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NÄCHTLICHE GLOCKEN
"Selber Ruhe!" schallt es zurück, dann ist wieder nur das monotone Läuten der Glocke von St. Ursula zu hören. "Dong! Dong! Dong!" brüllt Herr Hammler. Wenn er sich nicht gleich hinlege, werde sie wahnsinnig, schreit seine Frau. Es klingelt. Frau Hammler springt aus dem Bett und rennt zur Tür, weil sie ihrem Mann zuvorkommen und eine eventuelle handgreifliche Auseinandersetzung vermeiden möchte. Draußen steht der japanische Nachbar Watanabe und erklärt, er habe einen dumpfen Schlag gehört und mache sich Sorgen. Das sei wahrscheinlich ihr Mann gewesen, sagt Frau Hammler, der seit Stunden nicht schlafen könne, weil er ein solches Zahnweh habe. Erleichtert legt sie sich wieder ins Bett und beschließt, ihren Mann zu ignorieren. Zehn Minuten später steht Herr Watanabe wieder vor der Tür. Gegen Zahnschmerzen helfe am besten dieser japanische Kräutertee, sagt er, überreicht Frau Hammler eine dampfende Tasse und meint, er sei wegen des dumpfen Schlags noch nicht vollständig beruhigt. Ob ihr Mann nicht bei der alten Frau Reibeis nachsehen wolle, wo er doch als ehemaliger Hausmeister einen Zweitschlüssel habe? Es sei mitten in der Nacht, sagt Herr Hammler, da klingle man niemanden heraus, und ein japanisches Gebräu brauche er auch nicht, weil er jetzt sowieso genug habe und ein Bier trinke. Nach dem ersten Glas läßt er sich aber doch erweichen, zumindest an der Tür der Frau Reibeis zu horchen, ob alles in Ordnung sei. Jetzt habe man den Salat, stellt er bei seiner Rückkehr fest. Offenbar sei die alte Kachel von dem dauernden Glockengedröhn ins Koma gefallen, wenn nicht gar gleich gestorben, und liege jetzt so ungünstig hinter der Tür, daß diese nicht zu öffnen sei und man die Ohnmächtige wohl oder übel durchs Fenster verarzten müsse. Das, gibt Herr Watanabe zu bedenken, sei im dritten Stock so gut wie ausgeschlossen, er schlage daher vor, den Notarzt zu rufen und die Tür behutsam mit Gewalt zu öffnen. Als die Polizei am Ort des Geschehens eintrifft, ist dort einiges im Gange: Frau Reibeis keift, sie lasse sich nicht bei Nacht und Nebel aus ihrer Wohnung entführen; Herr Hammler brüllt, sie solle sich gefälligst der ärztlichen Notfallmaßnahme unterziehen, seine Frau kreischt, Frau Reibeis solle ihre Finger von ihrem Mann nehmen. Aus der Nachbarwohnung ertönt derart lautes Bumpern, daß ein Einsturz der Wand möglich erscheint, und hysterische "Ruhe!"-Schreie. Einer der beiden Sanitäter sitzt weinend auf der Treppe, hält sich die geschwollene Backe und jammert, er habe doch nur helfen wollen; der zweite versucht sich den Infusionsschlauch wieder vom Hals zu wickeln. Das Durcheinander eskaliert zum tobenden Chaos - doch plötzlich halten alle inne. "Was ist denn das?" fragt Frau Hammler entgeistert, und dann hört sie es: Die Glocken schweigen! Man fällt sich in die Arme, seufzt vor Erleichterung und beschließt, zu Bett zu gehen und den Verhau morgen in aller Ruhe aufzuräumen. e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer |
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