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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

NOT-LÖSUNGEN

err Hammler hat in der Zeitung gelesen, daß München "Pleite" sei, und jetzt ist er sauer. "Eine Unverschämtheit!" brüllt er am Frühstückstisch. Seine Frau wirft einen vorsichtigen Blick auf die Schlagzeile, die zum Zwecke der Demonstration fünf Zentimeter vor ihrer Nase hängt. "Das verstehe ich nicht", sagt sie, um die Situation etwas aufzulockern. "Sagen dann jetzt die ganzen jungen Leute mit ihren Reklamebüros, daß sie ‚münchengehen'?" Sie sei eine dumme Kuh, sagt ihr Mann, der Frau Hammlers zufriedenes Beiseitegrinsen nicht bemerkt hat. "München ist nicht Pleite, sondern pleite, klein!" Und das heiße, daß jetzt der Gürtel enger geschnallt werde. "Ab morgen gibt's Malzkaffee, wie sechsundvierzig!"

Seine Frau wendet ein, 1946 sei er vier Jahre alt gewesen und habe sich bestimmt noch nicht um das Verfügbarsein von Kaffee gekümmert, richtigen Malzkaffee gebe es nur noch im Reformhaus, der sei doppelt so teuer wie echter Kaffee, und im übrigen sei ja wohl nicht die Familie Hammler pleite, wenigstens noch nicht ganz, sondern bloß die Stadt, die zu anderen Zeiten das Geld hemmungslos zum Fenster hinauswerfe. Das sei gleich, brüllt Herr Hammler: "Ich bin München!" Eine Stadt, präzisiert er, sei nicht der OB oder irgendeine Tunnelbaufirma, die sowieso im Geld nur so schwimme, sondern die normalen Bürger "wie du und ich", die mit ihren Steuern dafür aufkommen, daß den Firmen, die keine Steuern bezahlen, vierspurige Straßen und S-Bahnen nach Fuchshasnachting und sonstwohin gebaut werden, damit sie weiterhin Milliardenprofit machen können, indem sie ihre Leute rausschmeißen, und er gehe jetzt zum Stammtisch, weil ihm sonst der Kragen platze. Während er seine Schuhe sucht, liest Frau Hammler in der Zeitung, der Sohn von Uschi Glas habe einen seiner Untergebenen mit Alkohol übergossen und angezündet und weigere sich, die Arztkosten zu bezahlen. "Da haben wir ja noch Glück", denkt sie.

Am Stammtisch sagt Herr Hammler, er habe beschlossen, keine Steuern mehr zu zahlen, und damit fange er jetzt gleich an. "Da ziehst du sechzehn Prozent ab!" herrscht er die Kellnerin an, die zum Kassieren kommt. "Die Brauerei verdient sich am Mehrwert dumm und deppert, und ich darf dafür brennen. Soweit kommt es noch!" Die Kellnerin erklärt sich für unzuständig und besteht auf vollständiger Zahlung, worauf Herr Hammler feststellt, wenn sie es durchaus darauf anlege, ihm das letzte Hemd auszuziehen, könne man auch stantepede einen neuen Staat gründen, in dem niemand Steuern bezahlen müsse außer Kellnerinnen, diese allerdings gleich achtzig Prozent. Er habe in der Zeitung gelesen, daß der Graf Dracula aus Schenkendorf in Brandenburg genau das soeben getan und um Aufnahme in die Bundesrepublik Deutschland gebeten, und wenn diese verweigert werde, gebe es auch noch eine Provisorische Deutsche Reichsregierung, der man sich unterstellen könne.

Die Kellnerin, unschlüssig, ob sie die Polizei oder einen Sanitäter rufen soll, eröffnet einen Deckel über die Zeche und verfolgt den weiteren Gründungsakt der Volksrepublik Augustinergarten aus der Ferne. Nachdem "Wer soll das bezahlen, wer hat soviel Geld" zur Nationalhymne erkoren worden ist, ermüden die Staatsgeschäfte, und als endlich keiner mehr einen Redebeitrag zu leisten imstande ist, löst sich die verfassungsgebende Versammlung auf.

Am nächsten Tag erwacht Herr Hammler mit einem ziemlich dicken und moralischen Kopf und erklärt nach Lektüre der Zeitung, es sei unabdingbar, sofort hundert Mark für die Überschwemmung in der Ostzone zu spenden. Seine Frau, nicht eben gut gelaunt, wendet ein, es gebe keine Mark mehr, Euros habe man auch nicht genug, um sie aus dem Fenster zu werfen, und schließlich liefen in Deutschland hunderte von Millionären und Milliardären herum, die auch einmal etwas tun könnten, anstatt immer nur in Fernsehgalas armen Leuten ihr Erspartes abzupressen und mit dem Ferrari durch die Gegend zu brausen und damit für die nächste Klimakatastrophe zu sorgen. Herr Hammler liest, Günther Jauch habe gesagt, man müsse sich den Sinn für Verhältnismäßigkeit erhalten, grummelt kurz und blättert weiter.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wer bis hierher gekommen ist, der ist weit gekommen.