

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Kapitel 6

Teil 1

Teil 2

Teil 3

DIE VERRÜCKTEN STEHEN IN DER SONNE - ein Roman

Das ging so (eine Einführung):

Im Spätsommer 1990 hatte ich zum erstenmal einen "richtigen" Job, das heißt: Ich mußte zum erstenmal regelmäßig morgens aufstehen (um sechs Uhr), an einen ziemlich unerfreulichen Ort fahren (den Münchner Hauptbahnhof) und mit (sehr lieben) Menschen gemeinsam arbeiten. Bei so einer Arbeit, wenn sie eher körperliche als geistige Anforderungen stellt, kommt man ziemlich ins Sinnieren, Denken, Erinnern usw., und die Vergangenheit sammelt sich dabei möglicherweise sogar zu Geschichten.

Und dann ist es auch so, daß das Bedürfnis wächst, noch etwas anderes zu machen als nur zu arbeiten. Also setzte ich mich in meinem ersten richtigen Urlaub im Spätsommer 1991 an den Schreibtisch (wo eine Schreibmaschine stand) und fing an, einen Roman zu schreiben, der sich grob an das Jahr 1985 anlehnte; und zwar, was die Arbeitstechnik angeht, so, wie ich das beim Arbeiten gelernt hatte: Jeden Tag vier bis sechs Stunden, dann Pause, dann nahm ich den ganzen Papierberg mit in den Biergarten oder sonst wohin, las alles noch mal durch, kritzelte mit dem Bleistift alles mögliche hinein, und am nächsten Tag das gleiche von vorn.

Als die Geschichte einigermaßen fertig war, schrieb ich sie noch mal ab, machte ein paar Kopien davon und verschickte sie an ein paar Verlage, zwanzig oder so. Es kamen vier Antworten: drei Photokopien mit der Erklärung, man habe entweder kein Lektorat oder nicht genug Zeit, um alles zu lesen und zu prüfen, was man zugeschickt bekomme, und ein Brief, in dem mir mitgeteilt wurde, es handle sich bei dem Roman um einen "schlappen Aufguß" und "andere Autoren" hätten "das, wovon Sie schreiben, schon besser beschrieben, authentischer und literarischer".

Was soll's, dachte ich und schrieb weiter, an allen möglichen anderen Sachen, Kurzgeschichten und dies und das. Eine Sammlung davon reichte ich im Frühjahr 1995 als Bewerbung um ein Literaturstipendium der Stadt München ein. Die Ablehnung kam im Juli, und im Jahr darauf wurde ich zur Vorstellung der ausgewählten Stipendiaten eingeladen. Das war ein lustiger Abend in einer Hinterhofkneipe in der Maxvorstadt, abgesehen davon, daß ich die vorgestellten Texte derart miserabel fand, daß ich mich im nachhinein doch ein bißchen ärgerte.

Meinen Roman hatte ich in der Zwischenzeit fast vergessen, und als ich ihn eines Tages wieder aus dem Schreibtisch hervorzog, beschloß ich, den Quatsch mit dem "Aufguß" zu vergessen und die Sache noch mal neu anzugehen, und reichte ein paar überarbeitete Teile davon wiederum beim Kulturreferat für ein Literaturstipendium ein. Das war, ehrlich gesagt, nicht sehr ernst gemeint (weil ich ja glaubte, den Geschmack "dieser Leute" zu kennen) und diente mehr der "Selbstversicherung": Ein Roman, der (wie ich hoffte) vor dem Ablehnen wenigstens gelesen wird, ist immerhin eine Art "echter" Roman.

Ende Juli 1998 teilte mir Julian Nida-Rümelin mit, mir sei eines von sechs Literaturstipendien zuerkannt worden. Das war eine ziemlich grandiose Überraschung, doch immerhin zeigte die Begründung der Jury, daß ich mit meiner Einschätzung nicht ganz falsch gelegen hatte: An den eingereichten Ausschnitten wurde gelobt, es sei mir gelungen, "die leere Rasanz" der 80er Jahre nachzubilden etc. - die Nachfrage nach "Pop-Autoren" sollte bald danach enorme Ausmaße annehmen. Mir war es eigentlich um etwas ganz anderes gegangen; aber egal: Jetzt schrieb ich den Roman noch einmal neu und fand ihn danach ziemlich gelungen. In der Diskussion wurde mir von den anderen Stipendiaten vorgehalten, ich zeige zuwenig "Liebe" zu meinen Figuren, die deshalb nicht "sympathisch genug" seien. Nun ja. Darauf habe ich nicht sofort geantwortet, mir aber meine Gedanken gemacht und diese später aufgeschrieben.

Verschickt habe ich ihn dann auch, den Roman, diesmal an ungefähr hundert Verlage und ein paar "Agenten"; und weil ich in dem Anschreiben das Literaturstipendium erwähnte, erhielt ich eine ganze Menge Post, zwar nicht von allen Verlagen und "Agenten", aber doch von gut der Hälfte. Leider lehnten alle, die antworteten, den Roman ab, selbst der Verlag, dessen Lektorat von jenem Jury-Mitglied geleitet wurde, das den Roman für das Stipendium vorgeschlagen hatte.

Einige gründeten ihre Ablehnung darauf, daß der Roman "schmutzig", "gewagt", "ausschweifend", "explizit", "pornographisch" etc. sei, andere begründeten sie gar nicht näher. Einige auch fanden den Roman, wie sie schrieben, sehr gut, hatten aber keinen Platz in ihrem Programm für unbekannte Autoren, wünschten mir viel Glück und versicherten mir, ich werde garantiert einen Verlag finden usf.

Obwohl die Antwort vom Maro-Verlag noch aussteht (man bat mich am 19. Mai 1999 um "etwas Geduld"), habe ich die Hoffnung, "Die Verrückten stehen in der Sonne" als "richtiges" Buch veröffentlichen zu können, nach einiger Zeit begraben. Und wieder andere Sachen gemacht. Der Roman "erschien" 2002 in einer (als Werbeangebot einer Books-on-Demand-Firma) "gedruckten" Auflage von zwei Exemplaren.

Aber: Im Jahre 2009 fand sich doch noch ein Verlag, und im Februar 2010 ist "Die Verrückten stehen in der Sonne tatsächlich als Buch erschienen, und zwar bei Lagrev. Deshalb kann man hier auch zwar den ganzen Roman lesen, aber nur teilweise als pdf-Datei runterladen.

Eine kleine Bemerkung zur Darstellung als html- bzw. pdf-Datei: Da es im html-Text keine Absätze ohne Leerzeilen gibt, unterscheiden sich die beiden Versionen vom Textbild her an einigen Stellen. Die "gültige" Version ist jeweils die pdf-Datei.

Hier ist das "Exposé", mit dem ich den Roman damals beim Kulturreferat eingereicht habe (und das möglicherweise nicht ganz unschuldig an den Mißverständnissen war) - sorry für diverse "Geschwollenheiten":

--- Man mag darüber streiten, ob die achtziger Jahre die stupideste, ödeste und dümmste Epoche der Nachkriegszeit waren. Es war jedenfalls jene Zeit, als jene jungen Menschen, deren Eltern in vorgegangenen Zeiten "die Welt verändern" oder "die Zukunft gestalten" wollten, feststellten oder wenigstens glaubten, daß man durch gleichzeitigen totalen Rückzug auf das eigene Niveau und Entfesselung bunter Erlebnis- und Gestaltungsstrategien ein neuentdecktes Elixier gewinnen konnte, dessen Name "Spaß" war. Ein Name, der wie das Zwitschern zurückgekehrter Vögel in lauen Märznächten durch die achtziger Jahre hallte. In jener Zeit war man vorzugsweise "beim Film", las Zeitgeist-Zeitschriften, ernährte sich von gestalteten Happen, die in chromblinkenden Hallen von Teilzeit-Fotomodellen serviert wurden, schnupfte Kokain und erzählte aller Welt, wie gut man sich fühlte. Man fühlte sich aber nicht so gut. In jener Zeit nämlich war man nicht richtig zu Hause. Klirrbunte Sexbeziehungen, die mehr mit Gymnastik als mit Liebe zu tun hatten und so schnell vorbei waren wie ein Werbespot, hinterließen das schale Gefühl, etwas verpaßt zu haben, was man nun suchte wie ein manisches Kind, das sein ganzes Erspartes in Zehnpfennigstücke umgewechselt hat und diese in der stoischen Hoffnung in den Kaugummiautomaten dreht, es würde schon noch das Große, Verborgene, Unbekannte kommen, wenn man nur lange genug weiter drehte. "Die Verrückten stehen in der Sonne" spielt in der Mitte der achtziger Jahre. Eine zufällig zusammengewürfelte Gruppe von vier männlichen und einem weiblichen Angehörigen oben beschriebener Spezies von Anfangs- bis Mittzwanzigern ist ebenso zufällig ins Filmgeschäft geraten. Der Erzähler, einer davon, stürzt sich in den sensationellen Wirbel von glitzernden Surrogaten, um einer Sackgasse zu entkommen, in der eine katastrophal gescheiterte Beziehung, ein planloses Vorleben und allgemeine Orientierungslosigkeit lauern. Was er findet, ist "Spaß", eine klirrbunte Sexbeziehung und ein Leben, dessen plötzlicher Stillstand ihn zu der ebenso plötzlichen Erkenntnis führt, daß er die Sackgasse nie verlassen, sondern nur den Fernseher eingeschaltet hat. Am Ende steht Mojo - alle Namen haben eine Bedeutung, aber keine große - so da wie am Anfang: in der einen Hand einen Sack voll verschwendeter Zeit ohne Ergebnis, in der anderen nichts, vor sich eine Tür, hinter der seine Vergangenheit darauf wartet, doch noch irgendeinen Sinn zu bekommen. "Die Verrückten stehen in der Sonne" ist ein oberflächlicher Rausch, in dessen dunklen Ecken das Leben lauert. Ein rasender Lauf durch eine Schweinwelt, der sich in Momenten als zielloser Kreis offenbart. Eine Abrechnung? Eher ein Geschwür, das durch den Prozeß des Erzählens Form erhält und entfernt werden kann. Zwischen Ende und Anfang ist nur eine Tür. Auf einer anderen, vielleicht wichtigeren Ebene ist "Die Verrückten stehen in der Sonne" eine "Studie" über Wahrnehmung und die Geschichte einer Wahrnehmungsverschiebung. Unterschwellig werden Mojos Perspektiven verfolgt, die sich stetig und signifikant verändern. Zu Beginn der Geschichte versucht er, den Zustand seines Lebens "zu malen" (was mißlingt). Ein Polaroidphoto, das er am Morgen nach der ersten Party seines "neuen Lebens" macht, wird zum mehrseitigen Spiegel: Zuerst zeigt es einen Ausschnitt aus der neuen Welt des Erzählers, in die er gerade erst eingetreten ist, die ihm unendlich groß und verheißungsvoll erscheint ("Es blitzt fast unsichtbar gegen die Sonne, jemand lacht, alle lachen."). Am Ende, auf der "anderen Seite" des Photos angekommen, stellt er fest: "Und es ist nur ein Bild, ein Polaroid: ein Fensterbrett, auf dem leere Gläser vor einem ewig blauen Himmel trocknen. Und ich denke: Die Verrückten stehen in der Sonne. Der Schatten ist hinten, auf der anderen Seite, hier." ---

Und zu guter Letzt möchte ich noch dringend erwähnen, daß alle Leute, die als Vorbilder für Figuren des Romans herhalten mußten, in Wirklichkeit sehr nette und liebenswerte Menschen sind, mit denen ich gerne meine Zeit verbracht habe und zum Teil noch verbringe.

Und hier fängt das erste Kapitel an.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer