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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

BIO-GIFT-ALARM

as ja nicht zu fassen!" japst Jessica zu Spreitzenstein so laut, daß es noch auf der Nachbarterrasse gehört würde, wenn der Typ dort nicht per Freisprecheinrichtung und Kopfhörer mit seiner "Zentrale" verbunden wäre und aufgrund drohender Insolvenz seit sechs Wochen gar nichts anderes mehr mitbekäme.

"Was jetzt wieder?" fragt Jessicas Beziehungspartner Achatz Hohlmoos, leicht gereizt; er schätzt es nicht, bei der Lektüre des "Vermischten" gestört zu werden. Seine letzte Beziehungspartnerin hat ihn mit ihrem Frühstücksgeplapper derart entnervt, daß er erst nach wochenlanger vergeblicher Suche merkte, daß das "Vermischte" seines damaligen Blatts neuerdings "Facts-Panorama" hieß. Da war es zu spät, sich noch eine Einladung zu Claudia Schiffers Hochzeit zu besorgen; vor lauter Zorn hat er nicht nur die Zeitung abbestellt, sondern die Frau gleich dazu und ihr obendrein noch den Jaguar hinterhergeworfen (der sowieso bloß anbezahlt und inzwischen wahrscheinlich gepfändet war).

Statt zu erläutern, legt Jessica, wie es ihre Art ist, nach: "Das ja Wahnsinn!" Erst als Achatz eine Viertelstunde geschwiegen hat (ohne zu lesen - Nervenkriege sind seiner Konzentration abträglich, obwohl er sich von Sri Junioshi seit Monaten in dieser Hinsicht gezielt coachen läßt), erklärt sie, es sei schon wieder Gift in Lebensmitteln gefunden worden, diesmal in Biohühnerformfleischbrätlingen aus Belgien und Fitneß-Elektrolyt-Getränkgrundstoff-Sirupzubereitungen, von denen noch keiner wisse, wo sie letztlich herkämen. Wenn ihn nicht alles täusche, knurrt Achatz nach einer Pause (deren gesprächsstrategische Bedeutung er auf einem Ratelband-Kongreß erlernt hat), verdiene ihr Ex-Mann sein Geld mit einer Hühnerfabrik, in der das Federvieh mit seiner eigenen und aus norddeutschen Großschlachtereien angelieferter Gülle sowie gehäckseltem Sondermüll von der irischen Filiale eines französischen Pharma-Konzerns gemästet werde, und wenn sie während ihrer dreimonatigen Ehe daran nicht gestorben sei, solle sie sich mal keine unnötigen Sorgen machen.

"Das ja der Hammer!" schreit Jessica empört. Er glaube doch nicht im Ernst, sie habe jemals die Brätlinge ihres Ex-Mannes auch nur in der Tiefkühltruhe gehabt, geschweige denn verzehrt! Sie kaufe ausschließlich die Produkte der Konkurrenz, die seien immer "bio" gewesen, aber jetzt auf einmal total giftig, und wenn das so weitergehe, müsse sie am Ende noch einen dieser komischen Kleinläden aufsuchen, was nahezu unmöglich sei, weil die weder ins Haus lieferten noch Platin-Cards akzeptierten und weil Jessica darüber hinaus den seltsamen Dialekt der Verkäufer nicht verstehe. Sie sei ja so blöd, sagt Achatz (in aufbrausendem Jähzorn sämtliche antrainierten Gesprächsführungstechniken über Bord werfend). Schließlich habe man das Gift bloß entdeckt, weil das Bio-Zeug manchmal darauf getestet werde. "Das ist überall drin, bloß bei den anderen Sachen erfährst du nichts, weil nichts geprüft wird und weil es noch nicht mal illegal ist." Ach was, keift Jessica zurück, sie sei doch nicht ins angeblich so gesunde und moderne München und in dieses 300-Quadratmeter-Dreckloch gezogen, um sich dann vergiften zu lassen, und sie wisse jetzt auch, warum das Bio-Zeug immer so verschrumpelt aussehe, und sie kaufe überhaupt nichts mehr, sondern gehe ab jetzt bloß noch zu Jean-Pierre essen, und schließlich habe in ihrer ganzen Familie niemand ein Bio-Produkt verzehrt und sei trotzdem nicht krank geworden, und ... als Achatz (der sich wieder gefangen hat) knapp erklärt, sie könne den Autoschlüssel nehmen und sich "vom Acker machen", wenn sie wolle, setzt sie das Gespräch in Gedanken fort und beschließt, künftig nur noch die Erzeugnisse einer neuen amerikanischen Diät-Linie zu bestellen, die unlängst in ihrer Frauenzeitschrift empfohlen wurden und die schon deshalb völlig unbedenklich sein müßten, weil sie in einem Stickstoffbad unter Vakuum verpackt und zudem mit naturidentischen Vitaminen angereichert würden, also gewissermaßen dem genauen Gegenteil von Gift.

Dann werden wir schon sehen, wer von uns beiden zuerst stirbt, denkt sie mit sardonischem Grinsen und fragt: "Noch ein Stück Bacon, Schatz?"


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