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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

SCHWIERIGE ENTSORGUNG

r sei, sagt Herr Hammler, von Haus aus dagegen gewesen, ein solches Monstrum ins Haus zu holen, weil es erstens sündhaft teuer und zweitens überhaupt nur etwas für Kinder sei, und ein solches habe man gottseidank nicht mehr. Dann stehe das Ding ein paar Tage neben dem Fernseher, und schon könne man sehen, wie man es wieder loswird. Ein Weihnachten ohne Christbaum, hält Frau Hammler dagegen, sei in ihrer Familie aber nun einmal nicht denkbar. Dann solle sie halt das nächste Mal gleich bei ihrer buckligen Verwandtschaft feiern, schreit Herr Hammler, und weil er dabei einen Moment unaufmerksam ist, rutscht ihm das Ende der neuen geblümten Krawatte, die er von seiner Schwägerin als Geschenk erhalten hat, aus der Hand, worauf sich der Baum explosionsartig wieder entfaltet und dabei ein gutes Pfund Nadeln in Herrn Hammlers Gesicht und das Wohnzimmer hineinschleudert.

Zumindest, bellt Herr Hammler außer sich, werde er in seinem ganzen Leben nie mehr den lumpigen Versprechungen des Baumhändlerpacks glauben, von wegen Nordmanntannen, die nicht nadeln. Er hätte, sagt seine Frau, den Baum halt ordnungsgemäß an Heiligdreikönig wegbringen sollen, dann bräuchte er jetzt nicht fluchen und man hätte nicht so ein Malheur. Im übrigen könne er den Baum ja der alten Frau Reibeis schenken, die habe noch den alten Ofen und würde sich über das Brennholz sicher freuen. Da könnte sie gleich mit Dynamit heizen, sagt Herr Hammler, denn wie jedes kleine Kind wisse, zerreiße es mit trockenen Nadeln auch den stärksten Ofen, und wenn es die alte Schachtel gleich mitzerreiße, sei am Ende noch er verantwortlich wegen fahrlässigem Mord oder so was. Ein alter Baum gehöre in die Mülltonne. Aber dann auf jeden Fall in die Biotonne! ruft seine Frau. Freilich, brüllt Herr Hammler, zersägen werde er das Ungetüm auch noch, damit es in diesen stinkenden Pestkübel hineinpasse, jetzt, wo er es mit Hilfe der Weihnachtshandtücher von ihrer Tante endlich einigermaßen tragbar gemacht habe.

An der Aschentonne begegnet Herr Hammler dem Hausverwalter, den er seit Monaten nicht mehr gesehen hat und der ihm erklärt, er sei wohl wahnsinnig, eine Fichte in den Hausmüll zu geben. Die gehöre zur Baumsammelstelle, sonst könne das nächste Mal er die Strafgebühren wegen Fehlbeschickung eines Wertstoffbehälters zahlen. Nach einem Fußmarsch von einer guten Stunde erfährt der vollkommen erschöpfte Herr Hammler an der Baumsammelstelle, Bäume mit Restlametta könne man aus Ökogründen nicht annehmen. Nachdem ihm zwei Taxifahrer erklärt haben, sie dürften grundsätzlich keine Nadelholzgewächse befördern, kommt er bei Sonnenuntergang zu Hause an, wo seine Frau ein recht erstauntes Gesicht macht, als sie die vertraute Fichte wiedersieht.

Und als sie ihn neugierig fragt, ob er den Baum so sehr ins Herz geschlossen habe, daß er ihn gar nicht mehr hergeben wolle – da endlich platzt Herrn Hammler der Kragen, und er wirft das vermaledeite Gewächs mit einem animalischen Grunzlaut aus dem Wohnzimmerfenster in den Hof. Zehn Minuten später klingelt es an der Tür. Draußen steht Frau Reithofer. "Das war wohl der Sturm", sagt sie, "der ihre Wäsche und den Christbaum runtergeweht hat. Zum Glück hab ich’s gesehen, bis morgen früh wäre das ja alles nicht mehr zu retten gewesen!"

"So!" sagt Herr Hammler spätnachts zu seiner Frau, nachdem er den Baum in winzige Scheiben, Steckerl und Spreißel zersägt, die Stücke tütenweise zur Mülltonne getragen und die letzte Handvoll Sägemehl ins Klo gespült hat, "und dieses Jahr kaufe ich einen Plastikbaum. Den kann man wenigstens hinschmeißen, wo man will."


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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