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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

HINTER DIESEN MAUERN

er Hubsi hat gesagt, das sei ein Wahnsinn und skandalös. Man könne doch nicht den Präse wegen einer windigen Diridarigeschichte nach Stadelheim hineinsperren und sehenden Auges zulassen, daß der TSV 1860 wieder in die Bayernliga hinabrumpelt und komplett vor die Hunde geht. Noch nicht einmal das Essen dürfe sich der Gefangene Wildmoser aus dem Donisl kommen lassen, sondern müsse diesen Mohammedanerfraß fressen.

Ihm sei das ziemlich wurscht, hat der Jackie gesagt. Er sei zwar ein Sechziger, gehe aber in ein Olympiastadion sowieso nicht hinein, und von Fröttmaning wisse er bloß, daß es irgendwo bei Stuttgart liegt; das sei ihm sogar absolut wurscht. Der dicke Kerl von dem Eventblatt hat gemeint, es sei mal wieder typisch. Kaum habe einer eine innovative Dynamik und kümmere sich um das urbane Look & Feel und daß München im Konzert der globalen Metropolen mitgeige, da komme schon ein spießiger Staatsanwalt daher und müsse sich überall hineinmischen; und ansonsten sei der junge Wildmoser aber auch ein Depp, wenn er sich so dumm anstellt. Der Hubsi hat sich ganz schnell drei Weißbier hineingeschraubt, weil er von dem ganzen Circus einen furchtbaren Durst bekommen hat, und wie es dann langsam auf den späten Nachmittag zugegangen ist, hat er eine Idee bekommen: "Wir holen den Wildmoser raus! Das ist notdürftige Selbsthilfe und Bürgerpflicht!"

Der Jackie hat nicht genau gewußt, was der Hubsi meint, aber wenn es einen Rabatz gibt, ist er immer dabei. Der Kerl von dem Eventheft hat gesagt, er täte schon gerne mit, aber er habe wegen diverser Lappalien selber den einen oder anderen Staatsanwalt am Hals und wolle das nicht überspannen. Weil der Jackie gesagt hat, er sei eine feige Sau, hat er aber immerhin vorgeschlagen, in seinem Eventheft zur Großdemonstration vor Stadelheim aufzurufen. Bis das Heft erscheint, hat der Hubsi gesagt, ist der Käse gebissen, außerdem lesen das sowieso bloß hundert Leute, und die interessiert höchstens, was für Szenepeople dabeiwaren, und er solle sich verzupfen, Defaitist, elendiger.

Also ist der dicke Kerl dageblieben und hat sich zwei Pizzas bestellt, und der Jackie und der Hubsi sind mit dem Taxi nach Stadelheim gefahren. Dort haben sie sich an einem Kiosk vier Büchsen Bier gekauft, haben sich dann hinten bei der Stettnerstraße in einem versteckten Winkel an die Gefängnismauer gestellt und zwei Stunden lang "Wildmoser raus!" gebrüllt, bis endlich ein Anwohner dahergekommen ist und gesagt hat, der Wildmoser sei genug gestraft und sowieso nicht mehr Präsident und brauche sich nicht auch noch von dahergelaufenen besoffenen Rotzlöffeln beschimpfen lassen, und sie sollten sich sofort schleichen, sonst schmiere er ihnen eine. Der Jackie hat versucht, das Mißverständnis zu klären, aber derweil wollte der Hubsi die Mauer hinaufklettern, ist mangels Griffmöglichkeit aus einer Höhe von einem halben Meter herabgestürzt, hat sich dabei das Steißbein geprellt und ein paar Fingernägel abgerissen und deswegen das Brüllen wieder angefangen, aber diesmal nicht "Wildmoser raus!", sondern "Verdammte Scheiße!". Drum ist eine Funkstreife dahergekommen: Wenn keine Ruhe sei, war die Ansage, sperre man den Jackie und den Hubsi gerne zum Wildmoser dazu, was der Hubsi inzwischen auch nicht mehr so energisch befürworten wollte.

Und so sind sie in einer ziemlich windigen Giesinger Beizen ziemlich furchtbar abgestürzt; und am nächsten Vormittag ist der Jackie, ohne daß er sagen könnte, wie er da hingeraten ist, im Perlacher Forst aufgewacht, weil ihn ein Hund abgeschleckt hat, und hat beschlossen, daß er in Zukunft eher für Unterhaching ist, wenn überhaupt.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer