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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

LEBERKÄS UND KIRSCHEN

ouristen, sagt Herr Hammler, seien ihm grundsätzlich egal, solange sie irgendwann wieder dahin gehen, wo sie hergekommen sind. Aber wenn alle Viertelstunde ein Schock jodelnder Amerikaner und Japaner auf Einheitsfahrrädern am Chinesischen Turm einfalle, unter wildem "Brust!"-Geschrei mit halbvoll eingeschenkten Maßkrügen in der Gegend herumklirre und nach zehn Minuten unter Zurücklassung der nunmehr viertelvollen Maßkrüge und Verzicht auf Rückgabe des bezahlten Einsatzes wieder davonstaube, um wahrscheinlich am Seehaus den gleichen Firlefanz noch einmal aufzuführen und schlußendlich Berge von Leberkäse ins Gebüsch zu erbrechen, dann sei das nicht nur ein gezielter Schlag gegen die sowieso verheerende Schankmoral, sondern dann sei ihm überhaupt der ganze Englische Garten verleidet.

Er solle doch ein bißchen tolerant sein, sagt Frau Hammler, schließlich wolle auch ein Japaner einmal einen Leberkäs essen, und wo München statistisch immer schöner werde, sei es doch kein Wunder, daß auch immer mehr Touristen kommen. München sei ihm wurst, brüllt Herr Hammler, in Schwabing gebe es nichts zu sehen außer neuen Betonhochhäusern, die auf der ganzen Welt herumstehen, und einen Leberkäse könne sich sogar ein Japaner notfalls selbst zubereiten, da brauche man bloß die Wurstreste der letzten zwei Wochen in den Mixer schmeißen und einen Senf dazuschmieren, seiner Meinung nach allerdings sei ein Leberkäs von Haus aus nicht zum menschlichen Verzehr geeignet, was in diesem Fall den Japaner mit einschließe, und im übrigen sei er es leid, sich von den Flugzeugen, mit denen die Touristenmassen ins Land hereinschwappen, das Klima verhageln zu lassen. Seine Rede wird von einem Blitz mit unmittelbar folgendem Donnerschlag unterbrochen; alles weitere ist wegen dem auf Autodächer, Mülltonnenhäuschen und die im Hof zu Frühlingszwecken bereitgestellten Gartenmöbel niederprasselnden Hagelschauer nicht mehr zu verstehen.

Als der Hagel in Schnürlregen übergegangen und der Lärm abgeschwollen ist, meint Frau Hammler achselzuckend, das seien eben die Eisheiligen. Diese, brüllt ihr Mann. hießen Pankraz, Servaz und Bonifaz und nicht Walburga, Athanas, Eberward, Florian, Tarbo, Edbert, Flavia, Beatus, Gangolf und sonstwie, weswegen es ganz und gar sämtlichen Regeln widerspreche, daß seit Anfang Mai ein amerikanisch-japanischer Froststurm nach dem anderen daherkomme. Er solle doch froh sein, sagt seine Frau, ohne schönes Wetter brauche er auch die Japaner im Englischen Garten nicht sehen. Einen solchen Unfug müsse er sich nicht anhören, tobt Herr Hammler, reißt das Fenster auf und starrt hinaus. Jetzt, sagt er entgeistert und den Tränen nahe, sei überhaupt alles zu spät, weil es sämtliche Blüten von dem Weichselbaum im Nachbarhof runtergehagelt habe, weshalb es heuer noch nicht einmal Sauerkirschen gebe.

Frau Hammler, gerührt von der Verzweiflung ihres Mannes und der wohligen Erinnerung an einen Maiabend unter einem Sauerkirschbaum vor 42 Jahren, dem sie ihren Mann letztlich verdankt, meint mit überfließendem Herzen, es wäre vielleicht nunmehr angeraten, doch einmal das Ersparte anzupacken und richtig in Urlaub zu fahren, und es gebe ein Land, wo das ganze Jahr die Kirschbäume blühen.

Nach Japan, sagt Herr Hammler nach einem langen Moment verblüfften Schweigens, fahre er grundsätzlich nicht. Da gebe es ja nicht einmal einen Leberkäs.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer