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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

WARM, IRGENDWIE

er Sommer ist Frau Hammler eigentlich schon lieb, lieber als der Winter, wo sie schneeräumen, Eiszapfen abschlagen und über mordsgefährliche Schlitterwege zum Einkaufen tippeln muß. Aber es hat alles seine Grenzen, und ihre liegt knapp über dreißig Grad.

Ob er schon einmal erlebt habe, daß die Milch durch Tasche und Flasche hindurch sauer geworden ist, fragt sie ihren Mann, der natürlich vor dem Fernseher sitzt, wo er seit Wochen seine Vormittage verbringt. Ob die denn in dem Geschäft keine Kühlung haben, fragt Herr Hammler zurück. Natürlich, aber das Kühlregal könne sie ja nicht gut mit nach Hause schleppen, und das sei immerhin ein ganz schöner Weg und sie könne nichts dafür, daß in der näheren Umgebung alle Milchgeschäfte in Telephonläden umgewidmet worden seien und jetzt gehe sie aber nicht noch einmal los, um eine neue Milch zu holen, die dann gleich wieder sauer werde. Sie solle ruhig sein, sagt ihr Mann, denn jetzt gebe es einen Freistoß für Japan; und sie fragt, seit wann er sich bitteschön für Japan interessiere, auf das er doch immer bloß geschimpft habe, wenn er die Gebrauchsanweisung nicht lesen habe können, aber jetzt schweigt er, stößt dann ein ruckartiges Geräusch aus, und Frau Hammler begibt sich in die Küche, um die Milch mit Natron aufzurühren, und schimpft derweil weiter, sie halte das Geschrei der Kinder auch bald nicht mehr aus. Die hätten eben jetzt ein Hitzefrei, grummelt ihr Mann von drüben, da habe sie als Kind sich doch auch gefreut wie ein Schneekönig. Das sei ein Witz, schreit Frau Hammler, inzwischen gebe es doch wohl Ventilatoren, und man hätte doch ordentliche Schulen bauen können in der Zwischenzeit, anstatt die sowieso zügellose Brut nackig auf der Straße herumrandalieren zu lassen, und wenn das so weitergehe, mache sie eine Angabe beim Ministerium. Ihr Mann sagt, Hitzefrei sei nun einmal Tradition, und außerdem heiße das Eingabe und er sei ja gespannt, bei welchem Ministerium sie eine solche machen wolle und wie. Er habe es gerade nötig, an ihrer Sprache herumzumäkeln, brüllt sie, wo er sich den ganzen Tag diese Fußballer anschaue, die, das stehe ja jeden Tag in der Zeitung, überhaupt des Sprechens nicht mächtig seien und Sachen sagten wie »Der FC Tirol hat eine Optalidon auf mich« oder »Ich sage nur ein Wort: Vielen Dank!«

Ersteres heiße erstens Obstruktion und sei ein Scherz gewesen und letzteres gar kein Fehler, sondern es gebe Worte und Wörter und dazwischen einen Unterschied, schreit nun auch Herr Hammler, und er habe ja wohl genauso wie alle anderen das Recht auf eine Fußball-WM. Und Frau Hammler schreit, die Ministerin kenne sie sehr wohl, das sei die vom Strauß, und er solle jetzt endlich eine Ruhe geben, und jetzt sei ihr sowieso die Milch zu weit aufgebraust und die könne sie wegschütten und er solle selber sehen, wie er morgen seinen Kaffee trinke und er könne sich ja einen Romadur hineinrühren ihretwegen und ihr sei jetzt aber auch schon alles egal und sie ziehe sich jetzt auch nackig aus und renne auf die Straße, und er schreit, das solle sie nur tun, dann sei endlich Ruhe, und er trinke jetzt ein Bier. Soweit komme es noch, brüllt sie, und er brüllt zurück, genau, soweit sei es schon und jetzt sei überhaupt alles zu spät und Japan draußen, und sie schreit, das wisse sie schon, weil gerade der Herr Watanadingsbums aus dem dritten Stock auf die Straße gerannt sei und dort einen Veitstanz aufgeführt und sich jetzt aber zum Glück in seiner Fahne verwickelt habe und in den Rinnstein geflogen sei und da könne der Sanker dann die Frau Reibeis auch gleich mitnehmen, die seit vorgestern einen Hitzschlag habe und die ganze Nacht in die Klolüftung hineinstöhne.

Da, endlich, tut es in der Ferne, bei Feldmoching, einen dumpfen Knall, und dann noch einen bei Milbertshofen und einen dritten ungefähr in der Schleißheimer Straße, und dann öffnen sich die Schleusen des Himmels und es klatschen die Wassermassen herunter, und Frau Hammler sitzt am Küchentisch und weint, aber man weiß nicht, ob es wegen ihrer Wäsche ist, die im Hof hängt, oder einfach so, und in das Rauschen und Wehen hinein sagt ihr Mann ein lautes »Ja!«, und dann steht er in der Küche und fragt, ob sie schon beim Einkaufen gewesen sei. Und sie sagt, ach, sie sei ja so froh, wenn das alles vorbei sei, und er fragt nicht nach, was sie meint.


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