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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

DER SONNE ENTGEGEN

is Rosenheim geht alles gut, dann muß der Fritzi kotzen. Während sein gedämpftes Röhren aus der Tüte über die Rückenlehne nach vorne dringt, betreibt Onkel Rainer Ursachenforschung. Es habe nicht sein müssen, daß der Bub schon in Holzkirchen zwei Portionen Pommes in sich hineinschlinge, wo doch jeder wisse, daß das Zeug aus Abfall gemacht und in Motoröl gesotten werde. Aber gezahlt habe schließlich er, sagt die Mama, was die Diskussion vorläufig abschließt; Fritzi kann ohnehin nicht teilnehmen, weil sich die intestinalen Konvulsionen als längerfristig erweisen.

Ob man nicht rechts ranfahren könne, fragt die Mama. Ob sie wahnsinnig sei, gibt Onkel Rainer zurück; das sei strengstens verboten, außer im absoluten Notfall. Einen solchen stelle ein verdorbener Magen nicht dar. Ihm sei ein Fall bekannt, bei dem ein Araber im Stau die Haltespur zum Überholen benutzt habe, weil er es mit seiner Religion nicht vereinbaren konnte, nach deutscher Sitte hinter einen Busch zu koten. Der sei verurteilt worden, denn die Religion spiele auf einer Autobahn keine Rolle. Im übrigen sei man spät dran, beim Morgengrauen müsse Florenz erreicht sein.

Am Brenner beginnt es zu schneien, und der Nebel verkürzt den Blick auf etwa einen Meter, was Geschwindigkeiten über hundertfünfzig riskant macht. Onkel Rainer würgt sich durch Serpentinen und flucht über die Klimakatastrophe, während die Mutter schwört, das nächste Mal fahre sie mit dem Zug, was sie seit Jahren in dieser Gegend behauptet, ohne einen Wechsel des Verkehrsmittels vor Antritt der Reise je ernsthaft ins Auge gefaßt zu haben, da ihr vor der hermetischen Käsekammer eines Sechser-Liegeabteils noch mehr graust als vor allem anderen.

Man passiert einen Unfall, dessen Opfer bereits beseitigt sind; Onkel Rainer beschwert sich über den Schrott, der den Verkehrsfluß hindert. Dann beginnt die Sonne zu blenden, man macht einen Abstecher nach Bressanone, Onkel Rainer rennt eine Stunde lang durch winkelige Gassen und brüllt, in einer X-tausend-Seelen-Gemeinde müsse es doch wohl eine Sonnenbrillenabteilung geben, und es sei ihm absolut wurst, wenn nun einer italienischen Familie das Kind verhungere, weil der Vater partout zur Feier der Befreiung von einem inzwischen sowieso wieder an die Macht gewählten Faschismus seinen Laden zusperren müsse.

Kurz vor Bologna bekommt der weitestgehend entleerte Fritzi großen Hunger und beginnt zu quengeln. Onkel Rainer stellt fest, er sei doch nicht verrückt und gebe Geld für irgendwelche Würste aus, die der Bub dann sowieso nicht bei sich behalten könne. Wenn man sich ein bißchen zusammenreiße, werde man in Florenz frühstücken können.

Im Zuge dieser Darlegungen übersieht er ein Autobahnkreuz, was erst in Imola auffällt, als es längst zu spät ist. Es stellt sich heraus, daß die Straßenkarte auf dem Küchentisch liegengeblieben ist; in schwärendem Schweigen nähert man sich Rimini, das als Reiseziel nie in Frage gekommen wäre, nun aber als Notlösung annehmbar erscheint, denn inzwischen erschauert das Auto unter dreistimmigem Magenknurren, und als Onkel Rainer zum fünften Mal über dem Steuer einnickt, erklärt er die Einnahme eines Kaffees für dringend.

Nach Rimini allerdings kommt man nicht hinein; mehrere Umrundungen später graut der Morgen und beleuchtet endlich mehrere Fast-Food-Bars, die jedoch alle den Beinamen »Chiuso« tragen. An einer Kioskbude fordert Onkel Rainer »uno Espresso«, woraufhin man ihm umständlich den Weg zum Bahnhof und diverse Einzelheiten des sonntäglichen Fahrplans unter Berücksichtigung des derzeitigen Streiks erläutert, bis ein ehemaliger Gastarbeiter zur allgemeinen Erleichterung ausruft, der Tedesco wolle bloß einen Caffé. Von dem wird ihm so schlecht wie dem Fritzi, der derweil mehrere Wurstel verzehrt und eine grünlichgraue Gesichtsfarbe angenommen hat. Man endet in der Besenkammer einer Pensione, die bereits von einer Kakerlakenfamilie bewohnt wird, und verzichtet auf die Weiterfahrt, da eine Woche schnell vorbei ist und am nächsten Morgen alle Reisenden hohes Fieber und einen grauenvollen Schnupfen aufweisen, was auf den Schnee am Brenner, die leichte Bekleidung, das offene Fenster oder sonst etwas zurückzuführen, nun aber sowieso nicht mehr zu beheben ist.

Es ist, langer Rede kurzer Sinn, alles so wie jedes Jahr, und am ersten Schultag wird der Fritzi stolz seine rostige Bräune vorzeigen und erklären, das nächste Mal fahre man aber ganz woanders hin.


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