Ich weiß beim besten Willen nicht mehr, wie ich auf so etwas gekommen bin; es war wohl nur ein Witz, und damals habe ich abends manchmal einfach drauflosgeschrieben (in diesem Fall am 21. September 1995). Weil mir irgendwas an dem Scherz beim Wiederlesen gut gefiel (ich glaube, es hatte mit der Wendung "auf gut Glück" und einigen weiteren seltsamen Begrifflichkeiten zu tun), sollte die Geschichte dann in dem Geschichtenbuch "Atlantische Tagebücher" unterkommen. Gedruckt worden ist sie noch nie, vorgelesen habe ich sie, glaube ich, ein paar Mal. Einmal davon sogar in einem richtigen Aufnahmestudio (im Gasteig), in das man mich eingeladen hatte, nachdem ich für meinen Roman "Die Verrückten stehen in der Sonne" ein Literaturstipendium der Stadt München erhalten hatte. Dafür ausgewählt wurde "Bilanz", weil das meine kürzeste Geschichte war. Sie lief dann eine Woche lang im "Literaturtelephon"; leider habe ich vergessen, selbst dort anzurufen und mich erzählen zu hören, was eine interessante Erfahrung hätte sein können.
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Stories

Sieht aus wie Regen

Kälte

Der unwirkliche Professor

Aus der Stille

Der alte Mann schweigt

Bilanz

Zwei Kinder

Die lustige Geschichte von dem Menschen H, der die Welt, in der er lebte, nicht ertrug und sich deshalb weigerte, ihr zu entfliehen

Ein Junge am Bildrand

Zwischenfall im Supermarkt

Titel: Der fremde Freund

BILANZ

Dreitausend Kalorien, dachte er. Die Packung log: Sie versprach Spaß. Er kaute und zählte. Durchschnittlich fünf Kaubewegungen pro Mundfüllung. Schlucken. Wieviel nun? Er betrachtete die Gabel, die auf halber Strecke zwischen Teller und Mund haltgemacht hatte. Masse und Sauce. Etwa zehn Gramm?

Er legte das Besteck auf den Teller, stand auf und kramte die elektronische Waage aus dem Schrank. Das Stück wog achtzehn Gramm. Er nahm es mit den Fingern von der Waage, kaute fünfmal und schluckte. Sein Glas trug eine fast unlesbare Aufschrift: 0,5 l. Wie oft trinke ich davon?

Wie viele solcher Abende waren vergangen? Diesmal nahm er den Taschenrechner. Das erste Jahr zog er auf gut Glück ab und kam auf fünfzehntausenddreihundertdreißig. Der Kalorienwert war schwerer zu berechnen; er beschloß, vom Durchschnitt auf gut Glück zehn Prozent abzuziehen. Über einundvierzig Millionen. Er staunte und berechnete auf ähnliche Weise sechstausendachthundertachtundneunzigeinhalb Liter.

Ob sechzig Paar Schuhe hinkamen? Er erinnerte sich an Winterstiefel, die er acht Jahre lang getragen hatte, bis der Schuhmacher mit verzweifeltem Gesicht den Kopf geschüttelt hatte. Ein paar weiße Sommerschuhe aus weichem Leder hatte er sich in einem Anfall von Leichtsinn im Urlaub gekauft, um sie dann nie zu tragen, weil er sich vor Kollegen darin unwohl gefühlt haben würde. Zwanzig Hosen? Vierzig Hemden? Zehn Pullover? Zehn Jacken? Fünf Mäntel? Je hundert Unterhosen und Unterhemden? Hundertfünfzig Paar Socken? Er schätzte auf gut Glück, da er sich an die wenigsten Kleidungsstücke erinnern konnte.

Er faltete die Zeitung zusammen und legte sie auf den zweiten Stuhl. Vierzig Seiten. Mal sechs. Für die Wochenendausgaben legte er auf gut Glück zwanzig Seiten drauf. Da er Feiertage dem Durchschnitt anheim fallen ließ, kam er auf knapp vierhunderttausend Seiten. Das war enorm.

Er blickte aus dem Fenster, wo es regnete. Das lag jenseits, weit jenseits seiner Kontrolle. Sein Magen meldete sich mit dem gewohnten dumpfen Brennen. Auf gut Glück schätzte er fünftausend. Die Tabletten lagen, wie fünftausendmal zuvor, in der Tischschublade. Zwei, macht zehntausend. Mal nullkommafünf Gramm gab wiederum fünftausend. Fünf Kilogramm.

Er setzte sich wieder, legte eine Hand auf den Magen und stützte mit der anderen den Kopf, sah ziellos in der Küche umher. Fünfzehn Liter Farbe, das war acht Jahre her. Weitere fünfzehn hatten insgesamt für Zimmer, Flur und Bad genügt. Bei seinem Einzug vor fünfundzwanzig Jahren und sieben Jahre später dürfte es sich um die selbe Menge gehandelt haben. Neunzig Liter Farbe. Zwei Walzen, weil er die erste beim dritten Anstrich im Keller verschimmelt vorgefunden hatte.

Er trug seinen Teller zum Spülbecken, nahm einen Meßbecher aus dem Schrank und drehte den Wasserhahn auf. Fünf Liter. Zwei-mal pro Woche, schätzte er auf gut Glück. Dreizehntausend Liter. Er sah den Wasserhahn mit anderen Augen. Einmal die Woche eine Badewanne, die wohl etwa zweihundertfünfzig Liter faßte: dreihundertfünfundzwanzigtausend Liter. Das ergab mit einem Aufschlag für Klo und Waschbecken, für den er auf gut Glück zehn Prozent festsetzte, dreihunderteinundsiebzigtausendachthundert Liter.

Die Mülltüte trug er jeden zweiten Tag zur Tonne. Sie war fast voll. Die Personenwaage zeigte etwa sechs Kilogramm. Siebenundzwanzigtausenddreihundertfünfundsiebzig. Die Menge seines Kotes konnte er nur schätzen, er nahm auf gut Glück dreihundert Gramm an und kam mit einem Abzug von zehn Prozent für die ersten Jahre auf viertausendsiebenhundertachteinhalb Kilogramm. Dazu errechnete er siebentausendachthundertsiebenundvierzigeinhalb Liter Flüssigkeit.

Ihm fiel nichts mehr ein: Er hatte nie geraucht, mochte keine Süßigkeiten. Kaffee vertrug er nicht, das Frühstück seiner Kindheit hatte ihm stets so schwer im Magen gelegen, daß er später darauf verzichtete.

Es blieben zwei weitere kleine Kapseln, zusammen nicht einmal ein Gramm schwer, um den ganzen Aufwand zu beenden.


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