Diese Geschichte ist in dieser Form etwas schwer darzustellen, weil es zwei Erzählebenen gibt, die sich auf dem Bildschirm nicht so leicht wiedergeben lassen wie auf Papier. Ob sie etwas taugt, weiß ich auch nicht. Geschrieben wurde sie am 8. November 1995 und danach nicht mehr wesentlich verändert. Ursprünglich war sie dann für den geplanten Erzählungsband "Atlantische Tagebücher" vorgesehen (der zwischendurch auch mal anders hieß, aber sowieso nie erschienen ist), und gedruckt worden ist sie noch nie; vorgelesen habe ich sie schon einmal bei einer Lesung, wo das mit den zwei Erzählebenen aber noch schwieriger war, weshalb die Reaktion der Zuhörer im wesentlichen aus Ratlosigkeit bestand.
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Stories

Sieht aus wie Regen

Kälte

Der unwirkliche Professor

Aus der Stille

Der alte Mann schweigt

Bilanz

Zwei Kinder

Die lustige Geschichte von dem Menschen H, der die Welt, in der er lebte, nicht ertrug und sich deshalb weigerte, ihr zu entfliehen

Ein Junge am Bildrand

Zwischenfall im Supermarkt

Titel: Der fremde Freund

AUS DER STILLE

Was war das für eine Geschichte?

Die Welt der Dinge stürmte mit erschreckender Gewalt auf sie ein, als sie die Augen öffnete, doch kannte sie jedes der Dinge so gut wie sich selbst. Besser, denn viele davon konnte man öffnen und umdrehen, während ihre Rückseite und ihr Inneres ihr so verborgen und rätselhaft geblieben waren wie den meisten von uns.

Was war passiert? Sie lag auf dem Bett, es war später Nachmittag. Sie blickte nach oben, weil ihre Augen so gerichtet waren, sah das vertraute, handtellergroße Stück gesprungener gelbweißer Farbe, das sich seit vielen Jahren millimeterweise von der Decke zu lösen schien, ohne je das zu tun, was sie längst erwartete: herabfallen, von einer frisch geschlüpften Spinnenbrut gesprengt sich lösen und ihr ins Gesicht fallen, womöglich in den schlafend geöffneten Mund.

Wie immer zog sie ihren Kopf ruckartig aus der möglichen Fallrichtung, kauerte am Bettrand und betrachtete die untere Kante des Schranks. Der war braun. Ihr Gehirn sprang nicht an, wie es das sonst zu tun pflegte. Kein Wunder, schließlich war später Nachmittag, und um diese Zeit hatte sie seit vielen Jahren nicht mehr im Bett gelegen. Das Licht versickerte in der braunen Schrankkante, der Fingerbreit Schatten, den die leicht überstehenden Türen gewöhnlich warfen, war fast nicht mehr zu sehen. Es war kalt, das Licht war grau, und sie wünschte, sie hätte nie geschlafen, hätte schon in jener ersten Nacht in diesem Zimmer vor vielen Jahren das Einschlafen vermieden, wäre statt dessen heimlich aufgestanden, hinausgegangen in ein anderes Leben, das sie nun nicht mehr zu erträumen wagte.

Er ging, und er ging.

Aus Gewohnheit setzte sie Kaffee auf, band sich ihre Schürze um, legte einen Löffel auf den Tisch, betrachtete sich im Spiegel. Wie konnte ihr das Stück Farbe in den Mund fallen, wo sie doch nachts mit fest geschlossenem Mund und röchelnder Nase lautstark mit den Zähnen zu knirschen pflegte, wie er nicht müde wurde, ihr morgens vorzuhalten, wenn er, dem Geruch des Kaffees folgend, aus dem Schlafzimmer trat und sich am Spiegel postierte, um sein Gesicht vor der Rasur in mürrischen Augenschein zu nehmen.

Er war nicht da, und es war später Nachmittag. Sie setzte sich an den Tisch, zog die Schublade in ihren Schoß und nahm eine Vitamintablette heraus, die sie schluckte, ohne es zu bemerken. Wie immer legte sie die Postkarte von der griechischen Insel danach über die Schachtel mit den Tabletten, um sie beim nächsten Öffnen der Schublade als erstes zu sehen, was sie nie tat, da die Karte jedesmal nach hinten verrutschte.

Er war nicht da, und der Kaffee war durch den Filter gelaufen.

Sie verharrte einen Moment mit der Hand am Radioknopf, kurz verharrte auch die Zeit, überließ sie ihrem Körper, der sofort groß und schwer wurde. Sie drehte den Knopf, ohne es zu wollen, eine Melodie erklang, gefolgt von der Stimme eines fröhlichen Mannes, der etwas über die Stadt da draußen erzählte: Autos standen an einem Ort, andere Autos sollten daher einen anderen Weg wählen. Sie nahm eine Tasse aus dem Schrank und fühlte die Welt um sich in sachten Strudeln kreisen.

Sie hatte ihre Tasse leergetrunken, und er war nicht da.

Stille. Keine Bewegung.

Er hatte sich vorgenommen, nichts zu sagen. Das hätte nach Plan ausgesehen. Es war kein Plan, er war dabei zu explodieren.

Er wußte nicht, wer das war, der da mit ihm den Weg entlangging, der da mit seiner Hand eine Tür öffnete, die in ein Dunkel führte, das er seit vielen Tagen so regelmäßig betrat, wie er es nur betrat, um der Dunkelheit zu entkommen, einzutreten in eine andere Welt, die auch seine nicht war, die ihn umfing mit Krallen des Vergehens, die stillstand und ihn lähmte. Er wollte auch nicht hinaus und wieder dahin gehen, aber die Zustände hoben sich auf wie eine diabolische Uhr: War eine Schale voll, ruckte sie nach unten, entleerte sich und machte Platz für die andere, sich zu füllen mit Nichts, bis sie dessen schwer wiederum nach unten sank, erbrach, was sie nie halten wollte, und sich dem Kreislauf aufs Neue ergab. Es mußte ein Zentrum geben, um das sich die Uhr drehte. Dieses Zentrum war ihm ein Loch, ein Loch in der Welt, die er kannte.

Er öffnete die Tür in den leeren Flur, gab sich nicht zu erkennen, da er nur er war und niemand ihn verkannte. Er warf ab, was vor die Tür und nicht zu ihm gehörte, er nahm nichts wahr, weil er alles kannte, und während sich und nicht er die Tür schloß, bemerkte er für einen Moment durch den schnell schmaler werdenden Spalt ein Gesicht, das aufsammelte, was er abgeworfen hatte, grinste und einen Finger an die Stirn hielt, die Augen nach innen, dann nach oben verdrehte und verschwunden war in dem Moment, als er es sah und der Spalt vergangen war.

Er sagte nichts, es wäre aufgefallen. Er aß, schluckte Dinge, die er nicht kannte, zerdrückte sie mit seinem Gaumen und schlang sie hinunter. Ihm gegenüber zeigte ein Kalender das Datum mit einem roten Plastikring. Darüber schien eine Sonne, über einem Holzhaus, vor dem ein Mann saß. Hinter dem Mann sah er zum ersten Mal Berge, die immer dagewesen waren. Ein Mann, der nichts tat als die Sonne hinter sich versinken zu lassen, ohne hinzusehen, eine Sonne, die nie versank, sondern immer zwischen ihm und den Bergen verharrte.

Er stand auf, seine Frau nickte, blätterte dann geräuschvoll die Zeitung um, erreichte wie jeden Tag die Todesanzeigen, als er aufstand, um etwas zu trinken zu holen. Er kannte das und hatte es doch nie gekannt.

Sie blickte aus dem Fenster. Dort war Dunkel. Nichts war zu hören, er war nicht da, und sie blieb sitzen und sah hinaus in das Dunkel.

Plötzlich zitterten seine Finger, als er das Döschen aus der Hosentasche zog, verstohlen, dachte er, ein Wort, das er gelesen hatte. Wenn es bedeutete, was er meinte, hatte er schon immer alles verstohlen getan, um sich nicht zu zeigen: hatte verstohlen gegessen, sich entleert - es gab keinen Schlüssel -, geschlafen (unter einer Decke, die nur ihn und sonst nichts bedeckt hatte, immer). Selbst aus dem Fenster gesehen: als wäre es nicht gut, dort etwas zu suchen, was es hier nicht gab. Und gearbeitet, Handgriffe ausgeführt, die er einst gelernt hatte, die sich immer mehr reduziert hatten auf etwas, was nicht mehr er tat, sondern jener Schatten, der mit ihm die Tür öffnete. Dabei innegehalten - nie hatte ihn jemand gefragt, ob er wohl nichts mehr zu tun habe, wie er sofort befürchtete, ehe er noch den Moment des Innehaltens ganz erreicht hatte, mit allen Nerven, mit den Augen und dem beständig ratternden inneren Mund gar -, innegehalten und etwas betrachtet, was seine Hände hielten und sofort weitergaben, was er nie mehr hielt und auch nicht halten wollte.

Wollte. Was wollte er? Er öffnete das Döschen, schüttete ungeschickt den Inhalt in zwei Gläser und goß aus der bereits geöffneten Flasche Bier darauf. Sie würde nichts merken, dachte er. Sie. Zu spät, sich zu fragen, wer sie war und was sie hierher verschlagen hatte, in seine Welt, die er nie bewohnen hatte wollen.

Sie stand auf, den Blick aus dem Fenster in das Dunkel gerichtet. Sie dachte nichts, nur eine Melodie, die sie einst im Radio gehört hatte. Die sie oft dachte in den leeren Zeiten dazwischen.

Er sah zu Boden, sie studierte das Fernsehprogramm. Er sah in seinen Teller, wo die Reste der weichen Kartoffeln antrockneten, in Spuren, die sein Löffel stehengelassen hatte. Sie griff nach dem Glas, deutete auf einen Punkt in der Zeitung, nickte und trank, ohne ihn anzusehen. Er dachte, während er trank, daß er sie gerne noch gesehen hätte. Vielleicht wären sie sich begegnet.

Die Melodie endete, und sie begann von neuem. Sie hielt ihre Kaffeetasse in den Wasserstrahl am Spülbecken, bemerkte zwei Gläser und zwei Teller. Sie hatte schon gegessen, es war später Nachmittag, und er war nicht da. Draußen war Dunkel. Sie öffnete die Tür zum Schlafzimmer.

»Laß uns ein wenig ausruhen«, sagte er, als ihre Hände nachgaben und ihr Kopf auf die Tischplatte sank. Vorsichtig führte er sie ins Schlafzimmer, schloß die Tür mit dem Fuß. Führte sich dorthin, deckte sie zu und deckte sich zu. Ich habe sie berührt, dachte er, als der schwarze Stein auf ihn fiel und er nicht mehr atmete.


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