zurück zur Krawall-Hauptseite
 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche
Glocken

Bioweißbier-praktikanten

Grün gerettet

NÄCHTLICHE GLOCKEN

ach einer halben Stunde platzt Herrn Hammler der Kragen. Wenn dieses Läuten nicht bald aufhöre, sagt er zu seiner Frau, dann werde er einschreiten. Da könne kein Mensch ein Auge zutun, und ihm sei schon das "Engel des Herrn"-Gedröhn am Sonntagmittag zuviel. Er solle sich nicht so aufregen, sagt seine Frau und wischt sich eine Träne ab, schließlich sterbe auch nicht alle Tage ein Papst. Das sei ihm vollkommen egal, sagt Herr Hammler, aber es gehe nicht an, daß mitten in der Nacht ein solcher Radau gemacht werde, zumal wo ihm gerade erst durch die saudumme Sommerzeit eine Stunde Schlaf gestohlen worden sei. Dann, beschwichtigt ihn seine Frau, solle er halt das Fenster zumachen und auf jeden Fall aber mit dem Herumgelaufe im Schlafzimmer aufhören, weil sie sonst auch nicht einschlafen könne. Er laufe herum, soviel er wolle, sagt Herr Hammler, und wenn es nach einem halben Jahr Winter endlich wieder eine frische Luft gebe, dann lasse er sich nicht zwingen, den alten Muff zu schnaufen. Er beugt sich aus dem Fenster und brüllt: "Ruhe!"

"Selber Ruhe!" schallt es zurück, dann ist wieder nur das monotone Läuten der Glocke von St. Ursula zu hören. "Dong! Dong! Dong!" brüllt Herr Hammler. Wenn er sich nicht gleich hinlege, werde sie wahnsinnig, schreit seine Frau. Es klingelt. Frau Hammler springt aus dem Bett und rennt zur Tür, weil sie ihrem Mann zuvorkommen und eine eventuelle handgreifliche Auseinandersetzung vermeiden möchte. Draußen steht der japanische Nachbar Watanabe und erklärt, er habe einen dumpfen Schlag gehört und mache sich Sorgen. Das sei wahrscheinlich ihr Mann gewesen, sagt Frau Hammler, der seit Stunden nicht schlafen könne, weil er ein solches Zahnweh habe. Erleichtert legt sie sich wieder ins Bett und beschließt, ihren Mann zu ignorieren.

Zehn Minuten später steht Herr Watanabe wieder vor der Tür. Gegen Zahnschmerzen helfe am besten dieser japanische Kräutertee, sagt er, überreicht Frau Hammler eine dampfende Tasse und meint, er sei wegen des dumpfen Schlags noch nicht vollständig beruhigt. Ob ihr Mann nicht bei der alten Frau Reibeis nachsehen wolle, wo er doch als ehemaliger Hausmeister einen Zweitschlüssel habe? Es sei mitten in der Nacht, sagt Herr Hammler, da klingle man niemanden heraus, und ein japanisches Gebräu brauche er auch nicht, weil er jetzt sowieso genug habe und ein Bier trinke. Nach dem ersten Glas läßt er sich aber doch erweichen, zumindest an der Tür der Frau Reibeis zu horchen, ob alles in Ordnung sei.

Jetzt habe man den Salat, stellt er bei seiner Rückkehr fest. Offenbar sei die alte Kachel von dem dauernden Glockengedröhn ins Koma gefallen, wenn nicht gar gleich gestorben, und liege jetzt so ungünstig hinter der Tür, daß diese nicht zu öffnen sei und man die Ohnmächtige wohl oder übel durchs Fenster verarzten müsse. Das, gibt Herr Watanabe zu bedenken, sei im dritten Stock so gut wie ausgeschlossen, er schlage daher vor, den Notarzt zu rufen und die Tür behutsam mit Gewalt zu öffnen.

Als die Polizei am Ort des Geschehens eintrifft, ist dort einiges im Gange: Frau Reibeis keift, sie lasse sich nicht bei Nacht und Nebel aus ihrer Wohnung entführen; Herr Hammler brüllt, sie solle sich gefälligst der ärztlichen Notfallmaßnahme unterziehen, seine Frau kreischt, Frau Reibeis solle ihre Finger von ihrem Mann nehmen. Aus der Nachbarwohnung ertönt derart lautes Bumpern, daß ein Einsturz der Wand möglich erscheint, und hysterische "Ruhe!"-Schreie. Einer der beiden Sanitäter sitzt weinend auf der Treppe, hält sich die geschwollene Backe und jammert, er habe doch nur helfen wollen; der zweite versucht sich den Infusionsschlauch wieder vom Hals zu wickeln. Das Durcheinander eskaliert zum tobenden Chaos - doch plötzlich halten alle inne. "Was ist denn das?" fragt Frau Hammler entgeistert, und dann hört sie es: Die Glocken schweigen! Man fällt sich in die Arme, seufzt vor Erleichterung und beschließt, zu Bett zu gehen und den Verhau morgen in aller Ruhe aufzuräumen.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer