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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

MORD IM REGAL

amstagmittag in der Buchhandlung Hilwek & Schide. Am Verkaufstresen ein älterer Herr mit Regenschirm, der Distanz wahrt, als spräche er mit jemand Körperlosem, der zwischen der Buchhändlerin und ihm in der Luft steht.

»Diesen neuen Walser, sagen Sie, führen Sie den?«

»Den haben wir da. Möchten Sie ihn?«

»Nein. Mögen konnte man diesen Herrn ja noch nie, und möchten tue ich ihn ganz bestimmt nicht. Erlauben Sie: ein Buch, in dem ein Jude getötet wird ...«

»Aber ...«

»... und ob das jetzt dieser Reich-Ranicki ist oder nicht, spielt gar keine Rolle, meine Dame. Wenn Juden getötet werden, das hat doch mit Literatur nichts mehr zu tun.«

»Aber getötet wird er ja glaube ich gar nicht. Wissen Sie, ich bin zwar noch nicht dazu gekommen, das Buch auszulesen, aber ich glaube, der Mord wird da nur vorgetäuscht.«

»Das spielt doch überhaupt keine Rolle, meine Dame! Wehret den Anfängen, sage ich nur.«

Er hebt den Schirm und fuchtelt harmlos damit herum. Ein junger Mann in Jeans kommt herein. »Die Jugend findet bei so etwas natürlich nichts. Und dann brennen die Synagogen!«

»Bitte?«

»Ich meine jetzt nicht Sie direkt, junger Mann. Ich nehme auch zu Ihren Gunsten an, daß Sie nicht hier sind, um antisemitische Literatur zu erwerben.«

»Antisemitisch? Wieso, gibt es neue Hitler-Tagebücher?« Die Verkäuferin weiß nicht recht, ob sie lachen darf. Einen Moment herrscht Stille; der ältere Herr betrachtet seinen Regenschirm.

»Ich suche ein Buch von Frodo Kirchturm. Weiß nicht ... das, wo dieser Serienkiller den Reich-Ranicki umnietet.«

»Sie meinen den ‚Schundroman'? von Bodo Kirchhoff?« Der junge Mann nickt, der ältere Herr schüttelt den Kopf. »Nicht zu glauben. So etwas gibt es jetzt also auch. Das scheint sich ja zu verbreiten.«

»Na ja, wissen Sie, Herr Hartnagel, es heißt ja auch ›Schundroman‹, mit so einem Augenzwinkern. Da geht es ziemlich wüst zu, ist sehr spannend, aber natürlich steckt da eine tiefere Ironie drin.«

»Gell, das knallt? Hat man mir nämlich empfohlen.«

»Ironie. Aha. Und da wird dann dieser Reich-Ranicki wirklich umgebracht.«

»Ja, aber mehr aus Versehen, wissen Sie. Vielleicht wollen Sie mal reinlesen?«

»Um Gottes willen! Bücher, in denen Juden aus Versehen getötet werden, rühre ich noch weniger an als solche, in denen behauptet wird, die Juden seien gar nicht umgebracht worden!«

»Jetzt haben Sie mich aber ein bißchen mißverstanden, Herr ...«

»Ich verstehe sehr gut! Es ist ein Skandal!«

»Da haben Sie natürlich recht. Ohne den Skandal würde wahrscheinlich kaum jemand den Kirchhoff lesen, und den Walser natürlich sowieso nicht. Aber so ein Skandal kann doch manchmal auch ganz lustig sein, finden Sie nicht?«

»Lustig! Na hören Sie!«

Der junge Mann sieht den älteren Herrn nachdenklich an. »Was haben Sie eigentlich für ein Problem, wenn ich fragen darf? Schauen Sie, ich habe letztens ein Buch von Mickey Spillane gelesen, da werden überhaupt alle umgebracht - Nutten, Mörder, Bullen, Schieber, Schmuggler, Zuhälter, Drogendealer ...«

»Da sehen Sie, wo das hinführt! Schon heißt es wieder, die Juden ...«

»Sind Sie selber Jude, wenn ich fragen darf?«

»Aha! Braucht man jetzt also wieder einen Ariernachweis!«

»Lieber Herr Hartnagel! Möchten Sie vielleicht hier mal einen Blick reinwerfen? Oder hier? Das ist etwas sehr Schönes.«

»›Unter keinem Wipfel ist Ruh‹? ›Absterbende Gemütlichkeit‹? Nein nein, verschonen Sie mich! Ich lasse mich nicht geistig entmündigen! Geben Sie ihn schon her, diesen Walser, und das andere da gleich dazu, diesen Spillane.«

»Sie meinen Kirchhoff?«

»Ach, egal! Geben Sie mir meinetwegen alles, was Sie an antisemitischer Mordliteratur vorrätig haben! Das werden wir schon noch sehen! Diese Debatte hat gerade erst begonnen!«

Der junge Mann sieht entgeistert zu, wie der alte Mann Geld auf den Tresen wirft, seine Tüte packt, aus dem Laden stürmt und draußen mit dem Regenschirm auf einen völlig überraschten Passanten einprügelt.

»Da müssen Sie sich nichts denken. Herr Hartnagel hat vor Jahren selbst ein Buch über Ranicki geschrieben, aber leider keinen Verlag gefunden.«

»So, hm.«

»Möchten Sie in den Kirchhoff mal reinlesen?«

»Ich weiß nicht recht ... Tom-und-Jerry-Comics haben Sie wohl nicht da?«


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