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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

VERGLEICHSWEISE

urch politische Äußerungen ist die alte Frau Reibeis bislang nicht aufgefallen, wohingegen sie sich in der Wortwahl schon manches Mal vergriffen hat, aber diesmal wird keiner so recht schlau aus der Geschichte.

Die hat so begonnen: Frau Reibeis ist, ihrem Alter entsprechend, nicht mehr besonders gut zu Fuß, und deshalb war ihr das Auto, das direkt vor dem Haus auf dem Gehsteig parkte und sie zwang, sich entweder für die Durchquerung des schlammigen Massivs von Hundekotbergen alias Grünstreifen oder das mögliche Aufreißen ihrer Bekleidung beim Vorbeipressen am Rauhputz der Hauswand zu entscheiden, nicht nur ein Ärger-, sondern ein ernstzunehmendes Hindernis. Sie entschied sich für den ersten Weg, da sich Schuhsohlen notfalls desinfizieren lassen, erschauerte unter dem lauten Wummern, das aus dem offensichtlich bewohnten Fahrzeug drang, und fiel nach kurzem Taumeln der Länge nach in den Dreck, als sich die Fahrertür sehr plötzlich öffnete. Aus dem Auto stieg ein Mann mit Aktenkoffer, der die hilflos am Boden zappelnde und sich dabei noch erheblicher verschmutzende, aber offenbar nicht wesentlich verletzte Frau kurz betrachtete, sich dann die freie Hand am Jacket abwischte, nach links und rechts sah und die Tür schloß. »Sind Sie okay!« sagte er forsch.

Frau Reibeis hatte sich unter größten Mühen in eine annähernd sitzende Haltung aufgerappelt, ihre Stimme war jedoch aufgrund des Schocks vorläufig nicht einsatzfähig, weshalb ihre diesbezüglichen Bemühungen zunächst denen eines Fisches glichen, den es unversehens auf eine Sandbank gespült hat. Als sie dann etwas äußern konnte, war es im wesentlichen nicht druckreif, doch ist Frau Hammler, die zur gleichen Zeit auf dem Balkon stand und recht ausdauernd Wasser in Blumentöpfe tröpfeln ließ, unter anderem die Feststellung aufgefallen, »das« sei ja »wie beim Adolf«.

Was da schon wieder los sei, fragt ihr Mann aus dem Wohnzimmer hinter seiner Zeitung hervor, und Frau Hammler berichtet: »Die alte Frau Reibeis hat gerade so einen Rüpel mit dem Hitler verglichen.« Das sei ja jetzt mal wieder groß in Mode, brummelt ihr Mann und fügt hinzu, ein Blödsinn sei es trotzdem, denn erstens könne sich die alte Schachtel sowieso nicht mehr an das tausendjährige Reich erinnern, und wenn sie es doch könne, dann falle ihr vielleicht auch wieder ein, was ihr eigener Gemahl zu jener Zeit getrieben habe.

Frau Reibeis, die inzwischen, wenn auch leicht derangiert, wieder steht, muß sich von dem jungen Mann sagen lassen, er müsse sich so etwas nicht sagen lassen, denn er sei Demokrat und als solcher Mitglied einer entsprechenden Partei, und als sie in keifendem Ton erwidert, sie könne, wenn er wolle, auch einen Schutzmann alarmieren, brüllt der Mann, wegen eines kleinen Mißgeschicks müsse man sich nicht aufführen wie ein Nazi-Blockwart.

Jetzt werde es kompliziert, meldet Frau Hammler. »Jetzt hat der junge Kerl die alte Frau Reibeis mit dem Hitler verglichen.« Herr Hammler stöhnt und schweigt. Dann wird es noch komplizierter: Der Zivildienstleistende, der Frau Reibeis mit Essen auf Rädern versorgt, kommt hinzu, des weiteren ein junges Ehepaar sowie eine alterslose, grellbunt verpackte Rollschuhfahrerin, die, da sie das Auto zu spät sieht, in dieses hineinrast, dabei einige Zähne und das Bewußtsein verliert und für eine leichte Verschiebung der Diskussionsgrundlage sorgt.

Frau Hammler wendet sich ab, schließt die Balkontür und zieht die Gardine vor. Was denn weiter passiert sei, wenn überhaupt, fragt ihr Mann beiläufig (um seine aufkeimende Neugier zu verbergen). »Ach, was weiß ich«, sagt Frau Hammler, »ein Riesendurcheinander. Wie in der Räterevolution.«


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