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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

LIEBER LESEN

m Samstagnachmittag hat das Telephon geklingelt, dran war die Vanessa. Ob er nicht mal wieder Lust auf eine lange Nacht habe, hat sie den Sebastian gefragt, und obwohl der die Vanessa eigentlich ziemlich erstrebenswert findet oder wenigstens zeitweise fand, hat er sofort und unwiderruflich abgesagt. Es ging nämlich, dies war ihm ohne Nachfragen klar, nicht um eine lange Nacht geistig-körperlicher Gemeinsamkeit, sondern bloß um einen Eventrummel, und von dieser Art langer Nächte hat der Sebastian genug, seit er von der Vanessa auf die letzte "Lange Nacht der Musik" eingeladen worden ist.

Das hat damals pro Person fünfzehn Euro gekostet. Diese fast dreißig Mark mußte man, so lautete die in der Vorberichterstattung zitierte Maxime, "abarbeiten", und ganz so leicht ist das nicht, denn die Stadt ist groß, und die wirklich guten Konzerte, für die man auch an anderen Tagen Geld hinblättern würde, die gab es entweder nicht, oder sie kosteten auch an diesem Abend separat Eintritt.

So begnügte man sich mit "Hellfire", Joan Orleans und ähnlichen Sachen, die man nicht kannte und an anderen Tagen auch nicht kennenlernen wollen, aber jetzt eben mal gesehen haben würde. Gesehen hat man sie indes nicht wirklich, weil man zwar bei der ganzen Sache im Sinne des Eventgedankens "voll dabei" war und auch das Programm so ausgiebig durchgelesen und wieder durchgelesen hat wie sonst nicht einmal die Fernsehzeitung; dies aber halt nur, weil sonst kaum etwas zu tun war. Dort, wo der Sebastian eventuell vielleicht hineingewollt hätte, kam er nicht hinein, weil sich die Leute auf der Straße stapelten (obwohl dieselben Interpreten in denselben Kneipen an anderen Tagen für viel weniger Eintrittsgeld vor halbleeren Tischen aufspielen). Dort, wo er nicht hineinwollte, kam er meistenteils auch nicht hinein (weil die Auftritte schon vorbei waren, erst viel später anfingen oder ganz ausfielen oder die Interpreten so uninteressant waren, daß sie an anderen Tagen in denselben Kneipen in beiderlei Weise umsonst auftreten). Aber immerhin spielte in der Trambahn jemand Klavier, was die Schwester zu Hause auch jeden Nachmittag tut, was aber in einer Trambahn schon noch mal etwas anderes ist, ein Event nämlich. Leider ist der Sebastian in die Trambahn auch nicht hineingekommen, aber ein Kommilitone hat ihm am nächsten Tag erzählt, das sei ganz nett gewesen.

So hat er einen großen Teil des Abends damit verbracht, an einer Bushaltestelle zu stehen, auf den Bus zu warten (dessen Fahrer beim Aussteigen nicht wie die U-Bahn-Kollegen "Zeckpleim bäh!" grummelte, sondern ein höchst lokalkoloritisches "Arrifedätschi!" ausstieß), im Programmheft zu blättern und sich bemüht und vage zu freuen, daß in München "mal was los" ist und daß er "live dabei" war, nun gut: nicht wirklich eben, aber ein bißchen; und geregnet hat es auch nicht. Ein echter Bringer war die Sache kaum, und daß die Vanessa schon bei der zweiten Station der vergeblichen Hineinkommensbemühungen einen Mords-Nervenzusammenbruch hinlegte, ihren Regenschirm in einen Papierkorb warf, München ein "Nest" und ihn eine "Null" nannte und davonrannte, um ihm zwei Tage später zu erzählen, wie sehr sie sich auf die "Lange Nacht der Museen" freue, weil man da in der Eingangshalle eine Currywurst verzehren könne und das "voll gut" sei, auch wegen der Kultur und so, weswegen sie aber lieber nicht mit ihm hingehe, sondern mit dem Rolf, der Werbegraphiker ist - daß dies alles so verlaufen ist, hat die Vanessa für den Sebastian ein bißchen weniger erstrebenswert gemacht.

Und deshalb hat der Sebastian abgesagt, und am Sonntag bleibt der Anrufbeantworter an. Und er liest ein Buch: "Die Gesellschaft des Spektakels" von Guy Debord.


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