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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

LADENSCHLUSS

ngefangen hat alles mit Frau Schusters Lebensmittelgeschäft. Das war nach einunddreißig Jahren zuverlässiger Geöffnetheit und einem wochenlangen Abschiedsmarathon, bei dem man kaum mehr zum Einkaufen kam, weil man das meiste sowieso geschenkt bekam (»Ich kann's ja nicht alles mitnehmen und selber essen!«), eines Morgens tatsächlich und für alle Zeiten geschlossen geblieben. Schuld war ein neueröffneter Supermarkt vier Straßen weiter, in den zwar eigentlich niemand hineingehen wollte außer den Schulkindern (weil die dort Cola und Süßigkeiten kaufen konnten, ohne daß es die Mama erfuhr), in den dann aber letztlich doch jeder ging, weil der Supermarkt das Haus, in dem Frau Schusters Laden war, gekauft und dessen Mietvertrag kurzerhand gekündigt hatte und weil es dort zwar nicht billiger war, aber zumindest so aussah, und der Mensch ist halt ein Empfindungswesen.

Eine Zeitlang blieb der Laden leer bis auf einen Zettel mit der Aufschrift »Ankleben verboten!«, unter dem bald - der Schulweg führte vorbei - eine Reihe Kaugummis anklebte. Dann machte Metzgermeister Wirth ebenfalls zu, weil er und seine Frau in Rente gingen und der Supermarkt eine Fleischtheke eröffnete. Als nächstes erwischte es den Bäcker (der Trend ging zum verpackten Vollkornbrot), dann die Drogerie, weil es auf einmal überall Filialen einer neuen Kette gab, die nun wirklich nicht nur billig aussah. Übrig blieb - vorläufig - der Gemüseladen.

Man wisse langsam überhaupt nicht mehr, wo man einkaufen solle, sagte Frau Hammler zu ihrem Mann, der, da er Zeitung las, nur kurz murrte, sie solle eben in den Supermarkt gehen. Da, entgegnete seine Frau, gebe es aber keinen König-Ludwig-Feigenkaffee und Semmeln nur in der Plastiktüte zu zwölf Stück, und die Weißwürste seien auch nichts, habe er selbst gesagt. Herr Hammler zuckte mit den Schultern.

Nach einiger Zeit eröffnete ein neuer Bäcker - und nicht nur einer, sondern gleich drei, die allerdings derselben großen Kette angehörten und daher exakt dasselbe Sortiment anboten. Ein Versuch schlug fehl: Die aus tiefgekühlten »Teiglingen« frisch aufgebackenen Brezen, die im Laden noch rösch und duftend hergelacht hatten, fand Frau Hammler bei der Heimkehr in eine Art Dauerbrezen mit Gummischleimüberzug verwandelt. Daran konnte man sich gewöhnen, doch eine der drei Filialen war wenige Monate später schon wieder verschwunden und durch einen Telephonladen ersetzt worden. Telephone brauchte niemand, deshalb fiel kaum auf, daß in der Folgezeit ein Bekleidungsgeschäft, eine Trauerhilfe-Agentur, die Wäscherei, der Schuhmacher, eine kleine Bankfiliale und der ehemalige Metzger ebenfalls in Telephonläden umgewandelt wurden, während die ehemalige Drogerie, ein Blumengeschäft, die Buchhandlung, das Bettengeschäft, Frau Schusters Laden und der nun doch auch ehemalig gewordene Gemüseladen zu Pizzabäckereien wurden.

Es sei direkt schade, daß er kein Telephon oder eine Pizza brauche, sagte Frau Hammler eines Tages zu ihrem Mann, während sie die karge Ausbeute ihrer Einkaufsbemühungen auspackte. Ein Telephon brauche man schon, sagte ihr Mann, denn damit könne man immerhin eine Pizza bestellen. Diese Telephone seien aber zum Zuhausetelephonieren gar nicht geeignet, sagte Frau Hammler, sondern damit telephoniere man beim Autofahren, und beim Autofahren brauche niemand eine Pizza.

Es kam, wie es kommen mußte: Die Pizzabäckereien wechselten Namen und Besitzer, wurden langsam wieder weniger; die Telephonläden verschwanden schneller, als sie gekommen waren, und statt bunter Auslagen war nun in den ehemaligen Schaufenstern gar nichts mehr zu sehen außer vertikalen Jalousien. Das seien jetzt alles Büros, wußte Herr Hammler, das habe man heute so. Und Frau Hammler überlegte, ob es nun wohl in den ehemaligen Büros, die in ehemaligen Wohnungen gewesen waren, Brot, Gemüse, Wurst, Telephone und Pizzas zu kaufen gebe; aber das fragte sie lieber nicht.


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