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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

RÄTSELHAFTES BRUMMEN

rau Hammler kann seit Tagen nicht mehr schlafen, weil sie einen geheimnisvollen Brummton hört. Das sei nichts neues, sagt ihr Mann, er kenne sie, speziell morgens, nur brummig, aber für Scherze dieser Art ist Frau Hammler derzeit noch weniger empfänglich als sonst. Vielleicht komme das vom U-Bahn-Bau, mutmaßt sie. Eine U-Bahn werde derzeit nicht gebaut, sagt ihr Mann, wenigstens nicht in Schwabing, da passe gar keine mehr hinein. Dann eben einer von diesen Tunnels, insistiert sie, die die CSU durch ganz Bayern graben wolle. Blödsinn, sagt Herr Hammler. Aber der Brummton bleibt: Zu unvorhersehbaren Zeiten beginnt er plötzlich, und dann steht Frau Hammler am Fenster, drückt sich mit beiden Händen den Kopf zusammen und sieht entrückt und sehr leidend aus. Nachts wälzt sie sich im Bett und stöhnt, und ihr Mann stöhnt auch, obwohl er keinen Brummton hört und vielmehr einen chronischen Hitzschlag oder etwas typisch Weibliches vermutet.

Frau Reitinger hat Frau Hammler erzählt, sie selber höre zwar keinen Brummton, von einem solchen seien aber in Schwaben tausende von Menschen betroffen, und es sei gewissermaßen erwiesen, daß es sich dabei um Außerirdische handle. Außerirdische gebe es überhaupt nicht, sagt Herr Hammler, außer denen, die vom Mond zurückkommen, und das seien ganz normale Leute, die schwitzen, in Tüten biseln und Tubenzeug essen, aber ganz bestimmt keinen Brummton absondern, den man noch in Schwabing hören kann. Seine Frau ist nicht überzeugt. Es werde sowieso alles immer verrückter; erst neulich habe ihr der kleine Fritzi aus dem dritten Stock erklärt, er werde sich jetzt, wo so was erlaubt sei, klonen lassen, weil er dann nicht mehr selber in die Schule gehen muß, sondern zum Baden fahren kann. Im Radio höre sie auch immer so merkwürdige Botschaften, und wenn dann noch der Brummton komme, möchte sie sich am liebsten nackt ausziehen und auf die Straße rennen, weil sie nicht mehr aus noch ein wisse. Er werde noch wahnsinnig, brüllt Herr Hammler. Es sei doch nicht zu fassen, daß sie ihm mit Gewalt seinen Sommer ruinieren müsse! Im Radio ertöne keine Botschaft, sondern Musik, die sich halt geändert habe in den letzten dreißig Jahren; der saudumme Fritzi werde jedes Jahr depperter, und sie sei schon so weit, daß sie sich von Kindern Märchen erzählen lasse und den Mist auch noch glaube, und jetzt gehe er sofort zum Stammtisch.

Das solle er ruhig tun, brüllt Frau Hammler zurück. Er werde schon sehen, wo er hingerate, wenn er sich in Zeiten, wo das Klima tropisch werde und man ständig mit vierzig Grad und einem Torrago rechnen müsse, mittags schon besaufe. "Das heißt Tornado!" schreit Herr Hammler außer sich und schaltet den Fernseher an, in dem eine Talkshow mit Menschen läuft, die unerklärliche Geräusche hören. Sie solle halt beim Fernsehen anrufen, um sich vollends lächerlich zu machen! Dann beendet er die Diskussion, indem er in einem dringend nötigen, tiefen Mittagsschlaf fällt.

Frau Hammler, die so etwas ansonsten nie tun würde, ruft tatsächlich beim Fernsehen an. Dort erklärt ihr eine flotte Frauenstimme, das Thema Brummton sei "durch", und ob sie nicht vielleicht eine homoerotische Sexbeziehung mit einem Haustier oder so etwas vorzuweisen habe. Entsetzt legt Frau Hammler auf, läßt sich aufs Bett fallen, stöhnt und möchte am liebsten schreien, tut es aber nicht, weil in diesem Moment der Brummton wieder anschwillt und sie diesen schon aus Beweisgründen nicht verpassen darf.

Vielleicht ist sie inzwischen so daran gewöhnt, vielleicht ist auch der Schlafmangel übermächtig geworden; jedenfalls schläft sie nicht nur ein, sondern durch, und zwar bis zum nächsten Vormittag. Nachdem sie erwacht ist, dauert es eine ganze Weile, bis ihr auffällt, daß sich etwas verändert hat: Der Brummton ist verstummt und kehrt auch nicht wieder. Es wird noch länger dauern, bis sie in der Küchenschublade das Rührgerät findet, das ihr jemand zu Weihnachten geschenkt, das sie aber nie benützt hat, weil der Schneebesen praktischer ist. Wie es geschehen konnte, daß es sich von selbst eingeschaltet hat, ist ihr egal, denn jetzt sind die Batterien jedenfalls leer, und daß Frau Hammler ab und zu trotzdem noch über einen Brummton klagt, liegt daran, daß sie sich doch ein bißchen schämt.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer