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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

AUSGESCHMIERT

ür einen Mann, der so unverbrüchlich mit seinem Fahrrad verwachsen ist wie Herr Reithofer, ist der Herbst stets eine schwere Zeit, aber so schlimm wie diesmal hat er noch nie ausgesehen. Das seien die blöden Kinder, die jeden amerikanischen Mist nachmachen müßten, erklärt er Herrn Hammler, der im Hauseingang steht, wischt sich orangebraunen Schleim von der Plastiktüte, die er bei Regen auf dem Rad über seiner Dienstleisteruniform trägt, und läßt beide Arme in einigen Abstand zum besudelten Restkörper herabhängen. Er habe es satt.

Ach so, entgegnet Herr Hammler, sendet den herabfallenden Horden von Regentropfen einen prüfenden Blick entgegen und entscheidet sich gegen einen sofortigen Spaziergang. Er meine wohl das mit den Kürbissen, das sei in der Tat eine Landplage inzwischen; in Allach zum Beispiel sei es noch viel schlimmer, da gebe es heutzutage um diese Zeit außer verfaulten Kürbissen gar nichts mehr. Aber soweit er informiert sei, komme dieses Halloween nicht aus Amerika, zumindest nicht ursprünglich, sondern aus Irland. Ursprünglich, brüllt Herr Reithofer und wischt plötzlich wie besessen an seiner Plastikfolie, komme überhaupt gar nichts aus Amerika, weil es ursprünglich gar kein Amerika gegeben habe, selbst die Indianer seien Australier gewesen. Und daß ein solcher Unfug von Irrland herkomme, ha ha ha! da habe er jetzt ja fast gelacht, aber zu lachen gebe es da nichts. Er wischt weiter, sein Rad fällt zu Boden, er versucht es aufzuheben, gerät dabei ins Straucheln und stürzt in die Speichen des Vorderrades, aus denen er sich nicht mehr ohne weiteres befreien kann.

Kürbisse, ja ja, sagt Herr Hammler sinnierend. Seine Tante Sowieso habe einmal einen Bekannten aus England gehabt, der habe einmal einen Kürbis mitgebracht, in Würfel geschnitten und in Lorbeeressig eingelegt, fünf Einmachgläser voll; das Zeug sei vollkommen ungenießbar gewesen, das stehe wahrscheinlich heute noch auf dem Küchenschrank, und er verstehe überhaupt nicht, was da jetzt für ein Aufhebens gemacht werde. Herrn Reithofer ist das momentan egal; er würde gerne Herrn Hammler anherrschen, er solle ihm gefälligst beim Aufstehen behilflich sein, aber das ist ihm zu peinlich, so rudert er weiterhin in einem Gemenge aus Speichen, Regen, Plastik und Kürbisfaulschlamm vor sich hin.

"Aber stellen Sie sich mal vor", sagt Herr Hammler, "in Indien gibt es ein Tafelwasser, das heißt ‚Biseli'. Doch, ehrlich! Und jetzt frage ich Sie: Ist es ein Wunder, daß niemand indisches Wasser trinken kann, ohne daß er Durchfall kriegt?" Es hört auf zu regnen, und während sich Herr Reithofer mühselig in eine Art von stabilem Ungleichgewicht aufhievt, bricht plötzlich die Sonne über die Dächer. Ein Mann auf einem Einrad karrioliert die Straße entlang, hält an, drückt Herrn Reithofer und Herrn Hammler einen Zettel in die Hand und ruft: "München multikulturell!"

Herr Reithofer wirft den Zettel weg, hurrt mitsamt Fahrrad an Herrn Hammler vorbei ins Haus und plärrt, man möge ihm den Buckel hinunterrutschen, wobei nicht genau klar wird, wen er nun letztlich meint.


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