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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche
Glocken

Bioweißbier-praktikanten

Grün gerettet

 

BABYLON

er grönländische Inuit-Dichter Kubok, anläßlich des Erscheinens einer ersten deutschen Werkausgabe zur Lesung in das Hinterzimmer der Stammkneipe von Herrn Reitinger geladen, zeigt sich baß erstaunt, als er, nach zweitägiger Flug-, Zug- und Trambahnreise in selbiger Lokalität angelangt, erfahren muß, daß der örtliche Schriftsteller und Feuilletonist Karl Friedrich Achenbach, der die (durch den bekannten Philosophen und Romanautor Halsmann besorgte) deutsche Übersetzung von Auszügen aus Kuboks Versepos "Thunall" vorzutragen sich ursprünglich bereiterklärt hat - unter der Bedingung, daß daneben auch ein nicht unwesentlicher Teil seines eigenen Gesamtwerks zum Vortrag komme -, seine Mitwirkung an Ort und Stelle und zehn Minuten vor dem geplanten Veranstaltungsbeginn sowie generell und überhaupt verweigert. Zur Begründung gibt Achenbach an, zu spät den deutschen Text erhalten zu haben, der ihm überdies, was den Ausschlag gebe, "nicht gefalle".

Die Diskussion, die sich entspinnt, ist polyphon und mühsam, da der eine Dichter des Deutschen, der andere des Inuit sowie ein großer Teil der Lokalbesetzung - nämlich das Stammpublikum - keiner der beiden Sprachen in genügendem Maße mächtig ist, um den jeweiligen Argumenten und Perspektiven Nachdruck verleihen zu können beziehungsweise sie überhaupt zu verstehen. Man fuchtelt mit Armen und Händen, doch geraten auch solche Kommunikationsversuche nicht schlüssig.

Der Dichter, den Umgang mit süddeutschen Brauereierzeugnissen nicht gewohnt, beschließt endlich, dem anschwellenden Wirrwarr gurgelnder Kehllaute, die ihm vollkommen unverständlich bleiben, aber zunehmend bedrohlich erscheinen, Einhalt zu gebieten, indem er einen Stuhl hinter den Tresen wirft und dabei den bis dahin unbeteiligten Wirt zwar um Handbreite verfehlt, jedoch seine Kaffeemaschine schlagartig außer Betrieb setzt und ein halbes Dutzend von den unersetzlichen Stammtischseideln in einen Haufen Keramikscherben verwandelt. Das, findet Herr Reithofer hinterher, sei der Tropfen gewesen, der das Faß zum Überlaufen brachte.

Über den weiteren Verlauf der Ereignisse ist wenig Belastbares zu ergründen. Die von Anwohnern mit der Meldung einer ganzen Reihe von Gasexplosionen oder etwas ähnlichem herbeigerufene Polizei kann nicht einmal ergründen, wer Täter, Opfer und Rädelsführer ist, geschweige denn worum es geht. Festgestellt wird immerhin, daß sich der Sachschaden auf etwa 14.000 Euro beläuft, zuzüglich einer etwas undurchsichtigen Forderung des Dichters Achenbach von 2.000 Euro wegen "Geschäftsschädigung". Er sei, wird er später vor Gericht anmelden, um eine Gage in noch nicht verhandelter Höhe gebracht, von einem herabfallenden "Löwenbräu"-Blechschild am Kopf verletzt und durch die unselige Veranstaltung insgesamt in den völlig ungerechtfertigten Ruch der Fremdenfeindlichkeit gerückt worden.

Die Lesungsreihe "Unsere nördlichen Nachbarn" wird noch an Ort und Stelle ersatzlos eingestellt; der Dichter Kubok gelangt durch einen bedauerlichen Irrtum in Abschiebehaft und wird, da mangels Sprachkenntnissen niemand in der Lage ist, seine Angaben zu prüfen oder zuzuordnen, nach Bosnien gebracht, wo sich seine Spur verliert. Laut Auskunft des geschädigten Wirtes von Herrn Reitingers Stammlokal kommt eine auf diplomatischem Weg dorthin geschickte Mahnung zur Begleichung wenn schon nicht der Schäden, dann doch wenigstens der erheblichen Zeche mit dem Vermerk "unbekannt" zurück. So etwas, meint Herr Reitinger, habe er von Anfang an vermutet.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer