zurück zur Krawall-Hauptseite
 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

AUF DEM STIMMVIEHMARKT

it der Politik hat der Jackie noch nie was am Hut gehabt. Das sei höchstens was für Hosenscheißer, die anders mit den Hasen nichts auf die Reihe kriegen, lautet seine Einschätzung. Beim Wählen war er noch nie, und als ihm einmal an einem Frühlingsvormittag am Kurfürstenplatz ein Mann mit riesiger Bierwampe hinter dem Charivari einen Zettel und ein kleines Blumentöpfchen entgegengestreckt hat, ist er furchtbar erschrocken und hat in seinem Schreck danach außer Hörweite etwas ziemlich Geschertes zu dem Mann gesagt, weil er halt auch normalerweise vormittags nicht auf der Straße herumläuft und deswegen die Augen noch nicht richtig aufgehabt hat.

Um so erstaunter war der Jackie, als ihn der Hubsi angerufen hat und gefragt hat, wie er sich so fühlt als frischgebackenes CSU-Mitglied. Der Jackie hat Hä? gesagt und ist wieder ins Bett gegangen, weil es tags zuvor recht spät gewesen ist, aber das Telephon hat gleich wieder geklingelt, und jetzt hat der Hubsi gesagt, er finde ja eigentlich die ganze CSU einen Sauhaufen, aber andererseits könne einem eine solche Mitgliedschaft schon nützlich sein, wenn man mal was "drehen" wolle, und außerdem koste es ja nichts.

Da ist dem Jackie dunkel eingefallen, daß es tags zuvor in einer ziemlich komischen Kneipe in der westlichen Vorstadt so spät geworden ist, wo er vorher noch nie war und wo ihn der Hubsi selber hingeschleppt hatte, und daß es dort überhaupt keine Cocktails gegeben hat, dafür aber Freibier und viel Enzian, den er vorher noch nie getrunken hat, und daß er dabei möglicherweise irgendwas unterschrieben und dafür zu dem Freibier und dem Enzian dazu noch was bekommen hat. Der Jackie hat seine Klamotten durchwühlt und tatsächlich einen Hunderter in der Hosentasche gefunden, der ihm nicht gehört, und jetzt war er total durcheinander, aber der Hubsi hat ihn beruhigt, er solle sich nicht aufregen, es gehe ja bloß darum, daß er nächste Woche bei dieser Parteiversammlung auftauchen und den einen Typen da zum Kandidaten wählen müsse.

Weil der Jackie aber halt einmal mit der Politik nichts am Hut hat, ist er auf den Schreck hin ins Café Schwabing gestürzt und hat sich eine Bloody Mary zum Aufwachen bestellt und zufällig den dicken Kerl von dem Eventhefterl getroffen, der gebrüllt hat, es sei ja sagenhaft, daß er jetzt in der CSU ist, weil er ihm da gleich ein paar "Insidersachen" liefern und am besten überhaupt regelmäßig sämtliche "Internas" stecken müsse, für die Klatschseite und auch so. Da ist dem Jackie die ganze Sache noch unheimlicher geworden. Dann ist der Hubsi aufgetaucht und hat gemeint, er solle sich nicht so aufregen, weil das in ganz Bayern vollkommen normal und üblich sei und ohne Bezahlung wahrscheinlich in der ganzen CSU bloß noch dreizehn Leute wären. Sogar der Gauweiler, das wisse er aus sicherer Quelle, habe sich damals bloß aus Rache in die Partei hineinkaufen lassen, weil er unglücklich in eine Kommunistenstudentin verliebt gewesen ist, von den anderen Typen ganz zu schweigen, oder ob er vielleicht glaube, daß so jemand wie der Kiesl, der Tandler und der Protzner ohne gekauftes Stimmvieh jemals auch nur in den Bezirksausschuß von Hinterhuglhapfing hineingekommen wäre. Und wenn sich der Jackie ein bißchen anstrenge und geschickt investiere, dann sei er in Nullkommanichts Ministerpräsident oder Eurokommissar oder was es da sonst alles gibt und auf jeden Fall stinkreich und bei jedem Dreh dabei, wofür er ansonsten eine Strauß-, Siemens- oder Stoibertochter heiraten müßte, was aber sowieso nicht gehe, weil die alle schon verkauft seien.

Der dicke Kerl hat gesagt, wo er jetzt in einer solchen Position sei, könne ihm der Jackie doch gleich mal die Freiluftkino-Lizenz für sämtliche Münchner Bäder und Eventstätten besorgen, da kriege er auch ein paar Prozent ab. Und diesem komischen Staatsanwalt, der ihn seit Jahren wegen so Steuer- und Betrugskram nerve, dem solle er mal ordentlich Feuer unterm Arsch machen, und wozu man schließlich Freunde habe.

Der Jackie ist dann zu der Kandidatenwahl in einem Wirtshaus im tiefsten Untergiesing tatsächlich hingegangen, weil er sich verpflichtet gefühlt und gedacht hat, vielleicht springt ja noch einmal ein Hunderter heraus. Aber gleich an der Tür hat ein Mann mit riesiger Bierwampe hinter dem Charivari zu ihm gesagt, man brauche hier keine ausgeflippten Discokommunisten und wenn er sich nicht schleiche, kriege er eine Watschen, daß er vierzehn Tage im Kreis herumlaufe, und weil der Jackie halt nicht nur pflichtbewußt und sowieso unpolitisch, sondern auch ein bißchen schreckhaft ist, hat er seine Tätigkeit im Dienste der Partei im selben Moment schlagartig niedergelegt und ist lieber woanders hingegangen.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer