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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

VERHEIZT

eil es ihm reicht mit den Gaswerken, die jedes Jahr den Preis verdoppeln, und weil ihm "Fernwärme" schon als Wort nicht gefällt und er sich mit Schaudern daran erinnert, wie er letzten Winter den unleidlichen Onkel Adolf mit der ganzen Sippe aus Freimann vier Tage lang auf dem Hals hatte, weil ein Bagger irgendwo hineingebaggert und dadurch ausgerechnet während der Kältewelle sämtliche Anschlüsse eben dieser Fernwärme östlich der Situlistraße außer Kraft gesetzt hatte, - darum hat Herr Reithofer beschlossen, sich nicht länger auf der Nase herumtanzen zu lassen, sondern den alten Kohlenofen im Wohnzimmer, der seit 1967 bloß noch als Abstellfläche für Blumenvasen dient, wieder in Betrieb zu nehmen.

Seine Frau war anfangs skeptisch; schließlich gebe es in ganz Schwabing keinen Kohlenlieferanten mehr, ausreichende Mengen Holz seien schwer zu beschaffen und noch schwieriger zu lagern, und außerdem solle er zuvor zumindest den Bezirkskaminkehrermeister anrufen und fragen, ob das überhaupt legal ist. Das hat Herr Reithofer getan und erfahren, daß es dem Kaminkehrer und dem Gesetzgeber wurst ist, mit was er heizt, solange er keinen offenen Kamin benützt und keine alten Socken und Preßspanplatten verheizt. Also hat Herr Reithofer den Gashahn abgedreht, den Firlefanz vom Ofen entfernt und beschlossen, den freien Allerheiligentag zu nutzen, um im Luitpoldpark nach Heizmaterial zu suchen.

Das erweist sich als schwierig. Was an Holz herumliegt, ist naß, moosig, faulig, schleimig, von Pilzen bewachsen, von Hunden angefieselt, sogar (wessen Herr Reithofer mit eigenen Augen Zeuge wird) vollgeseicht und bekotet oder überhaupt kein Holz, sondern verrotteter Müll. Zu allem Überfluß muß sich Herr Reithofer von Kindern bestaunen ("Mama, warum sammelt der Mann Hundescheiße?"), von Hundehaltern, Eichkätzchen und Krähen beschimpfen und von einem Parkgärtner dahingehend belehren lassen, daß es nicht gestattet sei, von lebendigen Bäumen Äste abzureißen. Demoralisiert macht er sich mit drei halbfeuchten Stöcken auf den Heimweg, quetscht sich zwischen den Möbelwagen, die wie alle vierzehn Tage die Straße blockieren, hindurch, ignoriert den zufällig des Weges kommenden Herrn Hammler und dessen Frage, ob er Schwammerl zu züchten gedenke, - und findet direkt vor der eigenen Haustür einen Haufen Altbretter, die er flugs in den Keller verschafft, in handliche Trümmer zersägt und ordentlich aufschichtet. Mit einem Stoß Scheitern unter dem Arm und einem schweren Triumphgrinsen im Gesicht stapft er in die Wohnung hinauf, postiert sich vor dem Ofen und widmet sich die nächsten zwei Stunden hingebungsvoll und fröhlich pfeifend der Tätigkeit des Einschürens - bis er von seiner Frau gestört wird: Ob er das ganze Haus in eine Sauna verwandeln wolle, fragt sie, und ob er das Läuten an der Tür nicht gehört habe, vor der ein Herr stehe, der etwas mit ihm besprechen wolle.

Der Herr, ein Mann mittleren Alters in feinem Anzug, erklärt, er sei gerade aus Hannover angelangt, um in dieses Haus einzuziehen, und ob Herr Reithofer als offenbar einzig anwesender Mieter vielleicht mitbekommen habe, welcher der asozialen Umzugsunternehmer diebischerweise seinen erst vor zwei Wochen erworbenen friesischen Bauernschrank aus dem Spätmittelalter eingepackt und mitgenommen habe.

Einen Moment lang ist Herr Reithofer sprachlos, dann erklärt er, er habe durchaus gar nichts gesehen, weil er mit Einheizen beschäftigt sei, wobei man ihn auch bitteschön nicht stören möge, und man lasse aber auch kein antikes Gerümpel auf der Straße herumstehen, um sich dann womöglich noch zu beschweren, wenn es ordnungsgemäß im Sperrmüll lande, und im übrigen gehe ihn das alles gar nichts an und seiner Meinung bleibe sowieso jeder am besten dort, wo er herkomme, dann gebe es auch keine Mißverständnisse.

Nun ist der Herr aus Hannover sprachlos, und er bleibt es auch in der Folgezeit, wenn er Herrn Reithofer zufällig im Treppenhaus begegnet, was nicht oft vorkommt, denn schon als zum nächsten Monatswechsel die Umzugswagen vorfahren, trägt er die Reste seines Mobiliars wieder aus dem Haus und verzieht unbekannt.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer