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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

DREISSIG TOTE FERNSEHER

on seinem besorgten Steuerberater zu einem dringenden Arbeitsessen geladen, vergeht dem Kunstmaler Elias R. Sebastian von der wenigen guten Laune, die ihm nach dem Anblick der momentan modischen sogenannten "Tapas" (schleimige Hühnerbeine und diverses, was an getrennt gehäufelte Kantinenreste erinnert) noch verblieben ist, auch der Rest, als er zum dritten Mal das Wort "Medien" hört. Er wolle von diesem Humbug nichts wissen, sagt er, ein gemaltes Bild sei etwas Manifestes, wohingegen Medien bekanntermaßen astralen Unfug aus dem Äther griffen und daher auf den Jahrmarkt gehörten, höchstens.

Da sei er "schief gewickelt", behauptet der Steuerberater, die Kunst müsse im Zeitalter der digital globalisierten Kommunikation "dranbleiben" und er müsse sowieso endlich die Verweigerungshaltung aufgeben und raus aus seinem Herrgottswinkel - aber das Wort ist kaum ausgesprochen, da platzt dem Kunstmaler schon der Kragen. Er sei sein Leben lang Revolutionär gewesen, antiklerikal sowieso, und wenn er sich nun von einem dahergelaufenen Modebürscherl erzählen lassen müsse, er sei rückständig, dann könne man die alten Diskussionen über Schmutz, Schund, Ratten, Schmeißfliegen und jüdische Gossenkultur gerne noch einmal aufwärmen, falls der Herr Steuerberater dazu mit ein paar verkochten Hühnerbeinen und Peperonischoten in Nase und Ohren noch in der Lage sei.

Ein paar Minuten lang herrscht Stille. Ein Kellner räumt die "Tapas" ab, trägt sie in die Küche und wenige Minuten später wieder heraus, um sie am Nebentisch zu servieren, wo ein buntscheckig bekleideter Gockel mit einer Frau um die siebzig Platz genommen hat, die aussieht wie eine mit Seidenmalereien behängte Erdschnake, die aussehen möchte wie ein Mann um die fünfzig, der aussehen möchte wie seine fünfundzwanzigjährige Tochter.

Da dem Steuerberater dieser Gedankengang zu kompliziert wird, unternimmt er einen Versuch, die Stimmung aufzulockern, und sagt dem Kunstmaler, er könne sich ja auch mal in "Food Art" versuchen, so etwas sei offenbar recyclingfähig. Herr Sebastian sieht ihn an wie ein gestandener Bierkutscher, dem man gerade erklärt hat, er sei eine Tunte.

Und schweigt. "Nein, im Ernst, Herr Sebastian. Sie müssen einsehen, daß das so nicht weitergeht. Zwischen 1955 und 1980 haben Sie alles gekriegt, was es an Stipendien, Preisen usw. gibt, aber in den letzten fünf Jahren nur drei Bilder verkauft. Diese ganzen Auszeichnungen gibt es nur einmal, neue kommen nicht dazu, und wenn ich das, was unser Oberbürgermeister zur Zeit so sagt, richtig deute, dann gibt es in Kürze überhaupt gar nichts mehr. Außer eben, Sie machen, bitte nicht aufregen, Medienkunst. Dafür ist noch Geld da, und das wollen auch die Konzerne, die das ganze Geld eingeschoben haben. Das fördern die, das kommt an, hat Pepp und ist am Zahn der Zeit, äh Draht ... ich meine ... Sie wissen schon, Innovation."

Elias R. Sebastian ist ein bißchen nachdenklich geworden. Was das denn nun eigentlich sei, diese Medienkunst, fragt er nach ausgiebiger Benützung eines Zahnstochers (obwohl er gar nichts verzehrt hat, außer einem Stück Tortila-Chip). Das dürfe er nicht so akademisch sehen, sagt sein Steuerberater. Im Grunde könne das alles sein, was irgendwie digital und elektronisch "daherkomme", also Internet "und all das", Licht, interaktive Leuchtröhren, Video, neue Medien, also im Grunde sei meistens ein Fernseher dabei, oder viele, das mache eben "was her". Vom Internet habe er schon gehört, sagt Sebastian, das gehe doch, wenn ihn nicht alles täusche, am Computer. Mit "Mausklick" und so, murmelt er, nun doch ein wenig beschämt ob seiner geringen Zukunfts- oder vielmehr Gegenwartsfähigkeit.

"Ja, ja!" spornt ihn der Steuerberater an. Da müsse er "einhaken und nachstechen und schürfen und Fragen aufwerfen und in Frage stellen und Grenzen überschreiten, Gräben einreißen, Brücken bauen, Konzepte erstellen, dem Zeitgeist den Zahn ... also oder ... Dings, Sie wissen schon, Innovation." Er habe einen Bekannten "an der Hand", den werde er mal "anspitzen", der sei ihm sowieso noch was schuldig. Sebastian nickt ergeben und sieht sehr geringfügig aus.

Als zwei Wochen später dem Kunstmaler von einem ihm völlig Unbekannten mit einem Lastwagen dreißig funktionstaugliche Fernsehgeräte in sein bescheidenes Hinterhof-Atelier geliefert werden und kurz darauf der Steuerberater anruft und mitteilt, er habe bereits einen "Antrag" gestellt und Sebastian solle sich "mal was einfallen lassen", da befällt den Kunstmaler eine stille Verzweiflung. Nächtelang brütet er, derweil seine Ölstudien von der Panzerwiese unbeachtet trocknen (und damit in unfertigem Zustand einen Zustand konservieren, den es sowieso nicht mehr gibt). Endlich platzt ihm, wie er es in solchen Momenten gerne tut, wieder einmal der Kragen; er öffnet Hof- und Haustür und schmeißt das ganze elektronische Klump auf die Belgradstraße hinaus, schüttet ein paar Kübel Lackfarbe und halbvertrockneten Firniß darüber, zündet den Schrotthaufen an und zieht sich endlich in sein Atelier zurück, wo er eine ganze Flasche vom selbstangesetzten Hollerlikör auf einmal austrinkt und sich einer gewissen, auch künstlerischen, Befriedigung nicht erwehren kann.

Am nächsten Morgen ruft sein Steuerberater an. "Eine Sensation!" brüllt er in Sebastians katerverhärtetes Ohr. Er habe die Bewilligung zur Verkabelung schon in der Tasche, einen Folgeauftrag von der Stadt München in Sachen "Kunst am Bau Neue Messe" auch, die Hypo-Bank sei sehr an einer Investition interessiert, und wegen der Dokumenta habe er schon mal vorgefühlt. Ob er zudem einen U-Bahnhof gestalten wolle.

"Medien", murmelt Sebastian und betrachtet müde ein altes Aquarell, das das Oberwiesenfeld ohne Fernsehturm zeigt: Trümmer, Schutt und Sand.


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