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MASKERADE
Damit ihm so etwas nicht wieder passiert, ist der Fritzi letztes Jahr als Soldat gegangen. Da war er zwar nicht zu verwechseln und außerdem schwer mit Schreckschußgerät bewaffnet, aber das fand jetzt wieder die Frau Zundel, seine Deutschlehrerin, gar nicht gut. Es sei kein Zeichen für Frieden und Toleranz und pädagogisch besser, etwas Lustiges zu machen, hat sie der Mama in der Sprechstunde erklärt. Das hat dem Fritzi so imponiert, daß er beschlossen hat, überhaupt nie mehr etwas Lustiges zu machen. Und deshalb hat er der Mama erklärt, diesmal wolle er als »Saddam« gehen. Die Mama ist der Meinung, damit bringe er die ganze Familie in Teufels Küche, und Onkel Rainer fragt, wie er sich das überhaupt vorstelle. Ganz einfach, sagt der Fritzi, er könne im wesentlichen die Uniform von letztes Jahr wieder hernehmen, dazu brauche er bloß noch einen Schnurrbart, einen Islam-Orden und so eine Mütze. Weil die Mama den Fritzi sehr gern hat und sich denkt, daß sowieso kein Mensch erkennt, was er darstellen will, ist sie schon fast soweit, ja zu sagen. Aber Onkel Rainer ist strikt dagegen: Sie glaube doch nicht im Ernst, daß das gutgehen könne. Der Bub sprudle doch bestimmt auf die erste Frage eines Mitschülers oder gar Lehrers heraus, wer er sei, und das gebe einen Riesenärger. Da kriegt der Fritzi einen Schreikrampf, weil er nie sein darf, was er sein will, und Onkel Rainer brüllt, wenn er der Saddam sein wolle, dann müsse er sich auch nicht wundern. Die Mama schreit, es sei furchtbar mit diesem Fasching, den es ihretwegen gar nicht geben brauche; der Fritzi heult, man erlaube ihm nicht mal den geringsten Spaß in diesem Gefängnis. Onkel Rainer brüllt, dann solle er halt in den Irak gehen, wenn er sich wie ein Diktator aufführe; die Mama weint, und der Fritzi kündigt an, er werde zur Untermauerung seines Anspruchs auf selbstbestimmte Faschingsverkleidung notfalls seine Schulsachen aus dem Fenster werfen. Schließlich gibt die Mama nach. Onkel Rainer verzieht sich ins Wohnzimmer, schaltet den Fernseher an und grummelt in die Berichte über den Aufmarsch aller möglichen Truppen am persischen Golf immer wieder Bemerkungen über kindische Blödheit und die erwiesene Sinnlosigkeit antiautoritärer Erziehung hinein, die den Fritzi aber nicht tangieren, da er mit der Erstellung eines angemessenen Schnurrbartes beschäftigt ist und sich auch noch einen Islam-Orden basteln muß. Großer Erfolg ist ihm auch diesmal nicht beschieden. Zwar kriegt er von Frau Zundel ein Lob für seinen »hübschen Anstecker«; dessen Bedeutung der Fritzi ihr jedoch nicht erklären kann, weil er mit der Oberlippe den Schnurrbart festhalten muß. So bleibt auch die Frage eines Klassenkameraden, ob er neuerdings dem Alpenverein angehöre, weil er unter der Nase einen Gamsbart trage, unbeantwortet, und als endlich der blöde Harry mutmaßt, er stelle eine jugoslawische Putzfrau dar, beschließt der Fritzi, es nächstes Mal vielleicht doch mit etwas Lustigem zu probieren. e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer | pdf |
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