Auf so einen Schmarrn kann man allein nicht kommen. Ich bin gar nicht darauf gekommen, sondern Michael Rudolf und Kay Sokolowsky während einer allseits in hohem Maße bierseligen Nachmittags-wanderung in der Fränkischen Schweiz im Mai 2003. Wie das so geht, setzte sich die Sache den ganzen Abend und die nächsten Tage fort, und endlich wurde ein veritabler (wiewohl virtueller) Almanach daraus, an dem dann auch ich mich und Jürgen Roth sich beteiligte. Was hier steht, ist mein Beitrag (soweit ich mich erinnern kann; ich hoffe, es ist kein Text aus der Feder der Freunde dazwischengerutscht). Eine Auswahl aus dem anekdotischen Sammelsurium erschien dann im Herbst 2003 tatsächlich gedruckt in Konkret. Und eines Tages findet sich vielleicht ein mutiger Verleger.

 
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Stadt, Land, Russ'

Stadt, Land, Russ'

Anekdoten aus der fränkischen Historie

1. Anschaulich

Als zum andern Male der Russ' im Frankenlande stand und daselbst gar fürchterlich hauste, wollte ein Pfarrer seine Gemeinde zur muthigen Gegenwehr erwecken und rief ihr die Worte zu: "Ha! schon sehe ich den Russ' anrücken, sehe ihn eindringen in euer Dorf, eure Häuser anzünden, eure Habe plündern, eure Weiber und Töchter entführen! Ja, er naht, er kommt, seht ihr die Fahnen wehen? Hört ihr die Trommeln wirbeln?" Bei diesen Worten trommelte er mit den Fäusten auf der Kanzel. Gleich darauf rief der Schulmeister, welchselbiger hinter der Kanzel stand: "Schnetterdeng! dereng! dengdeng!" Der Pfarrer drehte sich um und frug ihn leise: "Schulmeister, was thut er denn?" - "Ich helfe Ihnen, Herr Pfarrer", versetzte dieser, "ich kenne unsere Bauern; Infanterie allein thut's nicht, Kavallerie muß dabei sein!"

2. Unvollständige Plünderung

Von alters her ist wohlbekannt / die Mär vom Russ' im Frankenland: / Wie der Russ' sich mal erfrechte / das Land des Franken plündern mechte / vier Schnitzel sich alldort bestellte / und nach dem Biere durstig bellte / da trat der Frankenwirt heran / ob er wohl's Geld erst sehen kann. / Wie ward der Russ' da bitterböse! / und macht' ein schauerlich Getöse: / Es sey Tribut hinfort zu zahlen / sonst setze es die ärgsten Qualen! / Der Frank', indem er's Messer wetzte / fand, dies sei ja wohl das Letzte / und sprach: "Tribut? Den zahl'n wir selber! / Mach dich vom Hof, du Mohr, du gelber!" / Da war der Russe baß verbloffen / und ist in Eile fortgeloffen. / Der Franke aber lachte lange / noch nachts bei Bier und Kümmelstange / und fand, ein solch ein dumm Rindvieh / hab' er geseh'n im Leb'n noch nie.

3. Alles hat seinen Preis

Wie aber einmal ein von seinem Heerestroß versprengter Ruß, den der Hunger gar arg plagte, auf den Einödhof eines wackeren Frankenmannes schwankte und mit dem wenigen, was ihm an Stimmkraft noch verblieben, Atzung erflehte, da ward ihm der Tisch gedeckt und kredenzt die schönsten Erzeugnisse fränkischer Wurstkunst. Auch an kühlem, bittrem Bier ließ man es nicht fehlen, so daß der Ruß bald wähnte, er sei, obgleich er an ein solches gar nicht glaubte, ins Paradies wohl selbst geraten. Jedoch als er mit praller Wampe mühsam sich erhob, um von dannen zu ziehen, da trat der Frankenmann heran und reichte ihm die Rechnung, die noch um ein vieles üppiger ausgefallen war als Speis und Trank. Der Ruß erbleichte und, als er sich ein wenig erholt hatte, fragte, wie in des fränkischen Gottes Namen ein solcher Zechzins möglich sei und ob vielleicht nur alle heiligen Zeiten ein Metzger in diese unselige Gegend komme und die blauen Zipfel darob mit Golde aufgewogen würden. Der Metzger, versetzte der Frankenmann, komme öfter, aber nicht der Ruß. Und so zog selbiger zwar satt, doch ledig allen Raubguts und Solds und solchermaßen vollständig verarmt gen Osten, um fürderhin dem Kriege zu entsagen und ein anständig Handwerk zu erlernen.

4. Ein Mißverständnis

Als aber der Russ' einmal in großer Zahl vor Güssenwichsstein aufmarschierte und einen Boten zum Bürgermeister sandte, die Heraus- und Übergabe des Ortes mitsamt allen beweglichen, unbeweglichen, vor allem aber eß- und trinkbaren Gütern einzufordern, da mißlang es selbigem, sich wohlverständlich zu machen. Man beriet sich lange, wer das sei und was er wolle, und endlich, alldieweil der Russ' sein Anliegen zu wiederholen nicht müde wurde, rief ein Ratsherr, der die Welt gesehen hatte und darob für wohlgelahrt gelten mochte: "Der Schweizer ist's!" Nun galt der alte Brauch der Gastfreundschaft in Güssenwichsstein hoch, und während noch die Erkenntnisfreude tobte, hatten schon die Frankenfrauen den Kessel auf den Herd gehängt, um Käse zu schmelzen und solcherart dem Schweizer und den Seinen das Fondue zu bereiten, von dessen dortsamiger Unverzichtbarkeit der kluge Ratsherr zu künden wußte. Wie jedoch der Käse warm wurde und weil man das treffliche Rezept nicht kannte, da wehten Wolken üblen Muffs aus allen Häusern und zur Stadt hinaus. Der Russ', im Tagtraum schon Schnitzelberge vor Augen, die alsbald zu erklettern er innigst hoffte, erbleichte, brach die Zelte ab und floh von dannen. In Güssenwichsstein war großer Jubel, der indes bald verstummte, als die Rede darauf kam, wer nun für die verdorbenen Käsevorräte aufzukommen habe. Doch wiederum war der weitgereiste Ratsherr um Trost nicht verlegen, indem er verkündete, es sei in dero Schweiz durchaus üblich, in Franken zu bezahlen, und solcherdings sei man im Grunde ja noch gut weggekommen.

5. Absage

Ein Trupp der russischen Vorhut begegnete nach langem Marsch einem Franken, der seiner Wege ging. Da fragte ihn der Russ' barsch, ob er nun endlich in Franken sei. Er schon, entgegnete der Frankenmann mit fester Seele, aber er nicht. Ob solch rätselvoller Auskunft ward der Russ' der Schönheit Moskaus eingedenk, ließ Franken Franken sein und zog von dannen. Der brave Frankenmann aber, dessen tapferes Widerwort den schrecklichen Feind vertrieben hatte, wurde hinfort als Held verehrt. Noch heute erklingt sein Lob beim abendlichen Kellerbiertrunk, und sein heimatliches Städtchen Reußenfurt, vormals Wichsgössenhausen, ist gar vollends nach ihm benannt.

6. Roh

Viel war schon die Rede von der Kunst des Frankens, wo es an die treffliche Zubereitung des Schnitzels sowie des Bieres gehe. Wen möchte es verwundern, daß sich die Kunde von ellenbreiten Lappen feinsten Fleisches, wohlpaniert und in gewaltigen Pfannen in edlem Butterschmalz nach jeder Regel der Kunst zu bester Bräune herausgebraten, und Fässern voll schäumender Gerstenmalzkrone bis weit in die Ostmarken hinein verbreitete und den Russ' ein ander Mal verlockte, sich gen Westen zu wagen. Bald langte man am ersten fränkischen Dorf an und forderte unter wildem Schlachtengebrüll, infolge Brandschatzung und zwecks Tribut des Schnitzels und des Bieres stantepede herauszugeben, andernfalls kein fränkischer Stein auf dem andern bleibe. Doch wie groß war die Enttäuschung, als der Russ bemerkte, daß das Dorf von Mann und Maus verlassen lag und nicht ein Hund sich um ihn scherte, geschweige daß der Ruch von Butter oder Malz in der stillen Luft gelegen hätte. Nämlich war's der Tag des Kirchweihfests, den zum Einmarsch er gewählt, und hatte der Frank sich vollzählig nach Wichsengößdorf begeben, um daro zu feiern, bis die Schwarte krache, wie's der alte Brauch verlangt. Endlich traf der Russ auf einem Einödhof ein altes Mütterlein an und verlangte, indem er sich zu wütender Größe entfaltete: "Schnitzelski! Bierska! Grr!" Jedoch das Mütterlein war nicht bei rechtem Sinn mehr, und darob hatten die Ihren, eh sie sich zum Fest begeben, die Türen zu Küche und Sudhaus versperrt, um jedwedes Malheur zu hindern. So warf sie, da er sie barmte, dem Russ' hin: einen Haufen rohen Fleisches, ungeklopft und ohne Salz, zwei alte Semmeln und einen Humpen trocken Gerstenkorn. Da stand er ratlos eine Zeit, entschied sodann, es sei halt, wie so oft, rein gar nichts wahr an all den großen Mären, ließ seinem Boten die Fingernägel zupfen, damit er sich hinfürder mäßige, und kehrte hungrigen Bauchs zurück, woher er gekommen. Der Franke aber, als er die Bescherung fand, wähnte das Mütterlein nun ganz hinüber und sperrte es ins Austragshäusl, wo es still und zufrieden bis ins neunzigste Jahr lebte.

7. Vom Nutzen der Ergötzung

Ein Russ', so berichtet die Legende, der allein und für sich dahinzog, nach Atzung spähte und derweil und indem er fremd im Land des Franken war, allüberall Böses wähnte, begegnete einem Frankenmann, welcher am Wegesrande saß und soeben ein zartes Rebhühnlein auf der Hand hielt, es streichelte und liebkoste. Jener schien das nicht ohne Verwunderung mit anzusehen, wie ein so erhabner und von Kräften strotzender Mann an solcher Kurzweil sich ergötzte. "Was trägst du da in deiner Hand?" fragte der Franke. - "Gewehr!" antwortete der Russ' ohne Zögern. - "Warum ist es nicht gespannt?" - "Weil nicht gut für Mechanik, wenn immer gespannt!" - "Nun, so laß es dich auch nicht befremden, wenn ich meinen Geist ein wenig ausruhen lasse, um ihn zu neuen Arbeiten zu stärken!" versetzte der Franke, griff aber sodann in seinen Beutel; und wie der Russ' noch meinte, der freundliche Mann wolle sein Brot mit ihm brechen, ward er schon niedergeschossen. Am Abend aber, als der Franke im Wirtshaus bei gebratenem Rebhuhn und wohlgebrautem Kellerbiere den Seinigen von der Begegnung kündete, da war ein groß Gelächter und Verwunderung, wie ein Mann so dumm sein kann und dennoch so weit hergekommen.

8. Eine mißglückte Desertion

Wie einmal ein Russ' dem Mühlwerk des Militaire zu entkommen und zu solchem Behufe sich beim Franken zu verstecken trachtete, da geriet er an einen Einödbauern, den er ansprach, ob's wohl möglich sei, einige Zeit bei ihm unterzukommen. Der Frankenmann, dem armen Flüchtling durchaus zugetan, wiewohl er seine Rede nicht verstand, sah indes die Feldjäger des Russ' an der Wegscheid sich schon sammeln, und rief, solches dem Bittsteller ansichtig werden zu lassen: "Da! Da! Da!" Der Russ' hinwiederum deutete die Warnung ganz falsch und ward erhascht. Noch heute schüttelt man beim Bier den Kopf ob seiner Tumbheit.

9. Vom Lohn der Sünden

Von einem Frankenmädel hatte sich herumgesprochen, daß sie des Nachts wiederholt dem elterlichen Hof entschlichen war und sich, so sagte man, dem in den nahen Wäldern lagernden und die Stadt belagernden Russ' anheim gegeben habe. Solch liederlichem Tun wußten die braven Eltern nicht anders Einhalt zu gebieten, als den Dorfpfarrer hinzuzuziehen, der wohl im Bayerischen studiert hatte, gleichwohl ein Franke von rechtem Herz und Sinn war und die Dirn alsbald zur Beichte einbestellte. Der Beichtvater wollte dem Mädel die Schwere ihrer Sünden recht eindringlich vor Augen stellen und richtete demnach die Frage an sie: "Was hast du wohl mit deinen Sünden verdient?" Allein das Beichtkind entgegnete rasch: "Ach, Herr Pfarrer, ich verlange ja nichts dafür!" Da war's der Pfarrer auch zufrieden, denn es blieb ja alles unter sich.

10. Alles zur Zeit

Es ist der Russ' für seine Beharrlichkeit bekannt; was er einmal angefangen, gibt er ungern ganz verloren, und so zog im Jahre des HErrn 18.. wiederum ein großes Heer gen Franken, um festzustellen, was es auf sich habe mit den Mären von ungeheuerlichen Lauren, so man daroselbst dem duckschwülstigen Sauf=Gott Bacchus darzubringen pflege. Doch war die Zeit des Einmarschs schlecht gewählt, indem des Sommers drückende Hitze über das Soldatenvolk hereinbrach, kaum daß es Sachsens kühle Wälder hinter sich gelassen. Was das für ein Land sei, wo derart die Hitze brenne, erfragte der Heerführer von seinem Pionier. Dieser sann lange nach, saß über den mitgeführten Büchern und tat sodann kund, es müsse dies nach allem Fug und Sinn die Hölle selbst sein. Da verließ den Russ' aller Mut, und gleichwohl feiner Schnitzelduft sein Nashaar schon umkräuselte, erschien ihm dies Unternehmen doch allzu riskant, zumal da er wußte, daß auch jener, der an die Hölle nicht glaubt, am Ende doch hineinmuß und heraus nicht mehr kommt. So endete ein weiteres Mal der Ansturm, noch ehe der Franke etwas bemerken konnte, und doch war es gut, den HErrn zu loben.


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