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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

WOHNEN UND ARBEITEN

as eine Sozialkürzung ist, weiß POM Stanggradl als Polizist aus eigener schmerzlicher Erfahrung, und daß eine Sozialkürzung immer die trifft, die sowieso nichts oder kaum was haben, leuchtet ihm auch ein. Das liegt in der Natur der Sache, schließlich trifft ein Millionenraub ja auch nur jemanden, der eine Million hat.

Bei allem grundsätzlichen Verständnis sieht er sich aber nicht in der Lage, dem kürzlich infolge von Sozialkürzungen mittel- und obdachlos gewordenen Diplomingenieur Johann Scherr den nächtlichen Aufenthalt im Trambahnwartehäusl am Kurfürstenplatz zu gestatten, mag es auch noch so regnen und der reduzierte, mobile Hausstand des Diplomingenieurs (eine prall gefüllte Plastiktüte nebst drei Flaschen Bier und einer Zeitung) dadurch noch so in Mitleidenschaft gezogen werden. Das sei nun einmal, erklärt er dem Aufgegriffenen, verboten. Nicht umsonst seien ja die Trambahnwartehäusl in ganz München erst vor einiger Zeit mit ungeheurem Geldaufwand wind- und wasserdurchlässig gemacht worden: Ein attraktives Verkehrsunternehmen könne es sich nicht leisten, seine potentiellen Fahrkunden mit der Anwesenheit schlafender, traurig dreinblickender, ihr Schicksal bejammernder oder womöglich lautstark zechender Sozialopfer zu konfrontieren. Das wirke demotivierend und abstoßend und erhöhe das Defizit der Verkehrsgesellschaft, und, langer Rede kurzer Sinn, es sei, wie gesagt, nun einmal verboten.

Darum hat POM Stanggradl den im Wartehäusl nächtigenden Diplomingenieur freundlich, aber bestimmt aufgefordert, das Häusl zu verlassen. Wo er denn hinsolle, hat der Diplomingenieur gefragt. Das gehe ihn nichts an, hat Stanggradl geantwortet und eingedenk seines sozialen Gewissens hinzugefügt, es gebe für Fälle dieser Art ein Nachtasyl. Das, hat der Ingenieur gesagt, sei seit der letzten Sozialkürzung hoffnungslos überfüllt, zudem mit zwielichtigem Gesindel, das einander rücksichtslos bestehle, und außerdem liege es am anderen Ende der Stadt, wo er mangels ausreichenden Geldbesitzes für die sauteure Fahrkarte sowieso nicht hingelangen könne. Unter einer Isarbrücke zu übernachten, sei bei den derzeitigen Wetterverhältnissen wegen höchster Ertrinkungsgefahr ausgeschlossen, und wenn er es recht überlege, stehe das Wartehäusl auf städtischem Grund und Boden, der ihm als Bürger der Stadt und zumindest ehemaligem Steuerzahler genauso gehöre wie irgendeiner dahergelaufenen Verkehrsgesellschaft. Zusammengefaßt: Er bleibe da. Dann, sagt Stanggradl, müsse er ihn leider festnehmen. Dies nun möchte der Diplomingenieur gerne vermeiden, daher gibt er nach, packt seine Sachen und marschiert davon in den Regen.

Eine halbe Stunde später begibt sich POM Stanggradl mit seinem Streifenwagen und dem jungen Kollegen Fesl in die obere Hohenzollernstraße. Die Mitarbeiter einer Reklamefirma haben telephonisch eine Bedrohungssituation gemeldet: In der Durchfahrt ihres Hauses sitze ein Mann im Dunkeln, trinke Bier und äußere sich in einschüchternder Weise. Es handelt sich, wie Stanggradl feststellt, um den Diplomingenieur Scherr, der nun hier vor dem immer noch strömenden Regen Zuflucht gesucht hat und energisch darauf hinweist, er tue niemandem etwas zuleide, dies könne sich aber bei Bedarf eines Tages durchaus ändern, wenn das so weitergehe.

Die Mitarbeiter der Reklamefirma fordern sofortige Entfernung des Subjekts; die nächtliche Mehrarbeit am Sonntag, für die sie ohnehin keinen Lohnausgleich bekämen, sei ihnen sonst nicht zumutbar, da das Gegröle die Kreativität hemme. "Lohnausgleich!" brüllt der angetrunkene Diplomingenieur, aha, so nenne man das jetzt. Man dürfe also neuerdings froh sein, wenn man für seine Arbeit überhaupt noch Geld bekomme und ansonsten aber trotzdem arbeiten, und zwar in einer ehemals ordnungsgemäß bewohnten Schwabinger Altbauwohnung, damit man nachts nicht auf der Straße sitzen müsse. Das seien ja feine Zustände, und ob diese Büffelherde von dummen Deppen schon einmal gehört habe, wie man Arbeit ohne Bezahlung nenne? Nämlich sei das Sklaverei und in jeder Hinsicht ein Bruch des Menschenrechts!

Um weitere Kalamitäten zu vermeiden und weil die Rechtslage in puncto Defaitismus auch nach Anfrage bei der Einsatzleitstelle verschwommen bleibt, erteilt POM Stanggradl dem obdachlosen Aufrührer die Ausnahmegenehmigung, im Trambahnwartehäusl am Kurfürstenplatz zu nächtigen. Schließlich, stellt er fest, sei das Arbeiten am späten Sonntagabend nicht verboten, auch nicht ohne Bezahlung, und verboten sei es ebenfalls nicht, andere am Arbeiten ohne Lohn zu hindern; hinwiederum sei es zwar grundsätzlich verboten, im Trambahnwartehäusl zu nächtigen, dies falle aber nicht weiter auf, und da er aufgrund von Personalkürzungen sowieso eine Doppelschicht schieben müsse, könne er den Diplomingenieur ja frühmorgens rechtzeitig wecken, und dies sei in seinen Augen jedenfalls die einfachste Lösung.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer