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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

JÄGER UND SAMMLER

m Freitagabend stellt Herr Hammler den Wecker auf halb sechs und verkündet seiner darob entsetzten Gattin, am nächsten Morgen gehe er »in die Schwammerl«. Ob das wirklich sein müsse, fragt sie, noch entsetzter, ob er sich unbedingt umbringen wolle. Er nehme nur mit, was er kenne, sagt Herr Hammler kategorisch, und er kenne jeden Pilz. Zum Beispiel den Grünling, entgegnet seine Frau, den er jedesmal pfundweise anschleppe und von dem jetzt ein japanischer Professor herausgefunden habe, daß er in Wirklichkeit giftig sei.

Einen solchen Schmarren könne auch nur ein Japaner daherschwätzen, grummelt Herr Hammler. Ein Pilz, den er jahrelang beschwerdenfrei verzehrt habe, könne gar nicht giftig sein. Im übrigen müsse sie vom Vergiften ganz still sein, dazu habe ihre Familie seit jeher einen Hang; sie solle nur an ihre Großtante Anni denken, die dazumal ein Pfund Salz in den Strudel getan und ihn dann auch noch allein aufessen habe wollen. Wenn man sie nicht handgreiflich gehindert hätte, wäre sie an einer NaCl-Überdosis verschieden, die qualvoller sei als der schönste Knollenblätterpilz.

Blödsinn, sagt seine Frau, es sei Tradition, daß die Köchin aufißt, was sie vermasselt, außerdem sei Salz ein Gewürz, ein Pilz hingegen im Notfall eine Krankheit, und wenn seine Familie in den Wald gehe, komme selten etwas Gutes heraus; er solle nur an seinen Onkel Xaver denken, der damals von einem Jäger erschossen wurde, weil der ihn aufgrund seiner Haartracht für einen Hirschen gehalten hat, der er im übrigen auch gewesen sei, genauso wie er selber, und er solle bloß nicht glauben, daß sie ihm das Zeug auch noch zubereite und womöglich Knödel dazu mache. Herr Reithofer zum Beispiel habe ihr neulich erzählt, er esse überhaupt keine Pilze, weil die seit Jahren nicht nur giftig, sondern auch noch radioaktiv seien.

Herr Hammler braust nun ziemlich auf: Der depperte Onkel sei durchaus nicht mit ihm verwandt, sondern ein angeheirateter Gerstein aus Nederling gewesen, der Jäger so betrunken, daß er seinen Irrtum erst bemerkt habe, nachdem er den depperten Onkel ordnungsgemäß, wenn auch etwas schlampig, aufgebrochen gehabt habe, und der Herr Reithofer könne ihm auf den Hut steigen, das sei ein Beamter, der außer Kantinenzeug nichts mehr vertrage, und Radioaktivität sei eine Propagandalüge der grünen Chaoten, und außerdem müsse er schon deshalb unbedingt in die Schwammerl, weil es den Wald hinter der Panzerwiese sowieso nicht mehr lange gebe. Wenn bei der nächsten Wahl die CSU hinkomme, werde dort sofort gebaut, und zwar womöglich am Ende ein Atomkraftwerk. Und auf ihr Gekoche und ihre Knödel verzichte er gerne, weil, wie jedermann aus Michel Rudolfs grundlegender Pilzfibel wisse, man Pilze sowieso besser trocknen solle, als sie zu Rahmpampe zusammenzudämpfen. Und jetzt sei eine Ruhe, sonst komme er morgen wieder nicht aus dem Bett.

Aus dem Bett kommt Herr Hammler am nächsten Morgen wohl, aber nicht aus dem Haus, denn auf der Treppe begegnet er Herrn Reithofer, der ein Fernglas um den Hals und ein zwar ledern verpacktes, aber deutlich identifizierbares Gewehr über den Schulter trägt, dazu auch noch »Im Wald, da sind die Jäger« pfeift, sich jedoch unterbricht, um Herrn Hammler zu fragen, ob er auch auf die »Pirsch« gehe, und, als er dessen Weidenkorb erblickt, ein leicht pikiertes Schweigen folgen läßt. Die Diskussion, die sich entspannt, wird recht laut und dauert bis weit in den Mittag hinein, woraufhin beide ihren Plan der eigentätigen Nahrungsbeschaffung auf »ein anderes Mal irgendwann« verschieben und sich lieber auf ein Versöhnungsbier ins Wirtshaus begeben, wo ihre neuentdeckte Seelenfreundschaft beim Anblick der Speisentafel (»Rehbraten mit frischen Pfifferlingen«) noch ein Stück weiter erblüht.


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