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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

VERWEHUNGEN

ein Mensch, hat Onkel Rainer gesagt, könne ihm garantieren, daß man in »der Zukunft« überhaupt noch Skifahren könne. Es sei zudem eine Riesenverschwendung, daß die teuren Sportgeräte seit Jahren ungenützt den Keller blockieren. Man habe am Samstag nichts besseres vor, und die Oma, die sich zufällig genau an diesem Wochenende im Haus aufhalten müsse, weil in ihrer eigenen Wohnung Handwerker damit zu tun haben, alle möglichen Rohre herauszureißen und durch neue zu ersetzen, die könne ja inzwischen in der Hütte einen Glühwein zu sich nehmen.

Der Fritzi war von der Idee begeistert, so richtig allerdings erst, als sich herausgestellt hat, daß bei seinen eigenen Skiern vom langen Imkellerstehen die Stahlkanten abgesprungen sind, weshalb man im Schnellverfahren am Samstagvormittag neue kaufen hat müssen, bei denen im Gegensatz zur sonstigen Wirtschaftslage der Familie aufgrund der Eile das Geld kaum eine Rolle gespielt hat. Die Mama hat geschwiegen, was darauf schließen ließ, daß sie streng dagegen war und man sich während der Fahrt auf ein Crescendo defaitistischer Bemerkungen gefaßt machen müßte. Und die Oma war zwar nicht sehr angetan, hat sich aber überreden lassen mit dem Argument, daß es für gewöhnlich auf jeder Hütte einen Fernseher gebe, in dem genau das Programm laufe, das sie sich zu Hause immer erst mühsam und oft vergeblich gegen Fritzis Daily-Soap-Ansprüche erkämpfen müsse.

Also ist man losgefahren und hat den ersten Stau am Irschenberg, der in ungewisser Ferne in Nebel und Schnee endete, überstanden mit dem leicht grummeligen Hinweis Onkel Rainers, so gehe es eben, wenn der Bub seine teuren Skier im Keller verrotten lasse, statt sich darum zu kümmern. Daß Onkel Rainer danach einen Fahrstil anschlug, der sie eher an ein Formel-eins-Rennen als an eine verschneite Autobahn erinnere, hat die Mama bloß so nebenher bemerkt. Daß dem Fritzi davon schlecht geworden ist und er beim erzwungenen Halt an der nächsten Raststätte einen nicht unerheblichen Teil seines von der Oma erhaltenen Zeugnisgeldes in bunte Süßigkeiten umgesetzt hat, wurde ebenso hingenommen wie der zweite Stau, der diesmal in einem dermaßen heftigen Schneetreiben stattfand, daß die Mama erste Zweifel äußerte, ob ein Skifahren bei diesem Wetter überhaupt erlaubt und möglich sei. Wenn man erst einmal hindurch sei und die Sonne wieder rausbreche, werde sie schon sehen, hat Onkel Rainer gesagt.

Weil die Sonne dann aber doch nicht rausgebrochen ist, hat Onkel Rainer beschlossen, den ursprünglich avisierten Lift Lift sein zu lassen und sich mit dem nächstbesten zu begnügen. Der war außer Betrieb - »Bei diesem Wetter? Sind Sie narrisch?« hat der zufällig anwesende Betreiber gesagt. Onkel Rainer möge, wenn er unbedingt wolle, gerne weiterfahren, allerdings bloß mit Schneeketten, die er bei ihm erwerben könne (fast so teuer wie Fritzis Skier, was diesen zu der schulisch antrainierten Bemerkung veranlaßte, das sei »eben ein Fall von Angebot und Nachfrage«). Der nächste Lift indes ist im massiven Schneesturm gleich gar nicht mehr zu sehen, also beschließt Onkel Rainer, man könne auch gleich eine Hütte aufsuchen, er habe sowieso Hunger. Leider ist die erste Hütte so sehr geschlossen, als wäre sie noch nie auf gewesen, in der zweiten sind (derzeit ruhende) Renovierungsarbeiten im Gange, die dritte feiert ihren Ruhetag, und in der zu dem Schneekettenwucherlift gehörigen Hütte gibt es, da der Koch Schneeurlaub macht, lediglich einen kalten Leberkäse ohne Ei, den Onkel Rainer partout nicht verzehren mag.

Ein kurzer Abstecher auf diverse Bundesstraßen führt durch diverse Dörfer, in deren Gaststätten es entweder keine Mittagskarte gibt oder selbige schon nicht mehr gilt, die Abendkarte hingegen noch nicht. Schließlich kommt die Weiterfahrt an der bereits bekannten Autobahnraststätte aufgrund heftiger Regengüsse und nachfolgenden Blitzeises zum Erliegen. Da der Fritzi seine bunten Süßigkeiten inzwischen restlos verzehrt hat und Onkel Rainers Hunger sich akustisch bemerkbar macht, erklärt er sich finsteren Gesichts mit einer Portion Pommes einverstanden. Es dämmert bereits, als sich die Reisegruppe, der nun ein Hagelschauer waagerecht entgegenkommt, endlich den ersten Münchner Autobahnkreuzen nähert, und als man zu Hause angelangt ist und neue und alte Skier in den Keller geräumt hat, sind die Tagesthemen vorbei. Onkel Rainer, der seit seiner Bemerkung »Scheißschnee!« (auf der Höhe von Holzkirchen) eisern geschwiegen hat, erfährt in seiner Stammkneipe, man habe schon geschlossen, weil so schlechtes Wetter sei und aufgrund der neuen Sperrzeiten in Allach und Freimann sowieso kein Mensch mehr nach 22 Uhr eine Schwabinger Wirtschaft aufsuche. Erst da platzt ihm richtig der Kragen, und daß er seinen Entschluß, dem Fritzi seine nagelneuen Skier mit der Flex zu zersägen, nicht sofort in die Tat umsetzt, ist nur der Mama und ihrem Argument zu danken, das Sägen sei während der Nachtruhe verboten und er solle sich um Gottes Willen nicht unglücklich machen, man könne die unseligen Bretter ja allesamt auf dem Flohmarkt verkaufen. Aber erst im Frühjahr, sagt Onkel Rainer, denn er werde das Haus nicht mehr verlassen, bevor die Osterglocken blühen.


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