zurück zur Krawall-Hauptseite
 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

EISIGES RISIKO

eit Herrn Hammler direkt vor dem Haus ein Eiszapfen von der Größe eines gentechnisch optimierten Import-Radi auf den Kopf gefallen ist und ihm neben einer ziemlichen Schramme wohl auch eine leichte Gehirnerschütterung zugefügt hat, war er nicht mehr aus dem Haus. Das sei lebensgefährlich und erst dann wieder zu verantworten, hat er verkündet, wenn er herausgefunden habe, wer für den entstandenen und einen eventuellen neuen Schaden an Leib und Leben aufkomme. Statt dessen sitzt Herr Hammler die meiste Zeit am Küchentisch, von wo aus er einen günstigen Blick auf die gegenüberliegende Dachrinne hat.

"Das ist vielleicht ein Bolide! Der hält nicht mehr lang, und dann - Sakrament!" sagt er begeistert zu seiner Frau, die vom Einkaufen kommt und kopfschüttelnd zwei schwere Taschen in die Küche trägt. Ob er nicht wenigstens einmal einen Spaziergang machen wolle, fragt sie. Er sei ja nicht von allen guten Geistern verlassen, entgegnet Herr Hammler, weil ... er unterbricht sich, weil draußen ein lauter Schrei ertönt, öffnet das Fenster, beugt sich hinaus, starrt eine Weile hinunter und teilt dann seiner Frau mit, er habe es sich überlegt und werde doch ein bißchen frische Luft schnappen.

Als er mit vorsichtigen Tapsschritten die letzte Biegung des glitschigen Treppenhauses nimmt, öffnet sich die Haustür, und zwei Männer tragen Herrn Reithofer herein, der stöhnt und sehr schmutzig ist. Ob er den Herrn kenne, fragt einer der beiden Männer und zeigt Herrn Hammler ein Stück Pappendeckel, auf dem steht: "Obacht Dachlerfine!"

Herr Hammler identifiziert Herrn Reithofer und erfährt, daß dieser zwei Häuser weiter auf dem Pappendeckel ausgerutscht sei, worauf es ihn dermaßen hingehaut habe, daß wohl mindestens mit einer Steißbeinprellung gerechnet werden müsse. Das dürfe er sich nicht gefallen lassen, schärft Herr Hammler dem immer noch schmerzverzerrten Herrn Reithofer ein. Er müsse den Verwalter des Unglückshauses verklagen, weil der erstens für die Beseitigung von Dachlawinen zu sorgen und zweitens, wenn schon, dann aber jedenfalls in deutscher Sprache zu warnen habe. Und dann strenge man am besten gleich noch eine Sammelklage gegen die Stadt München an, weil die nicht dafür sorge, daß genügend Kies gestreut werde.

Das sei ihm alles egal, stöhnt Herr Reithofer, er wolle bloß seine Ruhe. Schließlich habe er ja noch Glück gehabt im Vergleich zu seinem Kollegen, dem Herrn Gerb, den es vor ein paar Wochen in eine vom Regen aufgeweichte und herabgewaschene Plakatwand hineingeschmissen habe. Dabei habe er sich dermaßen mit Leim eingeschmiert, daß es ihm erst nach Stunden gelungen sei, sich wieder zu erheben. Auf dem Heimweg habe ihn dann noch ein Kind mit seinem Schlitten erwischt und ihm Schien- und Jochbein gebrochen. "Ein klassischer Fall von Dritt- bzw. Vierthaftung", stellt Herr Hammler fest, und damit lange nicht so schlimm wie Geschichte mit seinem Schwager, dem vor vierzehn Tagen beim Holzhacken im Keller die Axtschneide vom Stiel geflogen sei und ihn aufgrund eines unglücklichen Abprallwinkel am Kellergewölbe so heftig an der Schulter verletzt habe, daß er sich eine Gasheizung habe einbauen lassen müssen. Der müsse selbst für die gestiegenen Heizkosten aufkommen. Oder erfrieren.

Ach ja, seufzt Herr Reithofer, den man mittlerweile auf seinem Sofa abgelegt hat. Es sei eben der Winter generell eine riskante Zeit, aber entfliehen könne man ihm nun einmal nicht, außer man mache fünf Monate Urlaub auf den Malediven.

"Und dann", sagt Herr Hammler, "können Sie immer noch mit dem Flugzeug abstürzen oder beim Tauchen ertrinken. Bis Sie da Ihr Geld wiederhaben, vergehen Jahre!"


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer