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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

KERNKOMPETENT

eit das Amt, in dem Herr Reithofer seit 1975 arbeitet und das aber inzwischen kein Amt mehr ist, sondern eine Firma, beschlossen hat, eine effektivere Firma zu werden und zu diesem Behufe die Abteilung von Herrn Reithofer abzuschaffen, sitzt Herr Reithofer den ganzen Tag zu Hause und ist brummig. Ein Amt, sagt seine Frau, könne man doch nicht einfach abschaffen; irgendwer müsse sich doch kümmern, und Herr Reithofer grummelt widerwillig etwas von »Kernkompetenzen« und daß es eben dadurch, daß das Amt kein Amt mehr sei, auch keinen Anspruch mehr gebe, um den sich wer kümmern müsse, sondern nur noch Dienstleistungen, die man, wenn sie nicht gewinnbringend nachgefragt würden, an andere Dienstleister abgeben könne und so weiter; außerdem wolle er seine Ruhe. Frau Reithofer versteht kein Wort, weil zum Glück das Telephon läutet.

Ihr Bruder aus Frankfurt komme am Samstag zu Besuch, kündigt sie an. Wieso denn das sein müsse, fragt Herr Reithofer, was er besser nicht gefragt hätte, weil seine Frau jetzt weiß, daß er schon wieder ihren Geburtstag vergessen hat, der auch noch der fünfzigste ist. Es könne gar nicht schaden, schreit Frau Reithofer beleidigt aus der Küche, wenn sein Schwager, der in Frankfurt immerhin bei einer Unternehmensberatung tätig sei, ihm einmal ein bißchen Dampf mache, weil es sonst ja alles nichts mehr werde. Er brauche keinen Dampf, brüllt Herr Reithofer, um die Waschmaschine zu übertönen, schon gar nicht den, den dieser aufgeblasene Kerl daherplaudere. Dem werde er schon zeigen, wo der Bartl den Most holt, und wenn der Hallodri in seinem Haus ein einziges Mal das Wort »Roland Berger« in den Mund nehme, dann werfe er ihn eigenhändig und hochkant zum Fenster hinaus. Er solle sich lieber ein Beispiel nehmen und wenigstens endlich aufs Arbeitsamt gehen, jammert Frau Reithofer. Sie habe ja überhaupt nicht die geringste Ahnung, tobt Herr Reithofer. Er sei achtundvierzig, da kriege man von dieser Berger-Bagage keine Arbeit mehr, ein Geld sowieso nicht, und soweit komme es noch, daß er im Luitpoldpark den Hundedreck aus den Rosenrabatten klaube. Er schaltet den Fernseher ein. Darin ist ein Auto zu sehen, das durch Pfützen fährt, während ein Mann mit überbordender Begeisterung singt: »Sum sum sum! Yeah, sum sum!«

Herr Reithofer schaltet sofort wieder aus und teilt seiner Frau in die dadurch eingekehrte Stille hinein mit, er mache jetzt seinen Spaziergang. Das treffe sich gut, sagt sie, dann könne er ihr für Samstag ein paar Sachen mitbringen. Als Herr Reithofer die Einkaufsliste sieht, gerät er erneut aus dem Häuschen: »Lachs! Avocados! Wein! und mitten im Sommer einen Sellerie! Sind wir die Familie Rockefeller?«

Es sei doch wohl selbstverständlich, schreit Frau Reithofer, daß man einem Besuch etwas bieten müsse, zumal wenn dieser einen gewissen Luxus gewöhnt sei. Dann, brüllt Herr Reithofer, solle der sich seinen Luxus selber mitbringen, schließlich sei er gespickt genug und bekomme zu seinem Gehalt das von solchen Deppen wie ihm, dem Herrn Reithofer, noch dazu, nachdem er sie auf die Straße gepfeffert habe. Was denn um Gotteswillen ihr Bruder mit seinem Amt zu tun haben solle, fragt Frau Reithofer, nun doch einigermaßen verblüfft. Um so etwas zu verstehen, sei sie wahrscheinlich einfach zu blöd, grummelt ihr Mann, zieht die Schuhe wieder aus und setzt sich vor den Fernseher, in dem nun eine junge Leistungssportlerin ihren verblüfften Mitsportlerinnen erklärt, ihr Molkedrink schmecke ihr »lecker«. Mit einem Anflug von schlechtem Gewissen greift Frau Reithofer in die linke Schublade im Küchentisch, in dem sie ihr heimliches Erspartes aufbewahrt, und geht selber einkaufen.

Im Nachhinein allerdings tut es ihr dann um den Lachs und den Sellerie (aus Chile) doch ein bißchen leid, denn es stellt sich heraus, daß die Unternehmensberatungsfirma beschlossen hat, sich auf ihre Kernkompetenzen zu konzentrieren, daß die Abteilung ihres Bruders deshalb abgeschafft worden ist und er, da er, wie er behauptet, von der Sozialhilfe allein nicht leben kann, seit acht Wochen nebenbei schwarz als Verkäufer bei der Imbißbude »Weck & Worst« im Frankfurter Bahnhofsuntergeschoß jobbt, und als ihr Mann das erfährt, ist er so begeistert, daß er den Bruder spontan auf ein Bier einlädt, was diesem offenbar viel lieber ist als Lachs, denn als die beiden Männer nach Mitternacht lauthals schwadronierend die Treppe heraufgepoltert kommen, steht der Lachs noch immer auf dem Küchentisch und ist ziemlich vertrocknet; und Frau Reithofer erwacht vor dem Fernseher, in dem jemand sagt, wenn sie es hart brauche, müsse sie bloß anrufen. Und am nächsten Morgen gibt es nicht einmal mehr eine Zeitung, in die sie den alten Fisch einwickeln könnte.


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