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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

AUSBLICKE

eit gut vierzehn Tagen findet Herr Hammler, wenn er von seinem Spaziergang zurückkehrt, seine Frau jedesmal mit hochrotem Kopf am Fensterbrett vor, zitternd vor Aufregung, ziemlich verrenkt und, wenn es die Witterung zuläßt, gefährlich weit zum Fenster hinausgehängt. Nicht daß es ihn was anginge, hat er die ersten Tage gedacht, aber schließlich faßt er sich ein Herz und fragt, was es denn da Besonderes zu sehen gebe.

Es sei unerhört, erklärt Frau Hammler: In die Wohnung von der armen Frau Scheller, der man den unehelichen "Bekannten" als Tagelöhner nach Cottbus verhartzt habe und die in letzter Zeit deswegen nicht mehr ein und aus gewußt und außer Trinken ja kaum mehr etwas getan habe und jetzt in so einen Silo am Mittleren Ring ziehen habe müssen, weil sie kein Wohngeld mehr bekomme - Herr Hammler führt kurbelnde Handbewegungen durch, um den Stand der Geschichte schneller in die Gegenwart zu bringen - jedenfalls in diese Wohnung sei ein Paar eingezogen, dem offenbar den ganzen Tag nichts besseres einfalle, als bei Festbeleuchtung Dinge zu tun, von denen sie überhaupt nur wisse, was es sei, weil ihr als kleines Mädchen einmal ein komischer Kaplan heimlich den Kamasutra gezeigt habe. Und weil die Wohnung gegenüber und zwei Stockwerke tiefer liege und diese modernen Leute natürlich keine Vorhänge an die Fenster hängen, müsse man sich diesen Spektakel den ganzen Tag lang bieten lassen. Das, finde sie, gehe entschieden zu weit. Schließlich habe man als Nachbar ein Recht auf eine Privatsphäre und wohne nicht in einem Rotlichtviertel.

Sie solle halt in Gottes Namen nicht hinausschauen, oder wenigstens in eine andere Richtung, seufzt Herr Hammler und schlägt die Zeitung auf, doch seine Frau ist nicht zu beruhigen. Seine Wurstigkeit sei mal wieder typisch, aber sie lasse sich so etwas nicht bieten, sondern gehe jetzt hinüber und blase diesem unanständigen Geschwerl den Marsch. Als Herr Hammler den Mund aufbringt, um sie darauf hinzuweisen, daß sie in Küchenschürze und Filzpantoffeln unterwegs ist, ist es schon zu spät.

Eine gute Stunde lang beherrscht er sich, um nicht selber aus dem Fenster zu sehen, dann kehrt Frau Hammler zurück - strahlend und bester Laune. Es handle sich, sprudelt sie los, bei den Zugezogenen um ein enorm berühmtes Schauspielerpaar, das sie selbst jede Woche in einer Vorabendserie sehe und wahrscheinlich bloß aufgrund der ungünstigen Lichtverhältnisse nicht gleich erkannt habe und das übrigens fürchterlich nett sei und ihr ohne weiteres ein Autogramm gegeben habe. Das, sagt Herr Hammler, erkläre natürlich alles, auch die Sittenlosigkeit häuslichen Verhaltens. Man dürfe, bescheidet ihn seine Frau, das nicht so eng sehen; schließlich seien das Künstler, die hätten nun einmal andere Bedürfnisse als so ordinäre Leute wie er, der sich im übrigen ja auch alles mögliche im Fernsehen anschaue, ohne sich je zu schämen, und schließlich müsse man froh sein, so prominente Menschen als Nachbarn zu haben.

Also hängt Frau Hammler auch weiterhin am oder aus dem Fenster, mit dem Unterschied, daß sie nun von Zeit zu Zeit heftig winkt und bei jeder Unterbrechung der Beobachtungsarbeit ein strahlendes Gesicht zur Schau trägt, was ihr Mann, auf die Unstetigkeit künstlerischer Lebensplanungen hoffend, mit einem gelegentlichen diskreten Kopfschütteln, ansonsten aber stumm und geduldig hinnimmt.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer