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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

GESUNDHEIT!

us der Buchhandlung Hilwek und Schide dringen merkwürdige Geräusche: Rröpf! Asch! Schlürr! Pfoch! Durch die Schaufensterscheibe sieht man ein gewaltiges Tuch, das von schweren Windstößen erschüttert zu werden scheint. Pfröff!

"Das klingt aber gar nicht gut, Herr Hartnagel", sagt die Buchhändlerin zu dem älteren Herrn, der jede seiner geräuschvollen Erschütterungen pantomimisch kommentiert, indem er mit dem Regenschirm wild in der Gegend herumfuchtelt.

"Das ist hier kein Kriterium! Es geht dabei nicht um Klangqualität, sondern um ... Pschüsch! ... ach ... Schruff!"

In sicherer Entfernung steht ein jüngerer Mann, der Herrn Hartnagel aufmerksam betrachtet und nun einen unmerklichen Schritt nähertritt.

"Wenn ich fragen darf: Rauchen Sie?"

"Nur wenn man mich anzündet! Pläsch!"

"Mir scheint hier", sagt der jüngere Mann, Herrn Hartnagels Unhöflichkeit höflich ignorierend, "eine chronische Nebenhöhlengeschichte vorzuliegen. Das kommt zum Beispiel, wenn man beim Rauchen gerne durch die Nase inhaliert. Gestatten: Doktor Ziebland. Ich bin Arzt."

"Das ist nur ein Schnupfen, der geht einen Arzt nichts an." Herr Hartnagel wedelt wieder mit dem Taschentuch vor seinem Gesicht herum, dabei fällt ihm der Regenschirm aus der Hand und reißt einen Stapel Bücher mit sich. "Nein, nein. Das ist die japanische Grippe", erklärt ein weiterer Kunde. "Da kommen die neuen Erreger ja meistens her. Diese Leute vertragen übrigens auch kein Bier."

"Ich auch nicht!" bellt Herr Hartnagel.

"Möchten Sie vielleicht einen Tee?" fragt die Buchhändlerin, um Lösung der Spannung bemüht. Herr Hartnagel schüttelt mit zusammengekniffenen, tränenden Augen den Kopf, will sich nach seinem Schirm bücken und verliert dabei das Taschentuch.

"Von Hygiene haben Sie auch noch nie etwas gehört", schrillt eine etwa siebzigjährige Frau, die aussieht wie ein hundertjähriger Faschingsprinz und soeben den Laden betreten hat. "Wenn wir nun alle krank werden, mache ich Sie regreßpflichtig!"

Hinter dem Regal mit den Insel-Bändchen tritt ein dickbebrillter Jüngling hervor. "Lassen Sie doch den armen Mann in Ruhe, der hat genug zu leiden", bittet er und blättert weiter.

"Pfüsch!" macht die Buchhändlerin, und: "Ach herrje!"

"Sie sind verpflichtet, sich sofort krankzumelden!" keift die alte Dame. "Das ist ja der reinste Infektionsherd hier!"

"Tschaff!" ertönt es hinter dem Insel-Regal.

"Dann – krosch! – gehen Sie doch!" ereifert sich Herr Hartnagel. "Niemand zwingt Sie, hier auszuharren!"

"Ja, was denken Sie denn? Soll man sich den ganzen Winter lang zu Hause einsperren, weil draußen lauter Verrückte herumlaufen und alle anstecken?" keift die Dame zurück. "Ich bestehe auf meinem Recht, einzukaufen! Und auf jeden Fall ist ihr Treiben ungehörig!" Sie wühlt eine Packung Papiertücher aus ihrer Manteltasche.

"Hösch! Ja glauben Sie, ich mache das mit Absicht?" tobt Herr Hartnagel.

"Natürlich! Sonst würden Sie es ja bleiben lassen. Jeder trägt die Verantwortung für sein eigenes Karma!"

Crescendo von wildem Stimmengewirr: "Was sind Sie denn! Japaner! Sauerei! Bazillenschleuder! Selber! Brunzkachel! Unverschämtheit! Raus hier!"

Der Postbote betritt mit einem Paket in der Hand den Laden, verharrt angesichts des kollektiven Hustens, Niesens, Bellens, Plärrens und Blökens einen Moment im Eingang und sagt dann mit nasalem Krächzen: "Na, euch hat’s ja auch gut erwischt! Ich trage das jetzt schon wochenlang mit mir herum."

Über den weiteren beruflichen Weg des Postboten, der sich unmittelbar nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus berufsunfähig schreiben läßt, ist wenig bekannt.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer