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Inhalt

Warm, irgendwie

Nachbarn und Bastarde

Der Fluch des Rückstrahlers

Eisern am Bach

Mord im Regal

Lieber lesen

Der Sonne entgegen

Unter Freunden

Dreißig tote Fernseher

Ladenschluß

Vergleichsweise

Ausklang

Jäger und Sammler

In Kreisen

Ausgeschmiert

Kehraus

Maskerade

Verwehungen

Bio-Gift-Alarm

Entbehrungen

Umstellung

Gesundheit!

Verkehrs-beunruhigung

Generalprobe

Schwierige Entsorgung

Not-Lösungen

Friede!

Nächste Runde

Kernkompetent

Wildmoser raus!

Fisch, Ei und Bier

Leberkäs und Kirschen

Ehrensache

Auf dem Stimmviehmarkt

Folgenreiche Vorsicht

Rätselhaftes Brummen

Nicht strafwürdig

Erinnerungsstücke

Verheizt

Verdrahtet

Wohnen und Arbeiten

Goldene Worte

Beförderungs-erschleichung

Ein Sprachwächter

Ausblicke

Fliegende Marmeladengläser

Eisiges Risiko

Babylon

Nächtliche Glocken

Bioweißbier-praktikanten

Grün gerettet

BIOWEISSBIERPRAKTIKANTEN

on einem Bioboom, sagt der Jackie nach dem ersten Schluck von seinem fünften Bier, hat er noch nie etwas gehört und wolle er auch nichts hören. Ihm sei ein anständiger Leberkäse allemal lieber als ein Körnerzeug, und außerdem sei eine Wurst von Haus aus bio, nämlich aus Tieren hergestellt, die ursprünglich gelebt hätten. Der dicke Kerl von dem Eventheft hat sich noch einen Soave bestellt und gesagt, das sei erstens kein Argument, zweitens nicht stichhaltig und drittens sowieso egal, weil er nun mal mit dem Bioboom als Aufmacher einen Haufen Anzeigenkunden an Land gezogen habe, und da könne er jetzt nicht hergehen und behaupten, es gebe gar keinen Bioboom, bloß weil ihm so ein dummer Praktikant abgesprungen sei.

Er werde halt, sagt der Hubsi mit einem Grinsen, dem Praktikanten mal wieder kein Geld bezahlt haben. Er solle ihm nicht mit Geld kommen, sagt der dicke Kerl, schließlich gehe es hier um Essen, und man könne doch einem Menschen kein Geld dafür bezahlen, daß er ißt, weil der Mensch essen sowieso muß. Das wäre ja noch schöner, und demnächst komme dann einer seiner Autoren daher und wolle Geld für seine Klatschspalte, womit er dann die Sauferei und womöglich irgendwelche Puffbesuche auch noch finanzieren dürfe.

Wie er sich das denn vorstelle, fragt der Jackie, der vom vielen Bier langsam einen Hunger kriegt. Das sei kinderleicht, sagt der dicke Kerl. Man müsse bloß hingehen in ein paar so Bioläden, sich was Tolles zu essen kaufen, das verzehren und aufschreiben, wie toll es sei. Das könne im Grunde ein jeder, aber er sei überzeugt, daß es niemand so gut könne wie der Jackie und der Hubsi.

Also sind der Jackie und der Hubsi gleich losgezogen, während sich der dicke Kerl zwei Pizzas bestellt hat. Freilich war es halt früher Nachmittag, und im Reformhaus um die Ecke hat die Verkäuferin in der weißen Arztschürze ein Beratungsgespräch mit einem Hinweis auf den Zustand der potentiellen Kunden kategorisch verweigert. Sie könnte ja wiederkommen, wenn sie nüchtern seien. Der Hubsi hat sich beim Hinausgehen noch ein Gebäckstück geklaut, aber das war erstens pappsüß, zweitens unmöglich zu kauen, und drittens wußte er ja gar nicht, ob das überhaupt bio war, also hat er es in die Jackentasche geschoben.

Auch in einem zweiten Laden ist wenig herausgekommen, weil die Schlange an der Kasse so lang war, daß der Jackie sein Bioweißbier gleich getrunken und dann so laut gekoppert hat, daß eine Dame in der Schlange gefragt hat, wo man da überhaupt sei. Da hat der Jackie angefangen, auf das Hippiegeschwerl zu schimpfen, und damit war der Einkaufsbummel schon wieder zu Ende.

Auf dem Elisabethmarkt wollte sich der Hubsi eine Biokäsesemmel kaufen, aber wie er sein Geld herausziehen wollte, hat er in das aufgeweichte Reformgebäck hineingelangt und sich spontan so geekelt, daß er "Bäh!" geschrien, das bappige Zeug auf den Boden geschmissen und die erstaunte Verkäuferin hat stehen lassen. In dem Jackie seinem Bioapfel war zwar kein Wurm, aber ein dermaßen großes Kernhaus, daß er voll draufgebissen und sich dabei die Zunge aufgeschnitten hat. Derweil ist der Jackie immer noch herumgehüpft und hat die Hand geschüttelt, und vom vielen Hüpfen ist das Bioweißbier in seinem Hosenbund geplatzt, wovon der Jackie so erschrocken ist, daß er vor dem Geflügelstand in die Auslage mit den Bioeiern hineingestürzt ist.

So, wie sie jetzt dahergekommen sind, da waren sich der Jackie und der Hubsi einig, könnten sie auf keinen Fall mehr eine Zeitungsgeschichte schreiben, und drum haben sie sich nebenan in den Biergarten gesetzt und sich zwei Maß gekauft. Der Hubsi hat sinniert, daß der dicke Kerl jetzt bestimmt sauer sein werde, aber der Jackie meinte, das sei wurst, schließlich sei das erstens sowieso ein Betrüger, außerdem hätte es für den Schmarrn noch nicht einmal ein Geld gegeben, und er sei schließlich kein Praktikant nicht oder irgend so ein Depp.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer