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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

NACHBARN UND BASTARDE

er Fritzi hat der Mama eine Osterglocke mitgebracht, und jetzt gibt es Ärger: Nämlich hat ihn die Nachbarin beobachtet, wie er gerade im Begriff war, ihrem Garten wieder zu entschlüpfen, besagte Blüte samt Stengel und ein bißchen Kraut in der Hand, und dabei zu allem Überfluß auch noch den sorgfältig drapierten Knöterich in einen unansehnlichen Wirrwarr verwandelte. Die Mama war sauer, weil zwar die Blume schön, aber auf ungesetzlichem Weg erworben ist, zudem ist die Nachbarin sowieso eine Bißgurke und jetzt die in einem mühsamen Friedensprozeß über den Winter erarbeitete Harmonie wieder dahin, ausgerechnet im Frühling.

Jetzt wird sie sich wieder über jeden Dreck beim KVR und sonstwo beschweren, schimpft die Mama, und weil daran irgendwie der Fritzi schuld ist, ist jetzt auch der Fritzi sauer, und weil der in der Schule seit zwei Jahren Englisch und trotz fortgeschrittener Bildung immer noch ein bißchen Phantasie hat und sich dank samstagnachmittäglichem Wühlen in Papas Plattensammlung auch in der Rockmusikgeschichte schon ein bißchen auskennt, hat er seine Sauerkeit damit zum Ausdruck gebracht, daß er sich hinten auf seine Jacke »A.N.A.B.« draufgeschrieben hat, mit Tipp-Ex und Pinselchen und großer Leuchtkraft.

Jetzt ist die Mama entsetzt. »Damit gehst du mir nicht auf die Straße!« ruft sie, und daran ist nun wieder der Onkel Rainer schuld, der eigentlich gar kein Onkel, sondern, wie die Nachbarin dem Fritzi einst mit maliziösem Grinsen erklärte, ein »schlampiges Verhältnis«, nebenbei aber auch Rechtsanwalt ist und der Mama erzählt hat, daß vor kurzem ein Fußballfan aus Kaiserslautern 6.000 Mark Geldstrafe zahlen mußte, weil er »A.C.A.B.!« gebrüllt hat, was laut einem Hinweis der Münchner Polizei ebenso einen Straftatbestand darstellt wie das Tragen von Kleidung mit dem Aufdruck »A.C.A.B.« und im Grunde das gleiche sei wie »A.N.A.B.«, welchselbiges der Fritzi daher tunlichst unterlasse, wenn er nicht bis in die Oberstufe hinein seines Taschengeldes verlustig gehen wolle.

Dann fragt die Mama doch mal nach, was das eigentlich sei, dieses »A.N.A.B.« respektive »A.C. A.B.«; wenn das schon verboten werde, müsse man doch wissen, welche illegale Meinung sich darin zum Ausdruck bringe. Da ist der Onkel ratlos, aber der Fritzi trumpft auf, sie habe halt keine Ahnung, und »A.C.A.B.« sei ein Song der Hamburger Rockgruppe Slime aus dem Jahre 1980, dessen Titel ausgeschrieben »All Cops Are Bastards« laute. Diese Ansicht teile er grundsätzlich nicht, aber daß die Nachbarin nicht nur eine typische solche sei, sondern sich anhand ihres Verhaltens in der Osterglockenaffäre auch deutlich als Bastard erwiesen habe, sei wohl klar.

Da wird die Sache schwierig. Onkel Rainer, neben der beruflichen Juristerei aufgrund verschlungener Erbverhältnisse in Mittelfranken auch als Nebenerwerbs-Genealoge tätig, erläutert, ein »Bastard« sei rein wissenschaftlich ein »durch Kreuzung entstandenes Individuum, dessen Eltern verschiedenes Erbgut besitzen«, womit aber nun nicht Burgen, Schlösser und Familienschmuck, sondern die neuerdings so populären Gene gemeint seien. Wenn man davon ausgehe, daß nur sehr wenige Nachkommen aus inzestuösen Verhältnissen bei den bayerischen Ordnungskräften tätig seien, dann treffe diese Bezeichnung zweifellos auf praktisch jeden Polizeibeamten zu. Bei Nachbarn sei das manchmal schwieriger, im Grunde gehe es aber um eine Nebenbedeutung des Wortes, nämlich »uneheliches Kind«, und das schränke den betroffenen Personenkreis nun doch etwas ein, der jedoch, wie der Onkel sehr vorsichtig hinzufügt, in jedem Fall den Fritzi umfasse, schließlich sei dessen Mama nie mit dessen Papa verheiratet gewesen. Da ist es erst mal still.

»Na gut«, sagt der Fritzi schließlich, »dann werde ich eben ein Cop.«


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