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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

EIN SPRACHWÄCHTER

as Anliegen des älteren Herrn, der mit energischem Schwung seines Regenschirms die Buchhandlung Hilwek und Schide betreten hat, ist ungewöhnlich, aber simpel: Er habe zu Weihnachten ein Buch geschenkt bekommen, das er hiermit zurückzugebe, weil es erstens schlecht sei. Der sogenannte "Roman" enthalte im Grunde nur Geschwafel über nichtige Befindlichkeiten, das er nicht in seiner Wohnung aufzubewahren gedenke, weil er für derlei keine Verwendung habe.

Er könne doch, meint die Buchhändlerin freundlich und bemüht, nachdem sie das Buch eine Zeitlang wortlos betrachtet hat - der Buchrücken weist einen Winkel von 45 Grad auf, der Rand fast jeder Seite ist mit handschriftlichen Anmerkungen wie "Unfug!" und "Wozu wird so etwas niedergeschrieben!" versehen -, ein Buch in einem solchen Zustand nicht zurückgeben. Das könne man ja guten Gewissens niemandem mehr verkaufen. Solle man auch nicht, sagt der ältere Herr. Deshalb gebe er es ja zurück. Im übrigen sei das Buch sowieso fehlerhaft und müsse schon daher aus dem Verkehr gezogen werden. Es stehe da allüberall "oder" statt "und", "hätte" statt "habe", "habe" statt "hätte", "sei" statt "wäre", "wäre" statt "sei" und dergleichen mehr - der Verfasser habe offenbar vom deutschen Konjunktiv noch nie etwas gehört, zu schweigen von Bindestrich und Komma, und auch sonst in der Grundschule nicht viel mitbekommen. Zwar lese man derartigen Mist inzwischen in jeder Zeitung, eine solche nehme er aber aus Prinzip nicht zur Hand, weil ihm seine Zeit zu schade sei. Er wolle den Verkaufspreis zurückerstattet haben, um ihn mit dem vorausgesetzten Einverständnis des Schenkers, den er bereits informiert habe, einer sinnvolleren Verwendung zuzuführen.

Ob er das Buch vielleicht gegen ein anderes umtauschen wolle, schlägt die Buchhändlerin zur Güte vor. Nach einigem Zögern sagt der ältere Herr "Hm!", nähert sich einem Regal, zieht einen Band heraus und schlägt ihn auf. "'Er sah aus'", liest er vor, "'als habe er ...' - Da geht das ja schon wieder los! Auch dieses Buch gebe ich zurück!" Den Hinweis, er habe es noch gar nicht erworben, wischt er mit einer Handbewegung beiseite, knallt den Band auf den Verkaufstresen, sagt "Remittieren!" und unterzieht unter Zuhilfenahme einer Trittleiter den Warenbestand der Buchhandlung einer weiteren Inspektion. "'Er sagte, er wäre!' - 'das Geräusch jeden Schritts!' - 'Es war, als wenn!' - 'Sie versicherte, daß ihm die Brille gut stehen würde!' - 'entgegen ihrer Ansichten!' - Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt!"

Einer jungen Kundin, die sich mit einem grellbunten Kriminalroman der Kasse nähert, stellt er sich mit einem lauten "Moment!" in den Weg und nimmt ihr das Buch aus der Hand: "Da! und da! und da: auch dieses Produkt ist fehlerhaft." Vorsichtig steigt er über den Bücherberg, den er in der Mitte der Buchhandlung aufgehäuft hat, und bittet die in ratloser Lähmung mit entsetztem Blick dabeistehende Buchhändlerin, schon mal eine große Kiste bereitzustellen.

Der Pizzabote, wird man später sagen, habe sich nicht viel dabei gedacht, als er in diesem Moment den Buchladen betreten und gerufen hat: "Ich hätte hier zweimal Quattro Stagioni!", um nach einem kurzen Innehalten hinzuzufügen, das sehe ja aus, "als wenn der Blitz eingeschlagen hat". Um so mehr Zeit zum Nachdenken bleibt ihm hinterher, während er im Schwabinger Krankenhaus, wo man kaum glauben wollte, daß derartige Verletzungen von einem einfachen Regenschirm herrühren, ebendiese auskuriert.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer