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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

FRIEDE!

egen diese Sicherheitskonferenz, verkündet Hieronymus Herrnberger unter entschiedenem Resonieren seiner gesamtleiblichen Gewichtigkeit, sei er ganz und gar: Diese Amis wollten nur an die irakischen Ölquellen, damit hernach das Benzin teurer werde! Das könne er sich als kleiner mittelständischer Bauunternehmer hinten und vorne nicht leisten, und deshalb werde er, obwohl so etwas sonst gar nicht seine Gewohnheit sei, zum Demonstrieren gehen. Und jetzt hätte er gerne noch ein Bier.

Ausgerechnet er, entgegnet der ehemalige Hausmeister Kellermann vom Nebentisch, werde aber doch nicht etwa mit der Gewerkschaft demonstrieren wollen, das wäre ja etwas ganz neues. Selbstverständlich nicht, tönt Herr Herrnberger, denn obwohl er grundsätzlich die Lebensberechtigung einer Gewerkschaft in pluralistischen Zeiten nicht anzweifeln wolle, wisse man ja nie, ob da nicht einer dabei sei, der heimlich für den Kündigungsschutz demonstriere. Da er seit Monaten keinen anständigen Gewinn machen könne, weil man ihm nicht erlaube, Leute rauszuschmeißen, gehe es nicht an, daß er sich mit so etwas gemein mache. Und deshalb werde er nicht zum Königsplatz gehen, sondern zum Odeonsplatz. Soviel er wisse, lacht Herr Kellermann, demonstriere ja eben am Odeonsplatz die Gewerkschaft, aber er könne ja zum Marienplatz gehen und mit den Punkern vom Schwarzen Block demonstrieren, die alle aussehen wie schwule Nazis.

Er habe gehört, mischt sich ein dem Laufpublikum zuzurechnender Gast mit Krawatte ein, der am Tresen eine Wurst verzehrt, es gebe auch Extrademonstrationen einer pazifistischen Initiative, eines Milbertshofener Arbeitersportvereins, der Rathaus-PDS sowie kirchlicher Gruppen, bei der sogar Leute von der CSU dabei seien. Da könne er doch mitdemonstrieren. Herr Kellermann, der seit dem frühen Nachmittag am Zechen ist, grölt, das sei ja im Grunde dann auch ein schwarzer Block; wenn sich die bloß nicht in die Quere demonstrierten!

Nun meldet sich Herr Reithofer zu Wort, der bisher am Stammtisch still in sein Feierabendbier geschaut hat: Er sei grundsätzlich gegen jede überzogene Kritik an der Schutzmacht Amerika, die Deutschland immerhin von den Nazis befreit habe. Er würde höchstens gegen die ganzen Demonstrationen demonstrieren; weil das aber zu Mißverständnissen führen könne, lasse er es bleiben und alle anderen am besten auch. Das sei ein reaktionäres Gequatsche, hört man aus der Ecke, wo die Studenten Schafkopf spielen, und eine weibliche Stimme keift hinterher, wer die neoimperialistische Militärpolitik unterstütze, demonstriere damit nur seine verkorkste Sexualität. Herr Reithofer springt auf, fuchtelt mit dem Zeigefinger und schreit, er diskutiere nicht mit Straftätern.

Hinter dem Tresen verkündet die müde Brummelstimme des Wirts, man möge sich doch nicht so aufregen, schließlich gehe es um den Frieden, und das sei doch etwas Gemeinsames. Er habe, brüllt Herr Kellermann, mit schwulen Kommunistennazis, die den lieben langen Tag in der Kneipe herumgammeln, anstatt zu arbeiten, überhaupt nichts gemeinsam. Der klassenfeindliche Blutsauger solle die Luft anhalten, brüllen die Studenten zurück. Das sei ja wohl der Gipfel der Respektlosigkeit, brüllt der Wurstverzehrer. Was hier eigentlich los sei, brüllt ein junger Mann in tiefhängender Elefantenhose und zieht sich die Stöpsel aus dem Ohr. Wenn keine Ruhe werde, werfe er alle miteinander hinaus, brüllt der Wirt. Da sei er ihm gerne behilflich, brüllt Herr Reithofer. Als endlich die Polizei eintrifft, ist der Sachschaden erheblich, zum Glück sind jedoch außer harmlosen Schnittwunden, eingezogenen Spreißeln und etwas mittelscharfem Senf im Auge des Bauunternehmers Herrnberger keine Verletzungen zu beklagen.

Beim Frühstück blickt Frau Reithofer von ihrem Zeitungsteil auf und fragt ihren Mann, ob er etwas von einer unangemeldeten Demonstration bei seiner Stammkneipe wisse. Herr Reithofer brummelt, er wisse nichts und wolle auch von überhaupt gar nichts mehr etwas wissen, und schweigt für den Rest des Wochenendes.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer