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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

VERDRAHTET

egen ein neues Fahrrad hätte Herr Reithofer eigentlich nichts einzuwenden gehabt. So etwas ist eine sinnreiche Anschaffung, wenn man fünf Hosen an der rostigen Klapperkette ruiniert und den Gepäckträgerbügel samt Feder abgerissen hat, schon dreimal mit dem Gesicht erst auf die Lenkstangenhalterung und dann in den Kies geflogen ist, weil die Schraube sich weder auf- noch zudrehen mehr läßt, wenn der alte Ledersattel aussieht wie ein Eichkätzchen, das vor fünf Jahren von einem Sattelschlepper überfahren worden ist, und überhaupt das alte "Brandenburg" noch aus einer Zeit herstammt, als man mit Karbid leuchtete und bis vor kurzem einen König resp. Kaiser gehabt hatte.

Und wenn zu allem Überfluß die jährliche Brauereiwanderung durch die Fränkische Schweiz ansteht, zu der Herr Reithofer traditionell vom Ebermannstädter Bahnhof her anzuradeln pflegt - fluchend, schwitzend, quietschend (die Sattelfederung), aber hochzufrieden, sich wieder einmal eine Busfahrkarte gespart und dazu noch ein paar schöne Minzblätter am Wegesrand gefunden zu haben, was ihm in den letzten Jahren immer öfter passiert, weil seine velozipedischen Möglichkeiten inzwischen kaum mehr für einen kleinen Buckel, geschweige denn eine echte Steigung ausreichen.

Aber es hat halt alles seine Grenzen: Wulstige Schweißnähte sind inakzeptable Substitute für die gewohnten Rohrgestecke, Leichtmetall geht sowieso nicht ("Ich setzte mich nicht auf einen Haufen Aluminiumfolie!"), und ein Gelee gehört auf den Pfannkuchen, aber nicht in einen Sattel hinein. Der Fahrradhändler ist am Verzweifeln: Herr Reithofer könne doch, sagt er nach halbstündigem verbalem Rückzugsgefecht mit einem Gesicht wie Präsident Auer am Tag des Abstiegs, die Errungenschaften moderner Technik nicht ignorieren. Das könne er wohl, sagt Herr Reithofer bestimmt. In Paris breche der Flughafen auseinander, am Starnberger See zerbrösle es die nagelneuen Millionenschiffe, auf den Autobahnen rasten entfesselte Elektronikmonster mit plötzlich außer Kraft gesetzten Computerbremsen herum, allüberall reiße man die Vierkantbolzen aus Aluminiumfolie und Asbest ab, um sie andernorts wieder aufzubauen und nach fünf Jahren erneut abzureißen, selbst die Weltraumstationen, die Zukunft an sich, seien bloß mehr Schrott - da lasse er sich doch nicht zwingen, seine Gesundheit und sein Leben einem Modegestänge anzuvertrauen.

Das läßt er am Ende doch (denn das einzige Fahrrad, das ihm äußerlich entgegenkäme, trägt zu der Bezeichnung "Nostalgic" einen entsprechenden Preis). Das neue Rad ist dann auch recht vorzüglich gefahren, sehr zügig sogar, und daß Herr Reithofer beim Fahren außer seinem Vorderrad wenig gesehen hat, weil man sich auf diese neuen Räder draufbuckeln muß wie beim Bodenschrubben, das war ihm vorderhand einerlei, schließlich gibt es auf der Schleißheimer Straße sowieso nichts Erfreuliches zu sehen. Dann ist er aber in eine Seitenstraße eingebogen, die eine Einbahnstraße ist, und da hätte er das Schild und den entgegenkommenden Wagen im Nachhinein doch ganz gerne gesehen. Letzterer nämlich machte keine Anstalten, dem kurven- und beschleunigungsbedingt schlingernden Herrn Reithofer auszuweichen (was er, da es sich um ein sogenanntes "Sportnutzfahrzeug" handelte, in der kaum vier Meter breiten Straße auch gar nicht geschafft hätte), sondern fuhr mitten in Herrn Reithofer hinein, schmiß ihn vom Rad und ließ sodann lautlos das Seitenfenster heruntergleiten, aus dem der kahlrasierte Fahrer hinausbellte: "Sie gefährden sich und andere!"

Da waren Herrn Reithofer die Schweißnähte ebenso egal wie die Investition, der Lauf der Welten und überhaupt alles, weil er sich (wahrscheinlich; er kann sich nicht erinnern) gesagt hat: Wenn einem schon einmal der Kragen platzt, dann muß man ihn platzen lassen; und ein Leichtmetallgestänge hat immerhin den Vorteil, daß es sich viel besser als Wurf- und Schlagwerkzeug eignet als ein zentnerschwerer Drahtesel aus der Vorkriegszeit. Dummerweise ist Herr Reithofer bei dem Versuch, das derangierte Neugerät solcherart einzusetzen, mit dem linken Mittelfinger im Gabelschaftrohr hängengeblieben, gestolpert und in den verbogenen Rahmen hineingefallen, der sich dabei gewissermaßen um ihn herum gewickelt und ihn jeglicher zielgerichteten Bewegungsfähigkeit beraubt hat, woraufhin er als eine Art menschlicher Schrotthaufen scheppernd und klappernd durch die Gegend getobt ist, was einen solchen Lärm verursacht hat, daß ein Anwohner erst die Polizei und diese dann die Feuerwehr gerufen hat, der es weder mit Öl und anderen Schmierstoffen noch mit Eis und Seife gelungen ist, den ballonartig angeschwollenen Mittelfinger aus seiner unsachgemäßen Halterung zu befreien. Erst als ein resoluter Feuerwehrmann einen Trennschleifer anbrachte und meinte, man werde das Malheur eben "auseinanderflexen" müssen, ist die Schwellung schlagartig abgeklungen und Herr Reithofer aus dem Stangenensemble heraus- und sofort in Ohnmacht gefallen.

Und obwohl er sich, wie gesagt, an nicht mehr viel erinnert, sieht man ihn seitdem täglich im Hinterhof an seinem alten "Brandenburg" herumschrauben, -feilen und -polieren, und dabei macht er ein irgendwie frohes, fast seliges Gesicht.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer