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EISIGES RISIKO "Das ist vielleicht ein Bolide! Der hält nicht mehr lang, und dann - Sakrament!" sagt er begeistert zu seiner Frau, die vom Einkaufen kommt und kopfschüttelnd zwei schwere Taschen in die Küche trägt. Ob er nicht wenigstens einmal einen Spaziergang machen wolle, fragt sie. Er sei ja nicht von allen guten Geistern verlassen, entgegnet Herr Hammler, weil ... er unterbricht sich, weil draußen ein lauter Schrei ertönt, öffnet das Fenster, beugt sich hinaus, starrt eine Weile hinunter und teilt dann seiner Frau mit, er habe es sich überlegt und werde doch ein bißchen frische Luft schnappen. Als er mit vorsichtigen Tapsschritten die letzte Biegung des glitschigen Treppenhauses nimmt, öffnet sich die Haustür, und zwei Männer tragen Herrn Reithofer herein, der stöhnt und sehr schmutzig ist. Ob er den Herrn kenne, fragt einer der beiden Männer und zeigt Herrn Hammler ein Stück Pappendeckel, auf dem steht: "Obacht Dachlerfine!" Herr Hammler identifiziert Herrn Reithofer und erfährt, daß dieser zwei Häuser weiter auf dem Pappendeckel ausgerutscht sei, worauf es ihn dermaßen hingehaut habe, daß wohl mindestens mit einer Steißbeinprellung gerechnet werden müsse. Das dürfe er sich nicht gefallen lassen, schärft Herr Hammler dem immer noch schmerzverzerrten Herrn Reithofer ein. Er müsse den Verwalter des Unglückshauses verklagen, weil der erstens für die Beseitigung von Dachlawinen zu sorgen und zweitens, wenn schon, dann aber jedenfalls in deutscher Sprache zu warnen habe. Und dann strenge man am besten gleich noch eine Sammelklage gegen die Stadt München an, weil die nicht dafür sorge, daß genügend Kies gestreut werde. Das sei ihm alles egal, stöhnt Herr Reithofer, er wolle bloß seine Ruhe. Schließlich habe er ja noch Glück gehabt im Vergleich zu seinem Kollegen, dem Herrn Gerb, den es vor ein paar Wochen in eine vom Regen aufgeweichte und herabgewaschene Plakatwand hineingeschmissen habe. Dabei habe er sich dermaßen mit Leim eingeschmiert, daß es ihm erst nach Stunden gelungen sei, sich wieder zu erheben. Auf dem Heimweg habe ihn dann noch ein Kind mit seinem Schlitten erwischt und ihm Schien- und Jochbein gebrochen. "Ein klassischer Fall von Dritt- bzw. Vierthaftung", stellt Herr Hammler fest, und damit lange nicht so schlimm wie Geschichte mit seinem Schwager, dem vor vierzehn Tagen beim Holzhacken im Keller die Axtschneide vom Stiel geflogen sei und ihn aufgrund eines unglücklichen Abprallwinkel am Kellergewölbe so heftig an der Schulter verletzt habe, daß er sich eine Gasheizung habe einbauen lassen müssen. Der müsse selbst für die gestiegenen Heizkosten aufkommen. Oder erfrieren. Ach ja, seufzt Herr Reithofer, den man mittlerweile auf seinem Sofa abgelegt hat. Es sei eben der Winter generell eine riskante Zeit, aber entfliehen könne man ihm nun einmal nicht, außer man mache fünf Monate Urlaub auf den Malediven. "Und dann", sagt Herr Hammler, "können Sie immer noch mit dem Flugzeug abstürzen oder beim Tauchen ertrinken. Bis Sie da Ihr Geld wiederhaben, vergehen Jahre!" e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer |
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