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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbierpraktikanten

Grün gerettet

BEFÖRDERUNGSERSCHLEICHUNG

rgendwie hat der kleine Fritzi den ganzen Morgen über das Gefühl gehabt, daß es wegen irgendwas ein Donnerwetter geben wird. Aber erst wie er in der Trambahn sitzt und plötzlich ein Mann harsch "So! Die Fahrscheine vorzeigen!" bellt, fällt ihm ein, daß seine Schülermonatskarte im Turnbeutel ist und er den Turnbeutel gestern beim Hakan liegen hat lassen, weil er den Legokasten mit dem Hyperraumbomber mitnehmen wollte, und jetzt versteht er, wieso der Vater vom Hakan gesagt hat, in dem Plan, daß der Hakan ihm den Turnbeutel mit in die Schule bringt, ist der Wurm drin.

Der Fritzi macht sich noch kleiner, als er sowieso ist, und eine alte Frau ganz hinten neben dem Stempelautomaten zischelt zu ihrer Sitznachbarin, es sei unhöflich, daß der Kontrolleur nicht einmal "Grüß Gott" oder irgendwas sagt, und da vergehe ihr gleich jede Lust, den sowieso sündteuren Fahrschein aus der Tasche herauszuwursteln. Die Nachbarin nickt eifrig und meint, die Kontrolleure seien generell so unverschämt, daß man sich wie ein Verbrecher vorkomme, bloß weil man mit der Trambahn fährt.

Der Kontrolleur sagt zu den beiden Frauen noch einmal "So! Fahrscheine!", und derweil sieht der Fritzi, wie der Elisabethplatz in Zeitlupe näherrückt, und sein Gesicht glüht wie ein Ofen. Ob er noch nie gehört habe, daß man "Bitte" sagt, brüllt ein Herr mit Hut und Gamsbart, und der Kontrolleur sagt, er solle sich da raushalten, er sei noch nicht dran. Die alte Frau macht keine Anstalten, ihre Tasche auch nur zu öffnen, derweil ihre Sitznachbarin zischt, sie kenne ihre Rechte und lasse sich nur von einer Frau kontrollieren.

Ob es Probleme gebe, ruft ein zweiter Kontrolleur aus dem vorderen Wagenteil. Sein Kollege antwortet, er habe die Sache im Griff, und da täuscht er sich gewaltig, was ihm in den Moment klar wird, als ihm die alte Frau ans Schienbein tritt, woraufhin der Herr mit dem Gamsbart brüllt, was ihm einfalle, hier die Leute zu mißhandeln, und ob er überhaupt selber einen Fahrschein besitze. Antworten kann der Kontrolleur nicht, weil ihm in dem folgenden Tumult aus vielen Armen, Regenschirmen, Einkaufstaschen und Spazierstöcken sein Kopf irgendwie zwischen die zwei Stangen unter dem Entwerter hineingeraten ist und dunkelrot anläuft. Röchelnd und ebenso wild wie blind um sich schlagend, gelingt es ihm zwar, sich zu befreien, dabei schlägt er der alten Frau jedoch die Handtasche vom Schoß, die durch den Waggon segelt und einer anderen Dame das Kopftuch vom Kopf und den Dutt auseinanderreißt, woraufhin die ganze Angelegenheit allgemein und hitzig wird.

Als die Trambahn samt dem tobenden Tohuwabohu am Elisabethplatz hält, flüchten der Kontrolleur und seine beiden Kollegen recht lädiert hinaus; ein Seeleriekopf, eine leere Coladose und ein Spazierstock fliegen hinterher, und der kleine Fritzi weiß hinterher nicht mehr recht, ob er aus Angst bis zur Pinakothek weitergefahren ist oder bloß aus Schusseligkeit, weil er plötzlich daran denken hat müssen, daß er früher davon geträumt hat, Trambahnfahrer zu werden. Jedenfalls kommt er eine gute halbe Stunde zu spät in die Schule, und als ihm der Hakan beichtet, daß er seinen Turnbeutel mit der Monatskarte daheim vergessen hat, sagt er, das sei egal, weil er die nächsten Tage sowieso lieber mit dem Radl in die Schule fahre.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer