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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

EISERN AM BACH

eit einer guten Woche packt Herr Hammler jeden Vormittag eine kleine Tasche und verläßt ohne weitere Erklärungen die eheliche Wohnung. Frau Hammler ist mäßig besorgt; schließlich kann ein Mann von sechzig Jahren auf sich selber aufpassen, was sie sowieso oft genug anzuzweifeln gezwungen ist, und so ist ihr die seltsame neue Gewohnheit eigentlich ganz recht. Bloß seltsam ist sie eben auch.

»Wo kommst du denn jetzt her?« fragt sie ihren heimkehrenden Gemahl daher am Freitagabend. Das seien ja ganz neue Töne, sagt er, basses Erstaunen nur teilweise simulierend, stellt seine kleine Tasche recht unwirsch ab, erklärt dann aber ohne weiteres Nachfragen: »vom Schwimmen.« Schließlich müsse ein Mann in seinen Jahren langsam auch einmal etwas für seine Gesundheit tun und für ein bißchen Bewegung sorgen, »zum Ausgleich«, und deshalb sei er den Eisbach hinauf- und hinabgeschwommen, und zwar »den ganzen« und zwar mehrmals.

Da wird Frau Hammler, die sich fast schon beruhigt hat, doch wieder stutzig. Das sei ja alles gut und schön, sagt sie, aber am Eisbach sei sie seinerzeit auch gewesen. Hinaufschwimmen könne den höchstens ein Fisch oder unter Umständen ein Olympiasieger, das Hinabschwimmen sei hingegen mehr ein Treiben und so gesund auch wieder nicht, wegen Glasscherben und Polybakterien. Und als sie bei einer sofortigen Investigation in der kleinen Tasche ihres Mannes zwar eine Badehose, aber eine trockene, und kein Handtuch, dafür aber eine Zeitung und ein Fernglas findet, ist sie vollends aus dem Häuschen. Ob er vielleicht am Ende da hingehe, um nackte Frauen anzuschauen, schreit sie, das sei ja der Gipfel.

Aber nie im Leben, sagt ihr Mann, er habe bloß in der Früh noch nicht gewußt, ob er nicht doch lieber in die Berge fahre, Frauen seien ihm von Haus aus wurst, und außerdem gebe es da rein gar nichts zu sehen, wie sie der beiliegenden Zeitung entnehmen könne: »Zuwenig Nackte im Englischen Garten!« steht da tatsächlich in dicken Lettern. Dies, so der weitere Wortlaut, habe jemand vom Fremdenverkehr vermeldet. Und wieso, wenn er zum Schwimmen fahre, seine Hose hernach trocken sei? Weil jeder wisse, daß sich Kolibakterien, wie die Dinger im übrigen richtig hießen, am liebsten in Kunstfasertextilien sammeln und tummeln, und wenn man dann in dem nassen Gelumpe herumliege, fange man nicht nur an zu möpseln, sondern habe in Nullkommanichts einen Durchfall.

Frau Hammler kriegt einen Moment lang zuwenig Luft zum Antworten, dann fallen ihre weiteren Äußerungen so überstürzt aus, daß nicht einmal ihr solches gewohnter Mann mehr etwas mitbekommt. Verstehen tut er aber, was sie meint, weil das Fernglas in hohem Bogen vom Balkon fliegt und nicht mehr zu retten ist.

Als am nächsten Abend beim Stammtisch im Augustinergarten einer zu Herrn Hammler sagt, ob er schon gehört habe, daß es im Englischen Garten nicht mehr genug Nackte gebe, ist er über die Reaktion des Freundes sehr überrascht. Er könne ihm »den Schuh aufblasen«, repliziert nämlich dieser, und er solle sich den Haufen von Rippenkadavern, Hamburgergebirgen und Colaverklappungstankern, den die heutigen jungen Leute darstellten, ruhig einmal anschauen, dann werde er schon sehen, warum die nur noch im Dunkeln nackt herumlaufen, wenn überhaupt, und sowieso interessiere das bloß ein paar Japaner, die sollten erst einmal Fußballspielen lernen und ihm seine Ruhe lassen und er wolle jetzt einen Schnaps.

Frau Hammler hingegen kann sich in den folgenden Tagen angesichts der schwindenden Sonnenbräune ihres Mannes ein mildes Lächeln nicht verkneifen.


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