Geschrieben im Frühjahr 2002 für das von Frank Schäfer herausgegebene Buch "Tribute To Jimi Hendrix". Man sollte so etwas nicht erklären müssen, aber ich erkläre es jetzt doch mal: Die handelnden Personen sind Jimi Hendrix, Jim Morrison und Richey Edwards. Und leider ist mir zu Jimi Hendrix halt einfach nichts anderes eingefallen.

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(Slight Return)

Eine Veranda im tiefen Afrika, Abendstimmung: Ein müder Löwe furzt in den Sand (vielleicht war die letzte Gazelle doch eine Gazelle zuviel?), zwei Elefanten machen Rüsselwetthängen (es zählt der Abstand zum Boden), eiffelturmähnlich schlummern Giraffen in den Baumkronen, der Horizont glimmt diesig purpurn, der Wind ruft leise Mary. Auf der Veranda sitzen zwei ältliche Männer in Schaukelstühlen; beide sehen aus wie Jerry Garcia selig, der eine allerdings ein bißchen heller, der andere dunkler.

"Geiler Abend, Mann."

"Wär noch geiler, wenn's der erste wäre. Ist aber mindestens der zehntausendste."

"Weißt du noch, Jimi, wie wir uns das erste Mal getroffen haben?"

"Klar, Jimmyboy, das war bei dieser irren Session im Scene Club am 7. März 1968, mit Johnny Winter, Buddy Miles. Ich weiß allerdings nicht mehr viel davon, war ja fast so prall wie du."

"Prall? Und da weißt du sogar noch das Datum? Mann! Ich kann mich bloß noch erinnern, daß du ‚Woke Up This Morning And Found Yourself Dead' gespielt hast."

"Ja, prima Kalauer. Und guter Gag, sowieso. Aber an den Song kann ich mich nicht erinnern. Und das Datum weiß ich bloß noch, weil du mich schon tausend Mal danach gefragt hast und weil ich außer meinen alten Terminkalendern leider nichts zu lesen mitgenommen hab', damals."

"Siehste, so was schreib' ich mir selber. Irgendein Volltrottel hat das damals übrigens aufgenommen und mitgeschnitten, hab ich gehört. Ist inzwischen auf CD erschienen. Mindestens dreimal."

"Die sind doch wahnsinnig. Ich besitze noch nicht mal so'n CD-Ding, denn dann käme ich bestimmt irgendwann in Versuchung, mir meine eigenen Platten anzuschaffen. Das sind inzwischen Tausende! Vollkommen unmöglich, daß ich da überall dabei war."

"Das ist wahrscheinlich so 'ne Art Michelangelo-Sache."

"Fang nicht wieder mit deinen deutschen Philosophen an, Jimmyboy."

"Wie bist du eigentlich hier gelandet, Jimi?"

"Soll das heißen, du hast gar nicht gewußt, daß wir den gleichen Anwalt hatten, Jimmyboy?"

"Oh. Ach so."

"Aber es war schon ein ganz schöner Schlauch, erst die Geschichte mit der Perücke, dann der Ärger mit dem Paß, der Circus mit Monika, und als ich dann endlich im Flugzeug saß, waren alle Zeitungen voll mit dem Geheule. Ich seh Eric Burdon noch vor mir, der arme Kerl hat das jahrelang nicht überwunden. Immer wieder hat er einem Reporter vorgejammert: Jimi ist ermordet worden! von einem Krankenpfleger!"

"Wahrscheinlich hat er für jedes Interview zehn Dollar bekommen."

"Aber ehrlich, es war höchste Zeit. Glaubst du, irgendein Depp auf diesem Planeten hätte ‚Cry Of Love' gekauft, wenn der Typ auf dem Cover noch gelebt hätte? Chas wollte unbedingt was mit diesen Rüpeln aus Wolverhampton machen. Und in der Zeit vorher hatten mich sowieso alle abgeschrieben, wegen Buddy und der Band of Gypsys. Und danach wollten sie plötzlich jeden Furz, den ich irgendwann mal bei Little Richard in der Studiotoilette gelassen hab, auf zehn Platten pressen. Auch wenn's nicht mal mein Furz war."

"Kenn ich. Ich sage nur: ‚An American Prayer'. Da war ich bei der Aufnahme toter als heute, ha ha ha! Und das Zeug, das Manzarek und Densmore und dieser andere Kerl dazugedudelt haben, au weia!"

"Na ja, immerhin ist's mir erspart geblieben, daß irgendwer danach ohne mich weitergemacht und neue Platten produziert hat. ‚Other Strings' von der Mitch Mitchell Experience oder so was, Gott im Himmel!"

"Lach nur. Dafür steht heute auf jeder nutzlosen Platte von Noel Redding oder Fat Matress und wie das ganze Zeug heißt, immer ganz groß drauf: ‚File under Hendrix'! Ha! Ha!"

"Ach, ganz ehrlich: mir egal. Aber sag' mal, was hast du danach eigentlich gemacht, Jimmyboy?"

"Ach, erst mal gar nichts, wie die ganze Zeit davor auch, aber diesmal ohne Kameras. War froh, daß ich die alte Keule los war, hab'n bißchen weniger getrunken, also erst mal gar nichts mehr, ehrlich gesagt. War 'ne ziemlich harte Sache, aber die ersten vier Wochen hab ich mich sowieso nicht aus der Bude getraut, weil ich Angst hatte, mein Bild ist in allen Zeitungen. Dann bin ich zurück in die Staaten Und dann war ich ein Jahr lang auf Tournee."

"Auf Tournee?"

"Ja, mit der Alice Cooper Show; als Henker!"

Es ist dunkel geworden. Für ein paar Minuten herrscht vollkommene Ruhe. Dann nähert sich ein dünner, langhaariger Mann mit Rucksack dem schummerigen Lichtkreis der Veranda, wird langsamer, bleibt schließlich wie gelähmt stehen und starrt.

"Was gibt's denn da zu glotzen, Mann? Verpiß dich!" ruft der hellere der beiden ältlichen Herren. Der Mann bleibt stehen. "Also, wenn ich an so was glauben würde, dann würde ich glauben ...", stammelt er, "... dann würde ich meinen wollen, daß Sie doch tatsächlich Jim Morrison sind! Sind Sie's? Sind Sie's?"

"Ja, und ich bin Jimi Hendrix, Bruder!" ruft der dunklere der beiden ältlichen Herren. Der Mann überlegt kurz, tippt sich dann an die Stirn und zieht seines Weges.

"Der Trick zieht immer. Wie steht's eigentlich?"

"Achtunddreißig zu sechzehn für dich, Jimmyboy. Aber wir sollten nicht übermütig werden."

"Ach was, bis jetzt hat uns die Wahrheit noch keiner geglaubt. Außer diesem Kauz, der seit einiger Zeit jeden Abend in Miles' Bar am Tresen hängt und uns giftig ansieht. Was is'n das eigentlich für einer?"

"Richey? Keine Ahnung. Miles meint, er ist'n manischer Kaplan oder so was. Achte einfach nicht drauf."

"Ach, du kennst seinen Vornamen? Zu mir hat er bloß gesagt: Für Sie Mister Edwards, Sir."

"Mach dir nichts draus. Vielleicht mag er keine Gedichte."

Stille. Die Mitternachtslampe brennt.


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