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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

ENTBEHRUNGEN

er Geruch, der durch die Buchhandlung Hilwek und Schide weht, ist schwach, aber unverkennbar. "Riechen Sie das auch?" fragt Herr Hartnagel mit erhobenem Nasenbein. "Aceton! Womit drucken die denn heutzutage?"

"Das ist schon seltsam", sagt Frau Hilwek und blickt ratlos auf eine geöffnete Kiste, aus der neongrell ein Viertelhundert Exemplare des neuesten Romans um eine modebewußte Kommissarin leuchten.

"Sagen Sie", ertönt die schwächliche Stimme einer Dame um die fünfzig, die an der Diogenes-Säule steht und gekleidet ist wie eine sechzehnjährige Teestubenbesucherin, "haben Sie vielleicht auch etwas über Heilfasten?"

Ehe Frau Hilwek antworten kann, tönt Herr Hartnagel im tiefsten Brustton der Lebenshilfe: "Das lassen Sie mal lieber bleiben, junge Dame! So wie Sie aussehen, kann ich von Experimenten mit der Ernährung nur dringend abraten. Kann es übrigens sein, daß Sie das sind, was hier so nach Aceton riecht?"

"Das ist ja unverschämt", bräuselt die Dame, die in der Tat sehr geschwächt wirkt, auf. "Was glauben Sie denn, wie Sie aussehen? Eine Frühjahrsdiät könnte Ihnen nicht schaden, Dickwanst!"

Unbemerkt hat derweil ein junger Mann den Laden betreten und die Szene mit amüsierter Aufmerksamkeit verfolgt. "Lesen Sie doch den ‚Hungerkünstler' von Franz Kafka", empfiehlt er fröhlich, woraufhin aus der Tiefe seiner Eingeweide ein heftiges Rumpeln und Grummeln ertönt. "Oh, keine Angst, das ist nur meine Bärlauch-Diät!"

Die schon vor dem Eingriff des jungen Mannes zurechtgelegte begütigende Bemerkung der Buchhändlerin bleibt abermals ungesagt, denn nun sinkt die matte Dame mit einer unbestimmten Handbewegung und einem leisen Seufzer auf das Sofa unter der "Anderen Bibliothek". "Um Gottes Willen, Frau Haberkorn!" ruft Frau Hilwek. "Was haben Sie denn?" - "Das kann ich Ihnen sagen", sagt Herr Hartnagel überzeugt, "diese Frau ist dabei, zu verhungern."

"Unsinn! In Mitteleuropa verhungert niemand!" ruft ein forscher Mann im Lodenmantel unter seinem dunkelgrünen Hut hervor und stellt sich an die Ladentheke. "Geben Sie mir bitte das Fundierteste, was Sie zum Thema Entschlackung haben", sagt er in die ungefähre Richtung der Registrierkasse, "für meine Frau." - "Jetzt warten Sie doch einen Moment. Sehen Sie nicht, was hier los ist?" grollt der junge Mann, wiederum gefolgt von einem wilden Blubbern und Gluckern. "Mischen Sie sich nicht ein! Ihre Furzerei ist schließlich schuld an dem ganzen Malheur", fährt Herr Hartnagel vehement dazwischen. Der junge Mann öffnet empört den Mund, findet darin aber nichts Sagbares, daher: prologlose Verdauungsgeräusche.

"Ja ja, wir werden alle den Gürtel enger schnallen müssen", prophezeit ein neuer Kunde in blauer Latzhose und fragt nach dem bestellten Werk "Die deutschen Gewerkschaften in dunklen Jahren". Wenn er mit derartiger Besitzstandswahrerei konfrontiert werde, vergehe ihm auch der Appetit, und zwar auf den Schlag, raunzt der Lodenmann mit angewidertem Seitenblick auf den vermeintlichen Sozialpartner. Wie man überhaupt noch etwas essen könne, wenn man an die armen Kinder im Irak denke, haucht Frau Haberkorn. Eine kombinierte Kur mit Grapefruit und hartgekochten Eiern sei ideal und in jedem Fall wärmstens zu empfehlen, doziert eine weitere Neukundin. Herr Hartnagel stellt fest, das sei ja widerlich. Künstlich herbeigeführte Askese mit ideologischem Hinterbau sei typisch für den Selbstekel der Überflußgesellschaft, proklamiert der Bärlauchfreund. Der Überfluß werde ihm schon noch vergehen, droht der Lodenmann. Es handle sich doch dem Wesen und Kern der kirchlichen Regel nach ursprünglich bloß um warmblütige Tiere, sagt Herr Hartnagel, und dies gelte außerdem ausschließlich für Menschen zwischen zweiundzwanzig und sechzig. "Katholenquark", winkt der Gewerkschafter ab. "Larifari!" sagt der Lodenmann. Frau Hilwek weiß nicht ein noch aus. Die Diskussion endet schlagartig, als ein junger Mann in bunter Dienstleistungsuniform mit zwei Pappschachteln in den Laden stürmt: "Zweimal Quattro Stagioni mit extra Knoblauch?"

Über das weitere Schicksal der Beteiligten, insbesondere der Frau Haberkorn, ist derzeit wenig bekannt.


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