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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

FOLGENREICHE VORSICHT

m nichts in der Welt kann sich die alte Frau Reibeis erklären, wie es geschehen konnte, daß sie vor Gericht stehen muß, wo sie doch niemandem etwas getan oder auch nur habe tun wollen und eigentlich das Opfer, keinesfalls aber eine Verbrecherin sei.

Der Richter sieht sie begütigend an; das rigorose, wiewohl aufgrund ihrer geringfügigen Körpergröße doch auch klägliche Auftreten der alten Frau rührt ihn ein wenig. Gleichwohl muß er sie belehren, es lägen nicht etwa nur eine, sondern eine ganze Reihe von Anzeigen gegen sie vor. Mit einer Beleidigung gehe es los, unterlassene Hilfeleistung komme hinzu, die Ruhestörung sei vielleicht läßlich, aber ganz bestimmt nicht die Körperverletzung, zumal sich diese auf einen Beamten im Dienst beziehe.

Das seien alles üble Nachreden, sagt Frau Reibeis höflich, aber bestimmt. Beleidigt habe sie niemanden, aber sie könne es sich auch nicht gefallen lassen, wenn sie Tag um Tag alle zwei Stunden herausgeläutet werde, bloß weil schon wieder einer dieser Haderlumpen seine Reklamezettel in die Briefkästen stopfen müsse. Sie habe dem jungen Mann, um den es wohl gehe, zunächst klargemacht, daß es unhöflich sei, sich nach dem Öffnen der Haustür und dem Ausführen seiner aufgrund eindeutiger Aufkleber auf den Briefkästen sowieso nicht zulässigen Tätigkeit ohne ein weiteres Wort wieder davonzuschleichen. Der junge Mann habe nicht reagiert, sich statt dessen nun erst recht ohne ein weiteres Wort davonschleichen wollen, und da habe sie ihm lediglich erklärt, daß er ein Stoffel sei.

Ob ihr denn nicht aufgefallen sei, daß es sich um einen des Deutschen gar nicht mächtigen Ausländer gehandelt habe, fragt der Richter, und ob es denn wirklich beim Stoffel geblieben und nicht vielmehr noch der eine oder andere in der Anzeige aufgeführte Begriff gefallen sei. Davon wisse sie nichts, stellt Frau Reibeis fest. Die meisten dieser ungehörigen Wörter kenne sie gar nicht. Hingegen sei es natürlich grundsätzlich denkbar, daß sie in ihrem gerechten Zorn noch manches gesagt habe, was der junge Mann aufgrund seiner fehlenden Sprachmächtigkeit falsch verstanden habe; beleidigend sei dies aber nicht gemeint gewesen.

Eine Viertelstunde später habe es schon wieder geläutet, erzählt Frau Rebeis ungefragt weiter, und diesmal habe es ihr aber gereicht und sie habe gar nicht erst aufgemacht. Woher sie denn wissen hätte sollen, daß es diesmal kein Reklamemann ist, sondern die Frau Hammler, der direkt vor der Haustür der Schlüssel ins Kellergitter gefallen war! Und was gehe sie denn der ihre Schusseligkeit an? Um was für eine Person es sich dabei handle, sehe man doch schon daran, daß die statt einem Schlosser gleich die Polizei gerufen habe.

Ob sie nicht daran gedacht habe, daß sich die Zeugin Hammler vielleicht Sorgen macht, wenn sie, die doch sonst immer zu Hause sei, plötzlich die Tür nicht öffnet, fragt der Richter. Sorgen! Da müsse sie ja lachen, sagt Frau Reibeis. Wenn sich jemand sorgt, dann schimpft er doch nicht wie ein Rohrspatz herum und zeigt einen dann noch an! Frau Hammler, die am Ende des kleinen Saals sitzt und vor der Verhandlung schon daran gedacht hat, sich zu entschuldigen und die Anzeige zurückzuziehen (was jedoch absolut unmöglich sei, wie ihr ihr Mann erklärte), läuft schlagartig rot an und schreit, es habe doch nicht sie geschrien, sondern die Frau Reibeis selber, was der Polizist bestätigen könne (der neben ihr sitzt und peinlich berührt sein Gipsbein anschaut).

Sie habe den jungen Mann nicht körperverletzt, sagt Frau Reibeis, sondern ihm nur einen kleinen Stoß gegeben, woraufhin er über Frau Hammler gestolpert und die Treppe hinuntergefallen sei. Im übrigen könne man in diesen Zeiten, wo man jeden Tag schreckliche Geschichten von Trickbetrügern liest, wenn man jeden in die Wohnung lasse, der sich als Polizist ausgibt, seine Besitztümer auch gleich aus dem Fenster werfen. Und einen Dienstausweis könne jeder kleine Halunke fälschen, der ja meistens auch eine Pistole habe.

Der Richter ist versucht, Frau Reibeis zu fragen, wie sich ein echter Polizist ihrer Meinung nach denn dann kenntlich machen solle, aber da verspürt er wieder einen Anflug von Rührung, verzichtet auf weitere Vernehmungen und beschränkt das Strafmaß auf einen geringfügigen Geldbetrag, den Frau Reibeis (der nun doch ein Stein vom Herzen fällt) auch gerne zu zahlen bereit ist. Weil der Richter allerdings kein Bargeld annehmen will, muß sie ihren Geldbeutel wieder wegpacken, jedoch nicht, ohne vorher dem verletzten Polizisten ein kleines Schmerzensgeld zuzustecken, das dieser mit einem verschämten Lächeln quittiert.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer